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Bergbau vor 6000 Jahren : Die ersten Umweltsünder

Bei den Grabungen auf dem Hofheimer Kapellenberg müssen die Helfer in der Hocke arbeiten. Bild: Cornelia Sick

Auf dem Hofheimer Kapellenberg haben Archäologen Umrisse eines Gebäudes gefunden. Nun soll doch weitergeforscht werden. Die Ausgrabungen zeigen: Umweltsünder gab es schon vor 6000 Jahren.

          Es bleibt auch im elften Jahr der Grabungen ein mühsames Unterfangen. Nur selten können die Studenten auf dem Hofheimer Kapellenberg nahe dem Meisterturm zur Spitzhacke greifen. Meist sitzen sie gekrümmt auf dem Boden und kratzen vorsichtig mit einem Spatel Steine frei. Noch mindestens 20 Zentimeter tiefer werden die Forscher laut Projektleiter Detlef Gronenborn vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz im nächsten Jahr graben müssen. Denn das eingezäunte Areal, das mit dem Abschluss der Arbeiten eigentlich für immer zugeschüttet werden sollte, bot nach Regenfällen eine kleine Sensation. Die nun sichtbaren Umrisse und Kohleablagerungen weisen auf ein von den Hofheimer Urahnen der Michelsberger Kultur vor fast 6000 Jahren bewusst tiefergelegtes Grubenhaus hin. Es könnte sich um eine Weberei oder um ein Lagergebäude gehandelt haben.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Der Kapellenberg beschäftigt die Archäologen schon seit acht Jahren. Die frühere Ansiedlung wird im Zusammenspiel von Hessen Archäologie, dem Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie und der Universitäten Mainz und Frankfurt untersucht. Die Experten versuchen, dem Berg Geheimnisse über die Menschen zu entlocken, die vor 6000 Jahren auf dem 24 Hektar großen Hofheimer Hausberg hinter einem teilweise heute noch sichtbaren, vier Meter hohen Wall lebten. Scherben, Holzkohle, Steingeräte und Pfeilspitzen förderten sie zutage; zum Teil konnten überraschende Rückschlüsse gezogen werden.

          Auf dem Kapellenberg – damals ein weitgehend abgeholzter, kahler Hügel – lebten zwischen 3600 und 3700 vor Christus nach den Erkenntnissen Gronenborns bis zu 1000 Menschen. Sie verzehrten Unmengen an Milchprodukten, viel mehr als in der früheren und späteren Steinzeit. Dies lässt sich mit Spuren an Keramikscherben belegen, die die Zeit in der Erde überdauerten. Dieser Befund ist erstaunlich, da heute bei Naturvölkern Erwachsene keine Milch vertragen, wie Gronenborn ausführt. Der Mensch sei nach seiner genetischen Disposition eigentlich nur im Säuglings- und Kleinkindalter Milchtrinker.

          Intensiver Raubbau an der Natur

          Die frühen Getreidebauern und Rinderzüchter lebten, wie eine neu erstellte Detailzeichnung zeigt, in weit auseinanderstehenden einzelnen Häusern. Dass die frühen Menschen mit ihrem intensiven Raubbau an der Natur schon zu den ersten Umweltsündern zählten, lässt sich laut Gronenborn an den längst unfruchtbaren Böden ablesen. Zwar gab es auf dem Berg in der Frühzeit der Menschen vermutlich noch mehrere, kräftig sprudelnde Quellen. Doch schon die Ur-Hofheimer nahmen den weiten Weg zum Schwarzbach am Fuß der Anhöhe in Kauf, um sich mit Wasser zu versorgen.

          Das diesjährige Ergebnis der zweiwöchigen Ausgrabung stelle für die Experten wieder eine kleine Sensation dar, hob Gronenborn hervor. Offenbar sei der Fußboden leicht eingetieft, die gesamte Struktur messe etwa 4,5 mal 2,5 Meter. Solche Grubenhäuser seien für die Michelsberger Kultur nur gelegentlich belegt. Ein Grundriss dieses Häusertypus sei schon in der benachbarten, noch älteren Siedlung in Hattersheim gefunden worden. Da die Forscher in dieser Periode mit einem Befundverlust von 90 Prozent rechnen müssten, sei ein gut erhaltener Grundriss äußerst selten. Das Grubenhaus vom Kapellenberg sei, vermutlich absichtlich und plötzlich, abgebrannt worden. Ein Feuer aufgrund eines Blitzeinschlags schlössen die Experten nach den Untersuchungen aus. Die Kohlereste wurden von den frühen Menschen in den Boden getrampelt und der Grundriss zum Aufbau eines neuen Hauses genutzt. Nur durch Zufall seien so die ersten Spuren der Ansiedlung erhalten geblieben.

          Ein fast 6000 Jahre altes Jade-Beil

          Grabungsleiter Hans Szédeli hofft nun darauf, im nächsten Jahr durch tiefere Grabungen weitere Erkenntnisse zur Nutzung des Hauses gewinnen zu können. Falls sich Steine mit Löchern darin finden sollten, wäre dies ein Indiz für Webegewichte, mit deren Hilfe vom Dach herabhängende Fäden beschwert wurden. Spuren von Lebensmitteln und Gefäße könnten dagegen Hinweise auf ein Lebensmittellager geben, erläuterte er.

          Für Bürgermeisterin Gisela Stang (SPD) bleibt der Kapellenberg weiterhin ein spannendes Forschungsobjekt. Der Berg gebe nach und nach seine Geheimnisse preis. Die Stadt werde die Forschung weiterhin unterstützen, damit die Geschichte in allen Facetten aufgearbeitet werden könne. Noch in diesem Jahr werde ein Rundweg mit Informationstafeln zu den Urahnen der Hofheimer fertiggestellt, auch ein virtueller Rundgang soll im Hofheimer Stadtmuseum Teil der Dauerausstellung zum Kapellenberg werden.

          Doch damit nicht genug: Gronenborn hielt ein fast 6000 Jahre altes Jade-Beil in die Höhe, das vor Jahrzehnten durch Zufall am Fuße des Kapellenbergs gefunden worden war. Es handele sich bei dem Fund um einen Luxusgegenstand, der allein zu Kultzwecken genutzt wurde und offenbar den weiten Weg aus Frankreich nach Hofheim gefunden habe, erläuterte er. Was das einst prächtig glänzende Beil den Forschern erzählt, will der Archäologieprofessor noch nicht verraten: Dies sei eine neue, spannende Geschichte von den ersten Siedlern des Hofheimer Hausbergs, versprach er.

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