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Abschalten zum Vogelschutz : Wenn die Flügel trotz Wind stillstehen

  • Aktualisiert am

Oberhalb vom hessischen Elz stehen mehrere Windräder. Bild: dpa

Windräder müssen sich eigentlich drehen, um grünen Strom zu produzieren. Doch dann können sie eine Gefahr für Tiere sein. Als Kompromiss werden die Räder zeitweise abgestellt – nicht jeder hält das für sinnvoll.

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          Für die einen sind sie eine saubere Energiequelle, für andere ein „Vogelschredder“: An Windrädern scheiden sich die Geister. Behörden stecken oft in einem Dilemma. Sie sollen den Ausbau der grünen Energie ermöglichen und gleichzeitig Artenschutz sicherstellen. Der Kompromiss lautet oft: Abschaltzeiten. Doch die sind umstritten.

          „Zeitweise Betriebseinschränkungen“ heißt es im Behördenjargon, wenn Windräder stillstehen müssen. Die Ursachen können vielfältig sein: Kranichzug, Fledermäuse, Lärmschutz oder der geschützte Rotmilan und Schwarzstorch. Denn Vögel können durch die drehenden Rotoren getötet werden. Der Gedanke hinter Abschaltzeiten: Wenn die Tiere voraussichtlich fliegen, soll das Windrad stillstehen. Wann, bei welchem Wetter und wie lange, müssen Gutachten klären. Auf den Tisch kommen solche Auflagen bei der Genehmigung durch die Regierungspräsidien.

          Wie viele der 1178 Windkraftanlagen in Hessen zeitweise stillstehen, ist unklar. Weder die Regierungspräsidien noch das Umweltministerium führen Buch. Die Tendenz ist aber eindeutig: „Heute wird fast jede Windkraftanlage mit einer Einschränkung der Betriebszeiten betrieben“, erklärte ein Sprecher des Regierungspräsidiums Darmstadt.

          Die Auflagen können verheerend sein

          Joachim Wierlemann, Vorsitzender des Landesverbands Windenergie, zweifelt grundsätzlich am Sinn der Abschaltzeiten: „Die Abschaltungen sind hochgradig unsinnig und sollen die Windkraftgegner beruhigen, helfen tut das den Arten nicht.“ Bei Vögeln wisse man mangels fundierter Untersuchungen nicht, wie sinnvoll diese Maßnahme sei. Europaweite Forschungen mit besenderten Rotmilanen zeigten aber, dass der Verlust an Tieren durch Windräder unter einem Prozent der besenderten Vögel liege.

          Dass die Behörden seit Jahren öfter Abschaltzeiten zur Auflage machen, hat in seinen Augen einen anderen Grund: „Die Behörden wollen sicher sein, dass sie vor Gericht nicht verlieren, es wird mittlerweile fast jede Genehmigung beklagt.“ Die Windrad-Betreiber müssen dann kalkulieren: Lohnt sich eine Windkraftanlage noch? Verheerend seien Auflagen, wenn sie nach dem Bau entschieden würden.

          Zudem seien die bisherigen Abschaltsysteme zu intransparent: Abschaltungen für Fledermäuse und Vögel kalkuliere man oft mit dem Verlust von einem Prozent der erzeugten Jahresleistung ein. Doch weil die Anlagen sich anhand von Werten wie Temperatur und Windgeschwindigkeiten selbst abschalten, stehen laut Wierlemann unter dem Strich auch mal drei Prozent oder mehr. Das gehe zulasten des Gewinns - die Kosten für die Anlage blieben gleich.

          Die logische Konsequenz: Keine Anlage

          Zudem seien von den Abschaltungen ohnehin meist Standorte mit geringen Windgeschwindigkeiten betroffen. Allerdings profitieren die Betreiber solcher Standorte auch von Ausgleichszahlungen für Schwachwindstandorte durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), mit denen der Windradbau in der Mitte Deutschlands gefördert werden soll.

          Bürgerinitiativen sind nicht zwangsläufig Fans der Abschaltzeiten. So wird seit Jahren um Windkraftanlagen im nordhessischen Reinhardswald gestritten. Unter anderem soll dort ein Windpark mit 20 Anlagen entstehen – jetzt wird über umfangreiche Abschaltzeiten debattiert. Die Windkraftkritiker befürchten ein Szenario, in dem Anlagen „den überwiegenden Teil des Jahres“ stillstehen.

          Das bringe dem Klimaschutz nichts und der Bürger zahle am Ende dafür über seine Stromrechnung und die EEG-Umlage, sagt Gabriele Niehaus-Uebel, Vorsitzende der Bürgerinitiative Oberweser-Bramwald. Die logische Konsequenz für die Initiative: keine Anlagen. „Wenn der Artenschutz Verhinderungskriterium ist, dann ist es so.“ Der Betreiber des Projektes, die Windpark Reinhardswald GmbH, spricht dagegen von „seriöser und konservativer Herangehensweise“. Konzepte für Abschaltungen gibt es, aber in welchem Umfang und ob diese überhaupt nötig seien, würden Untersuchungen noch zeigen.

          Tötungsverbot war bisher eine Hürde

          Verbandsvertreter Wierlemann fordert den Verzicht auf Abschaltzeiten. „Wir müssen Artenschutz betreiben und nicht Individuenschutz.“ Statt einzelne Tiere zu schützen, gehe es darum, die Lebensbedingungen für die ganze Art zu verbessern.

          Für Behörden war bisher das Tötungsverbot besonders geschützter Arten eine Hürde. Allerdings ist das nicht unantastbar, wie kürzlich ein Urteil des Wiesbadener Verwaltungsgerichts zeigte: Das gab einem Energieversorger Recht, der auf dem Taunuskamm einen Windpark errichten will. Die Gefahr für dort lebende Wanderfalken sei kein Grund, den Bau nicht zu genehmigen, so das Urteil. Die Windräder würden zur Versorgung und damit zur öffentlichen Sicherheit beitragen, daher liege eine Ausnahme vom Tötungsverbot vor.

          Naturschützer sind in einem Dilemma: „Für den BUND ist der naturverträgliche Ausbau der Windenergie ein ganz wichtiger Beitrag zum Schutz des Klimas und gegen das von der Klimaerwärmung bedingte Waldsterben“, sagt Thomas Norgall, Naturschutzreferent des BUND Hessen. Einen Lösungsansatz sieht er in neuen Technologien. Windkraftanlagen könnten sich künftig dann abschalten, wenn wirklich ein Vogel da ist. „Immer wenn erforderlich, müssen deshalb Windkraftanlagen mit automatischen Abschalt- und Warnmechanismen für Fledermäuse, Greifvögel und Zugvögel ausgerüstet werden“, sagt er.

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