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Archäologie : Gräber aus dem Frühmittelalter

  • Aktualisiert am

Gräberfund im Neubaugebiet Bild: F.A.Z. - Michael Kretzer

In Wölfersheim haben Archäologen ein fast vollständiges Skelett mit Speerspitze und Kurzschwert freigelegt. Der Krieger muß zwischen dem fünften und dem siebten Jahrhundert gelebt haben.

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          Dem früheren Krieger ist der Unterkiefer verrutscht. In Grab Nummer 41 haben Archäologen, Grabungstechniker und ehrenamtliche Helfer ein fast vollständiges Skelett mit Speerspitze und Kurzschwert freigelegt. Jeder Knochen ist an seinem Platz, nur der Unterkiefer liegt in Höhe des Schlüsselbeins. Vielleicht haben Tiere ihn beiseite geschoben, vielleicht aber auch Grabräuber auf der Suche nach einem Goldtaler.

          Ganz genau wird Kreisarchäologe Jörg Lindenthal das womöglich nie erfahren. Sicher weiß er allerdings, daß es sich um eine kleine Sensation handelt: Denn der Krieger wurde im Frühmittelalter inmitten von mindestens 52 anderen Gräbern bestattet, auf einem sogenannten Reihenfriedhof. Solche Ruhestätten haben Forscher bislang nur in Südhessen entdeckt, nicht jedoch in der Wetterau.

          Schippen, löffeln, bürsten

          Um den Fund zu begutachten, sind Bürgermeister Joachim Arnold und Dutzende Anwohner zum östlichen Ortsrand von Wölfersheim-Berstadt gekommen. Dort stießen Bauarbeiter in der Nähe der Niddaer Straße vor ungefähr vier Wochen auf den Friedhof. Eigentlich hatten sie Trassen für ein Neubaugebiet legen sollen. „Doch dann schnitten die Baggerschaufeln in die Gräber“, sagt Lindenthal. Die Baufahrzeuge mußten warten. Dafür rückten Helfer der Kreisarchäologie und des Landesamtes für Denkmalpflege mit kleinerem Arbeitsgerät an.

          Ein Zeichner dokumentiert die Lage des Skeletts
          Ein Zeichner dokumentiert die Lage des Skeletts : Bild: F.A.Z. - Michael Kretzer

          Neben den Gräbern lagern nun Schaufel, Spachtel und Pinsel. Wo die lehmige Erde sich dunkel verfärbt und eine mögliche Fundstelle verrät, wird sie beiseite geschafft. Erst geschippt, dann gelöffelt, schließlich gebürstet. In Grab 41 fegt ein Mitarbeiter mit kleinen Pinselstrichen über die Schienbeinknochen des Kriegers. Wenn er fertig ist, macht sich der Zeichner ans Werk und dokumentiert die Grabstätte. Mit einem weichen Bleistift malt er die Umrisse auf kariertes Papier. Die Knochen färbt er anschließend gelb, das Eisen braun, die Gefäße rot. Auch ein Fotograf hält fest, wo Knochen, Waffen und Hausrat liegen. Sobald er Detail- und Panoramabilder aufgenommen hat, dürfen die Fundstücke geborgen werden und die Bagger ein paar Meter weitergraben.

          Schilder, Waffengurte, Schwerter

          An den Gegenständen kann Lindenthal dreierlei ablesen. Zum einen verraten sie ihm, daß der Krieger zwischen dem fünften und dem siebten Jahrhundert gelebt haben muß. Im achten Jahrhundert gab es keine Grabbeigaben für das Jenseits mehr - sie verschwanden mit der Ausbreitung des Christentums. An ihnen erkennt der Archäologe zum anderen, welches Geschlecht der Verstorbene hatte. Frauen steckte man Muscheln, Perlen und Kämme in den Sarg, Männern hingegen Schilder, Waffengurte und Schwerter. Außerdem geben die Utensilien den Stand des Begrabenen preis: Wer eine Trense oder einen Reitersporn bekam, gehörte zum Adel. Allerdings sind nicht allein die Geräte aufschlußreich, sondern auch die Knochen. Mit ihrer Hilfe ermitteln Genetiker die Verwandtschaftsverhältnisse, prüfen Anthropologen Eßgewohnheiten.

          Frauen mit Digitalkameras und Männer mit Spazierstöcken spähen in die Gruben, die bis zu zwei Meter tief waren. „Ist das ein Kamm? Vielleicht aus Zinn?“, rätselt ein Mann. Ein anderer glaubt, ein Messer entdeckt zu haben. Daß unter der Staubschicht eine Bronzeschnalle schimmert, meint ein dritter Besucher. Wahrscheinlich können sie diese Stücke eines Tages in einer Vitrine in Wölfersheim betrachten. „Die Gemeinde ist schließlich Bauherr und Finder“, sagt Lindenthal. „Wir werden eine geeignete Räumlichkeit finden.“

          Bis zur ersten Ausstellung müssen sich die Bürger aber noch gedulden. Denn die Archäologen und ihre Helfer graben nur noch bis zum Wochenende und pausieren dann den ganzen Winter, weil Frost die Funde zerstören könnte. In der Erde aber sind noch weitere Gräber versteckt, insgesamt vielleicht 50 Ruhestätten. Erst wenn Lindenthal und seine Mitarbeiter alle gesichert haben, dürfen die Bagger ihre Arbeit zu Ende bringen.

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