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Aschaffenburg : Sprungbrett für die Staatskanzlei

Thomas Goppel Bild: ddp

Sollte Stoiber nicht mehr antreten, wäre der gebürtige Aschaffenburger Thomas Goppel vielleicht ein Kompromisskandidat. Schon sein Vater war Ministerpräsident.

          Wenn es um das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten geht, kann die Aschaffenburger CSU wahrlich mitreden. Mit Hanns Seidel und Alfons Goppel stellte sie schon zwei bedeutende Regierungschefs, die den Freistaat insgesamt fast zwanzig Jahre lang regierten. Auch Franz Josef Strauß fühlte sich dem nordwestlichen Zipfel Bayerns sehr verbunden. Er soll den Spätburgunder aus dem Landkreis Miltenberg geschätzt haben und dort gern auf die Jagd gegangen sein. Sein damaliger Adlatus Edmund Stoiber wurde im Wald nicht gesichtet.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Allgegenwärtig war er hingegen am Sonntagabend beim Neujahrsempfang der CSU in Aschaffenburg - als Gesprächsthema. Norbert Geis, Vorsitzender der CSU im Landkreis, Bundestagsabgeordneter und sturmerprobter Parteisoldat, nahm den umstrittenen Regierungschef in Schutz. „Es ist ihm nichts vorzuwerfen. Man kann nur festhalten, dass er eine gute Politik macht.“ Geis bestritt, dass in der CSU ein Komplott geschmiedet werde. Bei einem Treffen der Grundsatzkommission habe er am Freitag den Eindruck gewonnen, dass die maßgeblichen Leute auf eine konstruktive Lösung zusteuerten.

          Mögliche Nachfolger Stoibers

          Seine mit Bedacht formulierte Prognose zur Zukunft Stoibers zeugte allerdings auch von einer gewissen Unsicherheit: „Die CSU wird einen solchen Mann mit solchen Erfolgen nicht von heute auf morgen in die Wüste schicken.“ Christa Stewens, Staatsministerin für Arbeit, Soziales, Familie und Frauen, beschränkte sich in ihrer Rede auf das Versprechen, dass die CSU die Debatte in dieser Woche „mit einer Stimme“ beenden werde. Auch die Landtagsabgeordneten Peter Winter, Manfred Christ und Berthold Rüth (Kreis Miltenberg) hielten sich bedeckt.

          Nur Henning Kaul aus Alzenau, der im Maximilianeum den Umweltausschuss leitet, wollte die kritischen Stimmen in seiner Fraktion nicht verhehlen. „Der Ministerpräsident ist dabei, die Position der CSU in der Bevölkerung, die auch sein Verdienst ist, aufs Spiel zu setzen.“ Deshalb sei in der Fraktion inzwischen „schon eine Menge passiert“. Im Hinblick auf die bei der Klausurtagung in Wildbad Kreuth vorgesehene Aussprache der Landtagsabgeordneten mit Stoiber sagte Kaul: „Wir wissen, was wir wollen.“

          In den Spekulationen der rund 400 Gäste über mögliche Nachfolger Stoibers spielte am Sonntagabend noch ein weiterer gebürtiger Aschaffenburger eine Rolle, dem unter den Auguren zumindest Außenseiterchancen eingeräumt werden: Alfons Goppels Sohn Thomas gehört dem Kabinett Stoiber als Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst an - nachdem er zuvor Staatssekretär, Europaminister, Umweltminister und Generalsekretär der CSU war. Die operative Arbeit an der Spitze der Partei in den Jahren 1999 bis 2003 gilt als Goppels Meisterstück. Er nutzte diese Zeit dazu, sich bis in die letzten Verästelungen der CSU hinein Freunde zu machen.

          Engagierter und fähiger Minister

          Goppel, dessen Wahlkreis am Ammersee liegt und zu den schönsten in Bayern zählt, gilt in der Fraktion und insbesondere bei den Abgeordneten vom Untermain als engagierter und fähiger Minister, der beispielsweise die Hochschulreform inklusive der heiklen Einführung der Studiengebühren sehr professionell und umsichtig auf den Weg gebracht habe. Einer seiner Brüder wohnt mit seiner Familie noch heute in Johannesberg im Landkreis Aschaffenburg.

          Der Name des in Salzburg promovierten Pädagogen wurde auch im Herbst 2005 schon genannt. Während Stoiber auf dem Sprung nach Berlin zu sein schien, schlug der Kreisverband Coburg Goppel offiziell als Nachfolger vor. Die Agenturen zitierten ihn mit der Reaktion: „Das ist nett, aber nicht hilfreich.“ In der aktuellen Debatte wird darauf verwiesen, dass Goppel aus Unterfranken stamme und seine politische Heimat in Oberbayern habe. Die ihm daraus erwachsende Kraft zur Integration könne ein unschätzbarer Vorteil sein. Seine Chancen, diesmal wie einst sein Vater als allseits geachteter Kompromisskandidat zum Zuge zu kommen, hängen von der Konstellation ab, die sich in dieser Woche innerhalb von Stunden ändern kann.

          Dabei könnte auch die Erfahrung des Neunundfünfzigjährigen ins Gewicht fallen. Sogar den unfreiwilligen Verzicht seines Vaters auf eine weitere Amtszeit hat Thomas Goppel aus nächster Nähe miterlebt. Da er im Jahr 1978 selbst schon Parlamentarier war, konnte ihm nicht entgehen, wie eine Gruppe von Fraktionskollegen dem amtierenden Regierungschef klarmachte, dass es Zeit sei, die Staatskanzlei für Franz Josef Strauß zu räumen. Einer aus der Riege damals hieß Edmund Stoiber.

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