https://www.faz.net/-gzg-6rska

Aschaffenburg : Schlappeseppel-Skandal und sittenlose Stiftsherren

  • -Aktualisiert am

Eine Station der neuen Stadtführung „Trinken und Betrinken in Aschaffenburg”: Brauerei Schlappeseppel Bild: Foto Rainer Wohlfahrt

in jüngster Zeit erregt der Schlappeseppel-Streit Gemüter in Aschaffenburg. Doch die Stadt hat mehr Aufreger rund ums Bier zu bieten: Dies zeigt die Stadtführung zu „Trinken und Betrinken in Aschaffenburg“.

          3 Min.

          Anika Magath hat einen Nerv getroffen. Während in Aschaffenburg die Tage des Schlappeseppel – Biers im Schlappeseppel gezählt sind, bietet die Ethnologin eine Führung zur Trinkkultur in Aschaffenburg an. „Von Schlappeseppel und Pompejaner – Das Trinken und Betrinken in Aschaffenburg“ nennt sich der einstündige Rundgang auf den Spuren des Alkohols. Die Doktorandin an der Universität Würzburg hat aus dem Thema ihrer Magisterprüfung „Die Kulturgeschichte des Alkohols“ eine Stadtführung konzipiert. Sie habe nach einem Thema aus der Alltagskultur gesucht, das nicht so klassisch sei, erzählt die 26 Jahre alte Aschaffenburgerin, die schon seit einiger Zeit als Stadtführerin unterwegs ist.

          Die Idee zur Führung sei ihr schon vor den Ereignissen im Schlappeseppel gekommen. Wie berichtet, wird in dem Aschaffenburger Lokal von Oktober an kein Schlappeseppel- Bier mehr ausgeschenkt, da der Besitzer Conrad Vogel den Vertrag mit der Eder & Heylands Brauerei nicht mehr verlängert hatte. Stattdessen wird demnächst Gerstensaft der Miltenberger Brauerei Faust aus den Zapfhähnen fließen. Anika Magath erwähnt in ihrer Führung den „Schlappeseppel-Skandal“ der in der Stadt immer weitere Kreise zieht und sogar Stadträte dazu veranlasst, sich öffentlich um die Zukunft des „Kulturguts Schlappeseppel“ zu sorgen.

          Ein bisschen mit den Jahreszahlen geschummelt

          Die 15 Führungsteilnehmer, vor allem Männer und Frauen in mittlerem Alter, sind über die aktuelle Lage bestens informiert. Dass in der Vergangenheit des Schlappeseppels ein bisschen mit den Jahreszahlen geschummelt wurde, ist allerdings den meisten von ihnen nicht bekannt. Hans-Bernd Spies, der Leiter des Stadt- und Stiftsarchivs hatte herausgefunden, dass die Brauerei nicht 1631, sondern erst 1803 gegründet worden war. „Da es 1803 das Erzstift Mainz nicht mehr gab, war die Brauerei Schlappeseppel auch niemals „Vormals kurmainzisches Hofbrauhaus“ wie es an der Fürstengasse immer noch zu lesen ist“, sagt Spies.

          Auch Anika Magath verweist die Geschichte von einem Schlappeseppel genannten hinkenden schwedischen Brauer, der sich 1631 in Aschaffenburg niedergelassen haben soll, in das Reich der Anekdoten. Das sei einfach nur eine nette Geschichte, die sich die Brauerei 1930 ausgedacht habe. Keine Anekdote dagegen ist der Aschaffenburger Aufstand gegen den Lieferantenwechsel. Die Nachricht habe sich in Facebook wie ein Lauffeuer verbreitet, Protest-T-Shirts würden verkauft, einige Fans hätten sich sogar das Schlappeseppel-Symbol, den kleinen roten Fassroller, tätowieren lassen. Ein Schild lässt sich einfacher entfernen als ein Tattoo. Der rote Fassroller vor dem Lokal ist verschwunden, stattdessen schmücken weiß-blaue Banner mit einem Männchen mit Hinkefuss, das auf einem Fass hockt, die Fassade.

          Bayerisches Bier und Frankenwein

          Für alle diejenigen, die vorerst aus Protest den Bierkonsum verweigern, hat Anika Magath eine gute Nachricht. Aschaffenburg bietet durch seine besondere geografische Lage nicht nur bayerisches Bier und Frankenwein, in der Stadt wird auch das hessische Nationalgetränk „Äbbelwoi“ gerne konsumiert. Daran herrscht kein Mangel, wohingegen der Aschaffenburger Pompejaner Wein nur noch zu besonderen Anlässen ausgeschenkt wird. Von der Schlosstreppe aus hat die Gruppe den kleinen Weinberg unterhalb des Pompejanums gut im Blick. Aschaffenburger Wein war allerdings nicht immer knapp. Zu Zeiten der Kurfürsten lagerten über eine Million Liter Wein in den Kellern von Schloss Johannisburg, weiß Magath.

          Aschaffenburg habe gemessen an der Bevölkerungszahl die höchste Kneipendichte in Bayern, erzählt die Ethnologin während sie mit ihrer Gruppe durch die engen Gassen der Altstadt schlendert. Die Aschaffenburger Stiftsherren ließen sich nicht in den Kneipen entlang des Dalbergs blicken, sondern feierten lieber eigene Feste. Die Stadtführerin berichtet von pikanten Details dieser Festivitäten, die durch die Ausgrabungen am Theaterplatz bekannt geworden sind. Archäologen entdeckten Weingläser, Bierseidel und Pisspötte, die offenbar als Trinkgefässe benutzt worden waren.

          Die „Sperrzeit-Diskussion“

          Von der Trinkkultur der „sittenlosen Stiftsherren“ spannt Magath am Rossmarkt, dem Treffpunkt Aschaffenburger Jugendlicher, den Bogen zur Gegenwart. Sie schildert die Konflikte zwischen Anwohnern, die sich in ihrer Nachtruhe gestört fühlen und Jugendlichen, die an den Wochenenden auch gerne im Freien vor den Kneipen lautstark feiern. Vor dem „Schlappeseppel-Skandal“ erregte die „Sperrzeit-Diskussion“, die die örtliche CSU angestoßen hatte, die Gemüter der Stadtbewohner. Magath wirbt um Verständnis für die Jugendlichen, bevor sie ihre Zuhörerinnen und Zuhörer in das Aschaffenburger Nachtleben entlässt: „Die moderne Version der Satyrn und Bacchanten treiben hier ihr Unwesen“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der russische Oligarch Wjatscheslaw Mosche Kantor

          Auschwitz-Gedenken in Israel : Eine Bühne für Putin

          In Jerusalem erinnert das erste „Welt-Holocaust-Forum“ an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Ohne politische Verwerfungen läuft das nicht ab – ein russischer Oligarch spielt dabei eine pikante Rolle.
          Ein Mitarbeiter versprüht Desinfektionsspray an einem Bahnhof in Wuhan.

          Neuartige Lungenkrankheit : „Wir sind nun in der kritischsten Phase“

          Seit Sonntag ist die Gesamtzahl der mit dem Coronavirus Infizierten in China um das Siebenfache gestiegen, die Behörden melden inzwischen 17 Todesfälle. Die jährliche Reisewelle zum Neujahrsfest wird deshalb zur Herausforderung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.