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Aschaffenburg : Am Anfang war die neue Einkaufswelt sogar umstritten

  • Aktualisiert am
          3 Min.

          Manchmal hängen zukunftsweisende Projekte an einem seidenen Faden. Ein Glücksfall für die Stadt war die Gründung der City Galerie vor dreißigJahren, denn vor allem das Geschäftszentrum hat Aschaffenburg zu einer attraktiven Einkaufsstadt mit Ausstrahlungskraft ins Rhein-Main-Gebiet gemacht. Daß dies gelingen könnte, war vor drei Jahrzehnten allerdings höchst umstritten. Um ein Haar wäre das ehrgeizige Projekt, das europaweit größte Einkaufszentrum in einer Mittelstadt zu bauen, am Veto des Stadtrats gescheitert. Nachdem der etablierte Einzelhandel gegen das Vorhaben Sturm gelaufen war, stimmte der Stadtrat mit nur einer Stimme Mehrheit zu, wie sich der damalige Oberbürgermeister Willi Reiland (SPD) erinnert.

          Reiland war noch nicht lange im Amt und als junger Mann bereit, das Neue zu wagen und Widerständen zu trotzen. Der potentielle Investor, die Grundvermögens- und Verwaltungsgesellschaft mbH in Hamburg, hatte mit ihm auf den richtigen Mann gesetzt. Sein Vorgänger Vinzenz Schwind ("Überparteiliche Einheitsliste", zuvor CSU) hatte sich zurückhaltend gezeigt, weshalb man sich im Wahlkampf an seinen Herausforderer Reiland gewandt hatte. Dieser ließ sich begeistern und setzte die City Galerie nach seiner Wahl durch. Gleichzeitig gab er den innerstädtischen Einzelhändlern eine vermeintliche zweite Kröte zu schlucken: Theo Kahl, Sohn eines angesehenen Geschäftsinhabers, späterer Vorsitzender des Einzelhandelsverbands und heutiger CSU-Stadtrat, brachte Reiland auf den Gedanken, der künftigen City Galerie in der Innenstadt einen Schwerpunkt entgegenzusetzen. Damit war die Idee der Fußgängerzone an der Herstallstraße geboren. Im Juli 1973 beschlossen, war sie schon im November und damit noch vor der Eröffnung der City Galerie fertiggestellt.

          Gegen Ende der Umbauzeit lief Reiland nur noch mit hochgeschlagenem Mantelkragen durch die Herstallstraße, denn bei den Ladenbesitzern, die um ihre Existenz fürchteten, war er nicht gerne gesehen. Die Kunden blieben fern, wenn sie nicht mit dem Auto vorfahren könnten, so die Befürchtung der Händler. Aber sie irrten: Der Einzelhandel blühte auf, und die City Galerie erwies sich als Magnet für die Innenstadt. Einzigartig waren nicht nur ihre Größe und das Konzept als "Rundumversorger", sondern vor allem die Lage im Herzen der Stadt. Während andere Einkaufszentren an den Peripherien der Städte hochgezogen wurden, konnte man in Aschaffenburg den Einkauf im Zentrum mit einem Bummel durch die Altstadt mit deren Sehenswürdigkeiten verbinden. Dieser gewichtige Vorteil hat bis heute nichts von seiner Wirkung verloren.

          Am 7.März 1974, nach einer Bauzeit von sechzehnMonaten, strömten erstmals Kunden in das Einkaufszentrum auf dem ehemaligen Areal der Buntpapierfabrik an der Goldbacher Straße. Die gewerbliche Nutzfläche umfaßte 44000 Quadratmeter, dazu kam der Vierkantturm mit Büroflächen. Investiert worden waren rund 83Millionen Mark, wobei die beiden Hauptanbieter, Kaufhof AG und C&A, in Eigenregie und auf eigene Kosten gebaut hatten. Auf vier Verkaufsebenen waren darüber hinaus Neckermann, das Kaufhaus Berhard sowie vierzig weitere Fachgeschäfte und Dienstleistungsbetriebe vertreten. Ein Parkhaus mit rund 1500Plätzen, dazu Ruhezonen, Grünflächen und gastronomische Angebote vervollständigten das Einkaufserlebnis.

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