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Archäologie in der Wetterau : Am letzten Zipfel des römischen Imperiums

  • -Aktualisiert am

Archäologische Funde: Die Beigaben eines Frauengrabes aus dem 5. bis 7. Jahrhundert vom Merowingischen Gräberfeld Wölfersheim-Berstadt, Bild: Frank Röth

Die Erde in der Wetterau hat ein reiches Erbe unter sich begraben. Ein Archäologe gibt auch in der Pandemie einen Einblick in die jüngsten Funde. 150 Leute haben ihm gerade online zugesehen.

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          Wenn Jörg Lindenthal sagt, „die Wetterau ist schon ein Highlight“, meint er damit nicht wie ein Touristenführer die Landschaft oder beachtliche Bauwerke. Lindenthal bezieht sich eher auf Vergangenes, sehr weit Vergangenes. Der Kreisarchäologe verweist auf das reiche Erbe, das die Wetterauer Erde unter sich begraben hat. Auf archäologische Funde, die auch aufgrund der regen Bautätigkeit derzeit in beachtlicher Zahl ans Tageslicht befördert werden.

          150 Zuhörern hat er jetzt einen Einblick in die jüngsten Funde und archäologischen Grabungen gewährt. Noch viel mehr Menschen hätten sich für die Ergebnisse seiner Arbeit interessiert, erzählt Lindenthal fast ein wenig verwundert. Doch am Ende habe die Übertragung aus technischen Gründen auf die besagte Zuschauerzahl begrenzt werden müssen. Alle, die nicht daran teilnehmen konnten, dürften darauf hoffen, dass der Archäologe eine ähnliche Veranstaltung in zwei oder drei Monaten noch einmal anbietet, wie er sagt.

          Wer sich für Geschichte interessiert, der kann in der Wetterau an archäologischen Radtouren und den Tagen der offenen Grabung teilnehmen. Nur nicht während der Pandemie. So führte Lindenthal die Teilnehmer am Bildschirm durch die Archäologielandschaft des Wetteraukreises und zeigte Ergebnisse der Untersuchungen von der Jungsteinzeit bis in das elfte Jahrhundert. Er berichtete über die außergewöhnlichen Siedlungsstrukturen der frühen Jungsteinzeit in Nieder-Weisel und der Rössen-Kultur in Wölfersheim-Berstadt. Gerade die Berstädter Ergebnisse zeugten von einer umfangreichen Siedlung aus der mittleren Jungsteinzeit und seien in Hessen einmalig. Die römische Zeit war mit außergewöhnlicher „Wasserbaukunst“ in Karben-Petterweil vertreten. Mit dem sogenannten Qanat-Kanal aus dem 2. Jahrhundert nach Christus sei beispielsweise Hangwasser zur Bewässerung gesammelt worden.

          Ein toller Einzelfund erregt besondere Aufmerksamkeit

          Besondere Aufmerksamkeit erregte bei den Zuschauern „ein toller Einzelfund“, wie Lindenthal selbst zugeben muss. Ein Schwert aus dem 11. Jahrhundert, das bei der Sanierung einer Brücke über die Wetter in Gambach gefunden worden war. Auch eine ungewöhnlich gestaltete Bronze-Öllampe, etwa 150 bis 200 Jahre nach Christus gefertigt, die in Butzbach gefunden wurde, gehört zu den eher spektakuläreren Ergebnissen der Grabungen.

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          Für die Zuschauer seien diese Funde meist die Höhepunkte der Ausgrabungen. Für den Archäologen sind es nicht die großen und kleinen Fundstücke, die ihn für seine Arbeit interessieren, vielmehr sind es die Siedlungsstrukturen, Hinweise auf Bauten und Wege, die den Fachmann aufmerken lassen. „Und dabei kommen in der Wetterau immer besondere Funde heraus“, sagt Lindenthal. So zeigt er ein Foto von Ausgrabungen bei Wölfersheim, die ein Wegesystem freigelegt haben. In einem perfekten rechten Winkel sei hier ein Weg vom Kastell Echzell bis zum Kastell Inheiden nachgewiesen worden. „Man muss sich vorstellen, dass wir uns dort am letzten Ende des Imperiums befinden“, sagt Lindenthal. Und selbst dort habe man eine durchdachte Infrastruktur aufgebaut, um den Nachrichtenfluss zu gewährleisten, Handel zu treiben und um Truppen schnell von einem Ort zum anderen verschieben zu können. „Daran sehen wir, wie wichtig und ausgefeilt das römische Straßensystem gewesen ist“, so der Archäologe.

          Das Wissen für die Nachwelt archivieren

          Genau dieses Wissen gelte es für die Nachwelt zu archivieren. Und dabei kämpfen Lindenthal und seine Kollegen durchaus gegen die Zeit. „Bei uns gibt es sehr viele Fundstellen und auf der anderen Seite einen hohen Baudruck“, sagt Lindenthal. Bevor gebaut werden darf, muss das Gelände auf Spuren der Vergangenheit untersucht werden. Die Aufgabe des Kreisarchäologen ist es, festzulegen, ob es Grabungen gibt und in welchem Umfang. Spezielle Grabungsfirmen übernehmen dann die Arbeit an Ort und Stelle. Der Archäologie gehe es darum, den Spuren der Vergangenheit nachzugehen, um sie für die Zukunft zu dokumentieren.

          Um wichtige baugeschichtliche Informationen zu erhalten, setze die Archäologie unter anderem auf die sogenannte Dendrochronologie. Damit entstehen Schwarz-Weiß-Bilder, die Aufschluss darüber geben, ob unter der Erde Überreste von Gebäuden, Grabhügeln oder andere Funde warten. Das sei der derzeitige Stand der Technik, „aber ich weiß natürlich nicht, ob wir hier alles richtig machen“, sagt Lindenthal. Vielleicht sei man in zwanzig oder dreißig Jahren weiter und hätte im Rückblick noch viel mehr finden können. „Aber das ist das Minimum, was wir machen können, damit auch zukünftige Generationen Informationen über Vergangenes gewinnen können“, so Lindenthal.

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