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Marburger Kindheitsmuseum : Auf den harten Bänken der Zwergschule

Landkarte statt Google-Earth: Schüler von heute bestaunen Lehrmittel von gestern Bild: F.A.Z. - Wohlfahrt

Kindheitsmuseen gibt es nur wenige, das Marburger gehört zu den schönsten. Zumal es eine Sammlung jüdischer Jugendbücher bietet. Nach der Übernahme durch einen Trägerverein hat es nun auch feste Öffnungszeiten.

          Es ist ein bisschen wie im Märchen. Eine schmale Treppe, gesäumt von dichten Sträuchern, führt steil hinauf zu einem Gebäude, das mit Erkern, Giebeln und verschnörkelten Fenstern, verborgen hinter hohen Bäumen, einem kleinen Schloss ähnelt. Das kommt nicht von ungefähr.

          Wolfram Ahlers

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Denn als es für Helge-Ulrike Hyams und ihren Mann Charles Barry darum ging, das passende Ambiente für ein ungewöhnliches Projekt zu finden, fiel ihre Wahl auf die ehemalige großbürgerliche Villa aus dem späten 19. Jahrhundert am Rande der Marburger Altstadt. „Wir haben ein Domizil gesucht, das die Phantasie anregt“, sagt die Hausherrin. Ihr Kindheitsmuseum soll die Besucher entführen in eine Ausstellung, die nicht nur zum Betrachten von Exponaten einlädt. Sich in die vergangene Welt von Jungen und Mädchen hineinversetzen, die eigene Kindheit reflektieren: Das sei das Ziel der Präsentationen.

          Angeregt vom Londoner „Museum of Childhood“

          Obwohl eines der wenigen seiner Art in Europa, lag das Marburger Kindheitsmuseum zuletzt nur noch in Händen der Mitbegründerin, nachdem ihr Mann gestorben war. Mit der Folge, dass Besucher lediglich nach Absprache kommen konnten. Das ändert sich nun wieder: Um die Zukunft der Institution zu sichern und mehr Publikum zu locken, hat die Fünfundsechzigjährige die Trägerschaft des Museums vor kurzem an einen Verein übergeben, zu dessen Mitgliedern Pädagogen, Historiker, aber auch Vertreter aus Wirtschaft und Politik zählen. Unterstützung bekommt Hyams nicht zuletzt von der Marburger Freiwilligenagentur, also von engagierten Bürgern, die ihr auf ehrenamtlicher Basis helfen, um die Sammlungen für einen Museumsbetrieb mit geregelten Öffnungszeiten neu zu ordnen, Führungen für Schulklassen oder Absolventen von Pädagogikseminaren zu koordinieren.

          Anregungen für ihr Museum hatten die Marburger Pädagogik-Professorin Helge-Ulrike Hyams und der aus England stammende Ethnologe Charles Barry Hyams vom „Museum of Childhood“ in London bekommen. Mit Unterstützung des Marburger Kulturamts erwarben die beiden Ende der siebziger Jahre die „Hütersche Villa“, dessen Erbauer, der Mediziner und Philanthrop Victor Hüter, sich um die Jahrhundertwende auch dadurch verdient machte, weil er der Stadt Marburg sein Vermögen für eine Stiftung zur Verfügung stellte, die dem Wohl bedürftiger Kinder diente.

          Über viele Jahre trugen die Hyams all das zusammen, was sie in ihrem Museum unterbringen wollten. So stöberten sie auf Dachböden, sie klopften bei Schulen an, um Speicher und Keller nach Relikten aus früheren Tagen zu durchforsten. Auf der Suche nach Spuren der Kindheit, die sie überall durch Deutschland führte, nahmen sie Kontakt auf mit Menschen unterschiedlicher Herkunft, die ihnen liebgewonnene Alltagsgegenstände und Spielsachen überließen, als sie von dem Vorhaben hörten, wie Helge-Ulrike Hyams sagt. Viel Zeit kostete es, die vielen Gegenstände zu inventarisieren und für die Präsentation aufzuarbeiten.

          Unterricht vor 100 Jahren

          Dazu zählt beispielsweise der Nachbau eines Klassenzimmers, das einen Eindruck vermittelt, wie es vor etwa 100 Jahren in einer Dorfschule des Marburger Landes zuging: Auf harten Holzbänken mussten die Kinder Haltung bewahren, wenn sie auf Schiefertafeln mit spitzen Griffeln das Einmaleins oder das ABC aufschrieben. Die unterschiedlichen Größen der Bänke erinnern daran, dass in den Zwergschulen Jungen und Mädchen mehrerer Altersstufen gemeinsam am Unterricht teilnahmen.

          Wie es die Lehrer damals schafften, Erst- bis Sechstklässler gleichzeitig zu unterrichten, ist eine der häufig gestellten Fragen, welche die Museumsleiterin beim Rundgang erläutert. Wie einfach Kinderzimmer selbst bessergestellter Familien eingerichtet waren, zeigt das Museum ebenfalls. Himmelbett, Stühlchen, Kleiderschrank, Waschkommode, Puppe und Stofftier – daraus bestand das Kinderreich vor weniger als 100 Jahren.

          Die Werkstatt eines Puppendoktors soll die jungen Museumsbesucher mit einem Beruf bekanntmachen, den es kaum noch gibt, seit Spielzeug für wenig Geld zu bekommen ist. Eine Sammlung mit Bilderbüchern, Fotoserien oder Tagebuchaufzeichnungen vermittelt einen Eindruck, wie Kinder in anderen Ländern und Kulturen aufwachsen, was der Alltag etwa in rauher Natur von ihnen abverlangt, wovon sie träumen und welches ihre Spielgefährten sind.

          Bibliothek beliebt für Recherchen

          Auch Wissenschaftler suchen das Museum für Recherchen auf. Ihr Interesse gilt insbesondere der Bibliothek, die rund 2000 Titel umfasst. Einzelne Dokumente datieren bis ins 16. Jahrhundert, und zumindest vom späten 18. Jahrhundert an lässt sich anhand einer Vielzahl von Schriften ein umfassender Eindruck davon gewinnen, wie sich Lehrinhalte und Unterrichts- und Erziehungsmethoden im Laufe der Zeit verändert haben. Kaum ihresgleichen hat die von Charles Barry Hyams in Jahrzehnten zusammengetragene Sammlung jüdischer Kinderbücher aus dem deutschsprachigen Raum.

          Die ältesten Exemplare erschienen vor gut 200 Jahren, bei dem jüngsten handelt es sich um eines der letzten Bücher, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten gedruckt wurden – 1938, kurz vor der Reichspogromnacht. Einen großen Teil dieser mehrere hundert Bücher umfassenden Spezialsammlung hat Hyams von Nachfahren solcher Familien erhalten, die noch zu Beginn der NS-Diktatur auswanderten, also Hab und Gut retten konnten. Andere dieser bibliophilen Raritäten erwarb Hyams in Antiquariaten in Europa und Übersee.

          Diese Kinderbücher spiegeln ein Bild differenzierter Weltanschauung und unterschiedlicher kultureller Verwurzelung wider. So finden sich in der Sammlung Titel aus der zionistischen Bewegung mit Geschichten, die Kindern für „das Gelobte Land“ sensibilisieren sollten. In anderen Erzählungen geht es darum, Jungen und Mädchen für ein Leben nach alttestamentarischem Glauben anzuhalten. Wieder andere haben deutsche Märchen und Sagen zum Inhalt.

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