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Aschaffenburg : Schlappeseppel ohne Schlappeseppel

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Stoff für den Stammtisch: Das Traditionslokal Schlappeseppel wechselt nach 33 Jahren die Brauerei und wird seinem Namen untreu. Bild: Rainer Wohlfahrt

In dem Aschaffenburger Traditionsgasthaus Schlappeseppel soll Bier aus Miltenberg ausgeschenkt werden. Das sorgt für Empörung, nicht nur bei Stammgästen.

          Nach den vermeintlichen Rüpel-Radlern in der Fußgängerzone regen sich die Aschaffenburger über ein neues Thema auf. In der Traditionsgaststätte Schlappeseppel soll von Oktober an nicht mehr Schlappeseppel-Bier ausgeschenkt werden, sondern Gerstensaft aus Miltenberg. Der Besitzer des Lokals mit Kultstatus, der 81 Jahte alte Konrad Vogel, hat das Auslaufen des Vertrags mit der Eder & Heylands Brauerei in Großostheim dazu genutzt, sich einen neuen Bierlieferanten zu suchen. Seine Wahl fiel auf das Brauhaus Faust.

          Der Biermarkenwechsel ist keine Lappalie, wie Vogel nicht nur von Stammkunden zu hören bekommt. Auch die Miltenberger Brauerei, die mit dem Werbespruch „Das bleibt unter uns“ für sich wirbt, muss beim Verfassen der Pressemitteilung geahnt haben, dass unruhige Zeiten auf sie zukommen könnten. Die Stammgäste würden wohl „aufhorchen“, wenn sie erführen, dass sich nach 33 Jahren in der Gaststätte gegenüber dem Schloss ein Wechsel vollziehen werde, hatten sie vermutet.

          Doch schon am Tag nach dieser Ankündigung braute sich über den Stammtischen was zusammen. Auch im Netz formierte sich Protest, und auf Facebook gründete sich eine Gruppe „Gegen den Ausschank von Faust-Bier im Schlappeseppel“. Die Reaktionen reichen von „Kann es etwas Schlimmeres geben?“ bis hin zu Bemerkungen wie „Toll. Denn endlich merkt jeder, dass Schlappeseppel ein Industriebier ist“.

          „Sehr attraktives Angebot“

          Weshalb mit der Tradition gebrochen wurde und die Schlappeseppel-Gäste sich nicht mehr am gleichnamigen Bier laben dürfen, ist unklar. Vogel spricht davon, dass die Verbindung mit Eder nie eine „Liebesheirat“ gewesen sei. Offensichtlich ist die Beziehung über die Jahre auch nicht besser geworden, so dass sich der Gastronom zur Trennung entschloss.

          Er fühle sich nach dem Auslaufen des Vertrags so frei wie jemand nach dem Mauerfall, beschreibt Vogel das offensichtlich nicht besonders innige Geschäftsverhältnis. Für Faust hat er sich nach seinen Worten entschieden, weil das Brauhaus wie Schlappeseppel über eine lange Tradition verfüge (es wurde 1654 gegründet) und ein in der Region verwurzeltes Familienunternehmen sei. Überzeugt hat ihn auch die Bierzubereitung mit offener Gärung.

          Der ehemalige Bierlieferant hat sich jetzt ebenfalls in die Debatte eingemischt. Der Geschäftsführer der Eder & Heylands Brauerei, Friedbert Eder, sagte, er bedauere die Entscheidung. Er sei aber weiterhin bereit, sich einer „tragfähigen Lösung“ nicht zu verschließen. Nach seinen Angaben hat es von seiner Seite ein „sehr attraktives Angebot“ an die Familie Vogel gegeben. Dieses sei jedoch nicht ernsthaft geprüft worden. Eder zufolge wird in Großostheim weiter Schlappeseppel-Bier gebraut. Schließlich lägen die Marken- und Braurechte für diese Bierspezialität seit zwölf Jahren bei den Großostheimern. Schlappeseppel sei das „beste Pferd im Stall“, heißt es bei Eder & Heylands. Es macht unter den vier Marken deutlich über die Hälfte des Gesamtumsatzes aus.

          Der Geschäftsführer nimmt für sein Unternehmen in Anspruch, „das Schlappe“, wie es im Volksmund heißt, erst erfolgreich gemacht zu haben. Davon habe auch die Gaststätte profitiert, wo vor zehn Jahren weniger als die Hälfte des heutigen Umsatzes ausgeschenkt worden sei. Heute fließen jährlich rund 2000 Hektoliter die Kehlen hinunter.

          Schlappeseppel ohne „Schlapp“-Bier

          Eder spricht von einem „Bruch“, wenn es demnächst im Schlappeseppel kein gleichnamiges Bier mehr geben werde. Das Lokal und „das Schlappe“ seien Begriff und Teil des Aschaffenburger Lebens. Es geht jedoch nicht nur um verletzte Gefühle. Denn die Kultgaststätte, in der der Kabarettist Urban Priol oder die Karikaturisten dieser Zeitung, Greser und Lenz, Stammgäste sind, war für das Marketing der Großostheimer von unschätzbarem Wert. Dass dort bald ein Konkurrent seinen Hopfensaft ausschenken darf, kann sie nicht freuen.

          Bis 1978 hatte Vogel die elterliche Brauerei Schlappeseppel geleitet. Dann verkaufte er die Braurechte an die Aschaffenburger Heylands-Brauerei der Familie Schwind und schloss mit dieser einen Liefervertrag für die Gaststätte Schlappeseppel über 33 Jahre. Kurze Zeit war er noch als Berater für Heylands tätig, bis er sich für seine eigentliche Leidenschaft, die Fliegerei, entschied. Das Lokal wie auch die Braustätte selbst befinden sich nach wie vor im Eigentum der Familie Vogel. Durch mehrmaligen Verkauf von Heylands an die März-Gruppe, Henninger und an Dietmar Hopp von SAP landeten die Rechte schließlich bei Eder.

          Vogel bezeichnet es heute als Fehler, dass er damals im Vertrag mit Schwind keine Klausel eingefügt habe, dass sämtliche Rechte bei einem Besitzerwechsel an ihn zurückgehen sollten. „Doch wer hätte vor 33 Jahren geahnt, dass Heylands einmal verkauft werden würde?“ Das schien damals genauso unverstellbar wie heute ein Schlappeseppel ohne „Schlapp“-Bier.

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