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Einwohner besorgt : Ein Chemikalienlager im Umbau

Dominant: Die neuen Tanks würden im Industriegebiet am Gernsheimer Hafen mit 20 Meter Höhe alles andere überragen. Bild: Marcus Kaufhold

Das Solvadis-Tanklager am Gernsheimer Hafen soll ausgebaut werden. Die Pläne lösen nicht nur bei den direkten Anwohnern Sorge aus. Für den Bürgermeister ist ein „Verhinderungsplan“ jedoch keine Option.

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          Was sind fünf zusätzliche Tanks für ein Chemikalienlager, das schon über 51 Gefahrgutbehälter verfügt? Eine Erweiterung um gerade einmal zehn Prozent. Andererseits sollen die neuen Tanks, die die Solvadis Distribution GmbH am Gernsheimer Hafen aufstellen möchte, mit einem Fassungsvermögen von jeweils 2500 Kubikmetern deutlich größer und mit gut 20 Metern auch höher sein als alle bisher auf dem Gelände vorhandenen Modelle. Womit sich die Gesamtkapazität des am Rhein gelegenen Handelsplatzes, an dem vor allem Lösungsmittel wie Methanol, Aceton und Xylol für verschiedene Industriebranchen umgeschlagen werden, auf einen Schlag um mehr als 70 Prozent erhöhen würde.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Die von dem in Frankfurt ansässigen Unternehmen, das seit 2017 zum japanischen Sojitz-Konzern gehört, gewünschte Erweiterung wird von Anwohnern und der Initiative „Bürger in Acht“ strikt abgelehnt. Inzwischen haben sich auch die Gernsheimer Stadtverordneten und der Kreistag in Groß-Gerau in Stellungnahmen mehrheitlich gegen das Ausbauvorhaben positioniert. Darüber zu entscheiden hat am Ende allerdings das Regierungspräsidium Darmstadt.

          Weil nicht alle für die fachliche Prüfung notwendigen Unterlagen vorlägen, habe das eigentliche Genehmigungsverfahren, das mit sechs Monaten zu veranschlagen sei, noch nicht begonnen, teilte die Behörde auf Anfrage der F.A.Z. mit. Über den Ausgang wolle man nicht spekulieren. Da sich bei dem seit 2016 laufenden Verfahren zuletzt wieder einiges verändert habe – etwa mit Blick auf die zu lagernden Stoffe und eine von der Kommune geforderte Umweltverträglichkeitsprüfung –, werde eine weitere Offenlage notwendig. Es wäre die dritte. Die bestehende Anlage, die seit den sechziger Jahren betrieben werde, genieße hingegen Bestandsschutz. Im Tanklager Gernsheim werden laut Regierungspräsidium aktuell weder Sprengstoff noch hochexplosive oder selbstentzündliche Stoffe aufbewahrt; aber „entzündbare und potentiell toxische“ Vorprodukte der Chemieindustrie, hauptsächlich Lösungsmittel.

          Bürgermeister hält nichts von „Verhinderungsplanung“

          Die Nähe zu den kaum 40 Meter entfernten Wohnhäusern auf der anderen Seite der Mainzer Straße lässt viele Nachbarn trotzdem schlecht schlafen. Vor allem deshalb, weil sich der 1994 durch einen Blitzeinschlag verursachte Großbrand eines mit Methanol gefüllten Tanks tief ins Gedächtnis der Bevölkerung eingebrannt hat. Ein im Vergleich dazu kleinerer Zwischenfall im Januar dieses Jahres, als aus einem zur Autobahn fahrenden Tankwagen das giftige und leicht entzündliche Lösungsmittel Xylol auslief, hat ein Übriges getan. Viele Gernsheimer sehen das Geschäft mit den Gefahrgütern deshalb skeptisch. Wobei der Fehler damals vom Transportunternehmen und nicht von den eigenen Mitarbeitern gemacht worden sei, wie der zuständige Solvadis-Bereichsleiter, Georg Lammers, im Gespräch mit der F.A.Z. sagte.

          Umschlagplatz: Im Tanklager werden potentiell giftige Grundstoffe für die chemische Industrie zwischengelagert.

          Dass sich die Angst vor dem Tanklager mit jedem Meter, der zwischen der eigenen Wohnung und dem Hafen liegt, verringert, zeigt nicht zuletzt der Blick auf eine Internet-Petition. Bis gestern hatten 567 Unterstützer gegen die beabsichtigte Erweiterung unterschrieben. In Gernsheim leben allerdings mehr als 10.000 Einwohner.

          Bürgermeister Peter Burger (CDU) scheint von der geplanten Aufstockung zwar ebenfalls nicht angetan. Trotzdem habe Solvadis als langjähriger Pächter des Geländes „ein Recht auf ein ordentliches Genehmigungsverfahren“. Die Stadt selbst hat sich vorsorglich einen Fachanwalt an die Seite geholt. Doch auch wenn es noch etliche Fragen gebe, etwa hinsichtlich der gelagerten Stoffe und mit Blick auf das Störfallmanagement, hält Burger nichts von einer „Verhinderungsplanung“, wie sie von einzelnen Stadtverordneten erwogen werde.

          „H2O statt CO2“

          Der von einem hohen Malzwerk und dem Ladekran der Waibel KG geprägte Hafen sei de facto eine Art Industriegebiet, das gerade zu einem modernen trimodalen Umschlagplatz ausgebaut werde. Da könne die Kommune mittels eines Bebauungsplans wohl kaum steuernd eingreifen. Solvadis lagere zwar zugegebenermaßen viele Grundstoffe, die für die Herstellung von Alltagsprodukten in der Region benötigt würden, so Burger. Andererseits gelte auch der Satz: „Die Menge macht das Gift.“

          Aus Sicht des Unternehmens, das derzeit 19 Mitarbeiter beschäftigt, als Steuerzahler für die Stadt aber keine große Rolle spielen dürfte, geht es bei der beantragten Erweiterung um „die Warenverfügbarkeit“. Das Niedrigwasser des vergangenen Jahres habe gezeigt, dass einige Chemie- und Pharmaunternehmen die Produktion herunterfahren müssten, wenn es auf der Wasserstraße Rhein einmal nicht so wie gewohnt vorangehe. Notfalls seien die aus Übersee nach Rotterdam gebrachten Stoffe dann mit Lastwagen herbeizuschaffen, so Lammers. Was unter ökologischen Gesichtspunkten sicher kein Gewinn sei – und schlimmstenfalls zu weiteren Stauungen auf deutschen Straßen führe. Auch das Bundesverkehrsministerium empfehle unter dem Motto „H2O statt CO2“ deshalb, die Transport- und Lagerbedingungen auf und am Rhein zu verbessern.

          Übrigens sollen am Gernsheimer Hafen Lammers zufolge auch in Zukunft die gleichen Produkte umgeschlagen werden wie bisher; nur in größeren Mengen. Dabei handele es sich um Grundstoffe für alles Mögliche: von Kopfschmerztabletten über Kunststoffbrillen, Babycreme und Wandanstriche bis zu Nagellack und Klebstoff. Lammers verweist auf einen seit vielen Jahren reibungslosen Betrieb und auf regelmäßige Sicherheitsüberprüfungen. Nicht nur von der Aufsichtsbehörde, sondern auch durch die eigenen Großkunden, die einen Ruf zu verlieren und ebenfalls kein Interesse daran hätten, dass am Hafen etwas passiere.

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