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Aschaffenburg : Bayern ausgebremst

Achtung, Kind! Im Auto der Zukunft könnte ein Sender Signale aus dem Schulranzen empfangen Bild: picture-alliance/ dpa

Der hessische Teil des Rhein-Main-Gebiets soll Standort eines Forschungs- und Entwicklungsprojekts werden, das die Sicherheit auf den Straßen erhöht und den Verkehrsfluss beschleunigt.

          Der hessische Teil des Rhein-Main-Gebiets soll Standort eines Forschungs- und Entwicklungsprojekts werden, das die Sicherheit auf den Straßen erhöht und den Verkehrsfluss beschleunigt. Nach Informationen der F.A.Z. sind dafür rund 38 Millionen Euro aus der Innovationsförderung des Bundes vorgesehen. Die offizielle Entscheidung der zuständigen Ministerien in Berlin wird am 25. Mai bekanntgegeben.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Das Vorhaben geht auf eine Initiative des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) zurück. Sie hat das Ziel, Basistechnologien zur Marktreife zu bringen, die das Autofahren sicherer machen und den Verkehrsfluss verbessern. Dazu tauschen Fahrzeuge zum Beispiel Informationen über Staus oder Unfälle aus, oder sie kommunizieren mit Menschen und Infrastruktur – indem sie etwa Geschwindigkeitsbeschränkungen im Spiegel anzeigen und den Fahrer durch ein Vibrieren des Lenkrads warnen, wenn er sie ignoriert.

          Suche nach potentiellen Standorten

          Bevor solche Technologien in Deutschland flächendeckend eingeführt werden können, müssen sie in praktischen Feldversuchen erprobt werden. Um die dafür nötige Testregion auszuwählen sowie die Inhalte und Kosten ihrer konkreten Vorhaben zu erarbeiten, bildete sich unter der Federführung des VDA ein Konsortium aus den Unternehmen Audi, BMW, Daimler-Chrysler, Ford, Opel, VW, Bosch, Continental, Siemens, Deutsche Telekom und den drei Bundesministerien für Forschung, Verkehr und Wirtschaft.

          Vertreter dieses Konsortiums haben sich im vergangenen Jahr in ganz Deutschland nach potentiellen Standorten von Testfeldern umgesehen. Zu den Regionen, die sich angeboten hatten, zählte nach den Angaben des VDA neben Berlin, dem Großraum Hannover-Braunschweig-Magdeburg und Saarbrücken auch das Rhein-Main-Gebiet. Es fiel dadurch aus dem Rahmen, dass gleich zwei voneinander unabhängige Konzepte vorgelegt wurden.

          Am Bayerischen Untermain präsentierte der Geschäftsführer des Technologiezentrums (Zentec), Gerald Heimann, die Vorstellungen des Kooperationsverbundes Fahrzeugsicherheit. Mit einer knappen Viertelmillion Euro unterstützten der Freistaat, Kommunen und Geldinstitute die Arbeiten für die Bewerbung. Gleichzeitig entwickelte die Gesellschaft Integriertes Verkehrsmanagement Region Frankfurt Rhein-Main (IVM) unter der Leitung von Jürg Sparmann ein Konzept, in dessen Mittelpunkt die Verbesserung des Verkehrsflusses stand.

          Briefwechsel zwischen Wiesbaden und München

          Heimann berichtet, dass die Bayern schon im Frühjahr 2006 „Kooperationspotentiale“ erkannt hätten und auf die Hessen zugegangen seien. Diese hätten aber die Auffassung vertreten, es sei noch zu früh, um über eine etwaige Zusammenarbeit zu entscheiden. In diesem Sinne äußerte sich, wie zu hören ist, zur Mitte des Jahres auch der hessische Wirtschafts- und Verkehrsminister Alois Rhiel (CDU) gegenüber seinem bayerischen Amtskollegen Erwin Huber (CSU).

          Als im Dezember durchsickerte, dass sich nur noch die beiden Bewerbungen aus dem Rhein-Main-Gebiet und das Konzept aus Berlin in der engeren Wahl befanden, schlug Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) in einem Schreiben an den hessischen Regierungschef Roland Koch (CDU) den Schulterschluss vor, damit nicht am Ende beide leer ausgingen. Aber auch dieser Briefwechsel, den die Sprecher der Regierungen in Wiesbaden und München nicht kommentieren, führte nicht zu einer gemeinsamen Bewerbung. Immerhin soll Koch seinem bayerischen Kollegen für den Fall, dass das Projekt Hessen zugesprochen werde, eine spätere punktuelle Beteiligung in Aussicht gestellt haben.

          Inzwischen haben die Vertreter des Konsortiums nach Informationen der F.A.Z. in Gesprächen mit den drei Bundesministerien ihre Präferenz für den hessischen Teil des Rhein-Main-Gebiets deutlich gemacht. Wie eine Sprecherin des Bundesforschungsministeriums auf Anfrage sagte, verlassen sich die drei Häuser bei ihrer Auswahl auf das „sachliche und fachliche Votum“ dieses Kreises: „Wir haben immer gesagt, dass dies keine politische Entscheidung ist.“

          „Die gesamte Region soll zusammenarbeiten“

          „Wenn Hessen den Zuschlag bekäme, wäre das für Bayern viel besser als der Zuschlag für Berlin“, meint der Leiter der Münchner Staatskanzlei, Eberhard Sinner (CSU). Er spricht sich dafür aus, dass „die gesamte Region“ in dem Projekt umfassend zusammenarbeite. Dies biete sich an. Denn Hessen habe ein gutes Autobahnnetz mit telematischen Anlagen und verfüge mit der Universität Darmstadt über eine etablierte Forschungseinrichtung. Der Bayerische Untermain sei ein wichtiges Zentrum der Fahrzeugsicherheit und Sitz zahlreicher Unternehmen der Zulieferindustrie.

          Kooperativ gibt sich auch Sparmann: „Wir haben nie nein gesagt“, betont er. Als die Vertreter des Bayerischen Untermains im vergangenen Jahr an ihn herangetreten seien, habe man nicht erkennen können, ob eine Kooperation der beiden Bewerber aus dem Rhein-Main-Gebiet die Erfolgschancen tatsächlich erhöht hätte. Es sei nicht klar gewesen, worin der „Mehrwert“ bestanden hätte.

          Sparmann vermutet, dass „die modernste Verkehrszentrale Deutschlands“ im Frankfurter Stadtteil Rödelheim und die telematischen Anlagen auf der Autobahn 5 bei der Auswahl eine wichtige Rolle gespielt hätten. Er könne sich aber auch vorstellen, dass am Ende ein Abschnitt der Autobahn 3 als Testfeld dienen solle. Weil der Bayerische Untermain Teil der Rhein-Main-Region sei, plädiere er für eine Zusammenarbeit über die Landesgrenze hinweg. Die Entscheidung darüber liege allerdings nicht bei ihm. Vielmehr müsse auf Bundesebene geklärt werden, was der Bayerische Untermain in das Programm des VDA einbringen könne.

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