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Neuer archäologischer Rundweg : Zu Fuß durch die Steinzeit

  • -Aktualisiert am

Geschichtsparcour: Der Rundkurs führt um die ehemalige Siedlung, die so ausgehen haben könnte. Bild: Marcus Kaufhold

Ein Hügelgrab versetzt die internationale Fachwelt in Staunen. Ein neuer archäologischer Rundweg führt durch das „Pompeji der Steinzeit“ auf dem Hofheimer Kapellenberg.

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          Die Wälle mitten im Wald, leider oftmals missbraucht als Rampen von jugendlichen BMX-Fahrern, erkennt nur ein geschultes Auge als unnatürliche Bodenerhebung. Wer allerdings am Samstag dem Mainzer Archäologieprofessor des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, Detlef Gronenborn, folgte, reiste mit einem kundigen Begleiter 6000 Jahre in die Vergangenheit zurück. Bei der Eröffnung des archäologischen Rundweges über teilweise verwunschene Pfade des Kapellenbergs gibt es auf der 4,2 Kilometer langen Strecke Bodendenkmäler von drei Generationen der Michelsberger Kultur zu erleben, die auf dem Hofheimer Hausberg lebten.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Die in den vergangenen zwölf Jahren bei jährlichen Ausgrabungen erkundete Ansiedelung der Steinzeitmenschen sorgt derzeit für Furore in der Fachwelt und wird in internationalen Publikationen gerühmt als „Pompeji der Steinzeit“. Als besondere Attraktion gilt der gerade erst identifizierte Grabhügel mit einem Durchmesser von 90 Metern. Er wurde um 4200/4100 vor Christus errichtet und soll in den nächsten Jahren noch weiter untersucht werden.

          Was Gronenborn am Rand des noch gut sichtbaren Hügels berichtet, klingt ein wenig wie ein Wissenschaftskrimi: Bestattungsbeigaben, ein Jadebeil und eine Steinbeilklinge, die der Hofheimer Hobbyarchäologe Otto Engelhard schon 1875 ausgegraben hatte, aber erst zehn Jahre später in kundige Hände gab, wurden zwar vom Wissenschaftler Karl August von Cohausen 1893 publiziert, gerieten aber im Hessischen Landesmuseum in Vergessenheit. Die wissenschaftliche Bedeutung der Funde erschloss sich erst jetzt, mehr als 100 Jahre später, als die Wissenschaftler den Grabhügel als solchen erkannten und die Funde zuordnen konnten. Denn der Grabhügel findet Entsprechungen ausschließlich in der Bretagne, das Jadebeil dagegen verweist als Ursprung in den westalpinen Raum. Die Ur-Hofheimer trieben demnach europaweit Handel. Auch der Erhalt der 6000 Jahre alten Wälle, deren Datierung durch Holzkohlenreste der ursprünglichen Palisaden datiert wurde, sei europaweit einzigartig.

          Wissenschaftler rund um den Globus sind interessiert

          Seit die britische Zeitung „Daily Mail“, deren Online-Portal zu den meistbesuchten Informationskanälen der Welt zählt, auf ihrer Wissenschaftsseite diesen Erkenntnissen des Teams um Gronenborn eine komplette Seite widmete, steht bei dem Mainzer Professor das Telefon kaum noch still. Wissenschaftler rund um den Globus von Argentinien bis Finnland interessierten sich plötzlich für den Kapellenberg, berichtete Gronenborn. Für die Korrespondentin der „Scientific American“ musste der Professor den neuen Pfad sogar als Video aufnehmen, da die Journalistin wegen der Corona-Epidemie nicht bei der Eröffnung dabei sein konnte, aber unbedingt darüber berichten wollte.

          Jungsteinzeit-Siedlung in Hofheim: Vor mehr als 6000 Jahren lebten hier vermutlich 900 Menschen.
          Jungsteinzeit-Siedlung in Hofheim: Vor mehr als 6000 Jahren lebten hier vermutlich 900 Menschen. : Bild: Marcus Kaufhold

          Da hatten die rund 50 Teilnehmer, die sich am Kreuzweg, dem Einstieg zum Pfad, zusammenfanden, schon exklusivere Einblicke auf eine frühzeitliche Siedlung, die aus einer etwa 45 Hektar großen gewaltigen Anlage bestand und deren bebaute Fläche immer noch 26 Hektar umfasste. Es gehört dennoch viel Phantasie dazu, um sich auf den Wallresten mannshohe Holzpalisaden vorzustellen, die zur Abschreckung möglicher Angreifer mit „grimmigen Gesichtern“, wie es Gronenborn beschreibt, bemalt gewesen waren.

          Auch über den Untergang der Kultur, deren letzte Anstrengung vor ihrem Niedergang der Bau des nördlichen Walls gewesen sei, hat Gronenborn eine schlüssige Theorie: Es seien auf dem Berg, der zur Blütezeit vermutlich 900 Bewohnern Heimat war, zu eng geworden. Interne Streitigkeiten oder eine frühe Form der Pest hätten die Menschheit auf dem Kapellenberg ausgerottet. Es seien in der Vor- und Frühgeschichte oftmals Zyklen von drei Generationen von Siedlungsgeschehen zu beobachten: diejenigen, die aufbauten, die Blüte einer Kultur und dann der oftmals abrupte Niedergang, erläuterte Gronenborn.

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          Dass die Jungsteinzeitmenschen nachweislich aufgrund der Funde schon Handelsbeziehungen quer durch Europas unterhielten, zählt zu den Überraschungen, die nur wenige der Spaziergänger auf den neuen jungsteinzeitlichen Pfaden den frühen Ahnen zugetraut hätten. Aber vor Sozialromantik sei gewarnt. Gronenborn berichtete ebenso von deutlich erkennbaren Spuren der Sklaverei: Es gebe andernorts eine Reihe von Knochenfunden mit Spuren deutlicher Mangelernährung, und die Menschen seien offenbar ohne Grabbeigaben wie Abfall einfach weggeworfen worden. Das sei entgegen mancher überholter Expertenmeinung ein deutliches Zeichen ausgeprägter Hierarchien und Sklaverei dieser frühen Kulturen.

          Der Rundweg mit seinen Informationstafeln beginnt am Kreuzweg am Aufgang zum Meisterturm und ist integriert in den ehemaligen historischen Rundwanderweg, den der Heimatforscher Rolf Kubon entworfen hatte. Das Design entspricht der Gestaltung der Routen des Kooperationspartners Regionalpark Rhein-Main und wird an dessen Routennetz angeschlossen. Finanziell beteiligten sich die Stadt Hofheim und die Stiftung Flughafen Frankfurt am Main an dem 28.000 Euro teuren Projekt.

          Neue Erkenntnisse zum Hofheimer Kapellenberg veröffentlicht das Römisch-Germanische Zentralmuseum zudem unter www.rgzm.de/kapellenberg.

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