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: Auf Seide gedruckte Oden

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Sie sei "das Entzücken der Wiesbadener", notierte der 1881 in Wiesbaden geborene Schriftsteller Alfons Paquet. Gemeint ist die russische Kapelle auf dem Neroberg. Vor 150 Jahren als Grabkirche für die ...

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          Sie sei "das Entzücken der Wiesbadener", notierte der 1881 in Wiesbaden geborene Schriftsteller Alfons Paquet. Gemeint ist die russische Kapelle auf dem Neroberg. Vor 150 Jahren als Grabkirche für die früh verstorbene nassauische Herzogin und russische Großfürstin Elisabeth geweiht, verleiht schon ihr exponierter Standort auf dem Gipfel des Nerobergs eine Anmutung des märchenhaft Entrückten. Heute gilt der helle Sandsteinbau mit seinen fünf vergoldeten Zwiebeltürmen als Wahrzeichen und wohl schönstes architektonisches Beispiel des in der Landeshauptstadt in vielen Facetten ausgeprägten romantischen Historismus.

          Von trauriger Romantik ist ihre Entstehungsgeschichte: Die Zarennichte Elisabeth Michailovna war gerade mal 17 Jahre alt, als Herzog Adolf sie als seine Gemahlin heimführte. Und schon im Jahr darauf starb sie mit ihrem Neugeborenen im Kindbett. Elisabeth soll die große Liebe des Herzogs gewesen sein.

          Das Projektbüro Stadtmuseum hat den 150. Jahrestag der Kirchenweihe zum Anlaß für eine Ausstellung genommen. Unter dem den Erinnerungen Paquets entnommenen Titel "Das Entzücken der Wiesbadener..." widmet sich diese nicht nur der Entstehungsgeschichte der Kapelle und ihrer von dem nassauischen Baumeister Philipp Hoffmann verantworteten Architektur, sondern beleuchtet auch das kurze Leben der Elisabeth und die Bedeutung ihrer Grabkirche als Wahrzeichen der Stadt und beliebtes Ausflugsziel.

          Anregung für den Bau der Kapelle hat sich Philipp Hoffmann - er zeichnete auch für die Architektur der Bonifatiuskirche und der von den Nazis zerstörten prachtvollen Synagoge am Michelsberg verantwortlich - auf einer Rußland-Reise geholt. Die dabei gewonnen Eindrücke sollen ihn bewogen haben, sich die Moskauer Erlöser-Kirche zum Vorbild zu nehmen. Das Grabmal im Kircheninneren schuf der Berliner Bildhauer Emil Hopfgarten in Anlehnung an das Königin-Luise-Grabmal in Berlin-Charlottenburg aus carrarischem Marmor. Nach siebenjähriger Bauzeit konnten die tote Mutter und ihr Kind, die der Herzog vorläufig hatte in der Bonifatiuskirche beisetzen lassen, in ihre letzte Ruhestätte überführt werden.

          Über die Kindheit der am 26. Mai 1826 in Moskau geborenen Zarennichte - ihr Vater, Großfürst Michael, war ein jüngerer Bruder von Nikolaus I. - und auch über ihr kurzes Dasein als Herzogin ist wenig überliefert. Ihre dem württembergischen Herrscherhaus entstammende Mutter, Großfürstin Helene, fand die Tochter "nicht eigentlich schön" und "eher unzugänglich als leutselig", wie sich Staatsminister Max von Gagern erinnerte; das von ihm in der Ausstellung wiedergegebene Zitat enthält aber auch Positives: Sie habe Charakter und werde sich wohltätig zeigen, soll die Mutter von ihr gesagt haben.

          Ein Taschenportrait, eines der wenigen von der Herzogin überlieferten Bildnisse, zeigt das durchaus ansprechende Gesicht einer sehr jungen Frau mit dunklem zurückgestecktem Haar, die sich dem Betrachter in einem Anflug von beinahe kindlichem Trotz zuzuwenden scheint - ganz so, als sei es ihr eher unbehaglich, sich in einer schulterfreien, aufwendigen Festrobe zur Schau zu stellen. Der elegante Schlangenarmreif mit großen Brillanten, den sie auf dem Bild trägt, ist ebenfalls in der Ausstellung zu sehen - beides sind Leihgaben des einst mit dem nassauischen Haus verbundenen Herzogtums Luxemburg.

          Ein ganz besonderes Exponat hat die hessische Landesbibliothek beigesteuert: Eine Festschrift in Reimen, auf mattglänzende Seide gedruckt, die der jungen Herzogin bei einem ihr zu Ehren im Kurhaus ausgerichteten festlichen Ball von der "Hof-, Militär- und Civildienerschaft" dediziert wurde - drei Tage nach ihrem von den Wiesbadenern bejubelten Einzug in die nassauische Residenz. Die Festschrift hat die Landesbibliothek gerade zeitlich passend zur Ausstellung erwerben können - mit Unterstützung der Nassauischen Sparkasse und ihrer Fördergesellschaft, deren Vorsitzender Winfried Hackhausen hofft, wie er bei der leihweisen Übergabe an Kulturdezernentin Rita Thies (Die Grünen) sagte, mit derlei kostbaren, auf die nassauische Geschichte verweisenden Raritäten auch eher bibliotheksferne Kreise ansprechen zu können.

          Die in feines Leder gebundene Schrift ist eine einzige Ode an die siebzehnjährige Elisabeth. Auf zehn in sandfarbene Seide gehüllten Seiten wird die "anmutreiche Fürstin" gerühmt, auf die das an edlen Gütern reiche Nassovia nur gewartet habe: "Elisabeth zieht ein und schmückt den Saal mit Liebeszauberschein. Mit Freude strahlt der fürstliche Gemahl, und tausend Herzen segnen seine Wahl..." HEIDI MÜLLER-GERBES

          (Die Ausstellung "Das Entzücken der Wiesbadener" ist bis zum 5. Juni im Projektbüro Stadtmuseum, Friedrichstraße 7, zu sehen.)

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