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Arcandor : Karstadt Hanau gehört nicht mehr zum Kerngeschäft

Ungewisse Zukunft: Karstadt-Filiale am Hanauer Freiheitsplatz Bild: Rainer Wohlfahrt

Die Turbulenzen im Touristik- und Handelskonzern Arcandor, der unter anderem die Karstadt-Kaufhäuser betreibt, werden auch im Rhein-Main-Gebiet Folgen haben. Das alte Warenhauskonzept steht einmal mehr in Frage.

          Der angeschlagene Handels- und Touristikkonzern Arcandor wird auch seine Karstadt-Filiale in Hanau in eine Gesellschaft ausgliedern, in der kaum oder nicht rentable Warenhäuser und Luxuskaufhäuser wie das KaDeWe in Berlin zusammengefasst werden sollen. Auch die Quelle Technikcenter, die rund 1.500 Quelle-Shops, Foto Quelle und Küchen Quelle sollen der Gesellschaft namens Atrys zugeordnet werden.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Die Zukunft der Karstadt-Filiale in Hanau gilt dem Vernehmen nach aber ohnehin als eher ungewiss, weil das Areal rund um den Freiheitsplatz von Grund auf neu gestaltet werden soll. Interessiert an dem Projekt ist unter anderem die Hamburger ECE GmbH, die schon einen Großteil der Einkaufszentren im Frankfurter Raum konzipiert hat und betreibt, darunter das Hessen-Center und das Main-Taunus-Zentrum. Wenn sich Arcandor im Zuge der Restrukturierung von nicht ausreichend lukrativen Dependancen trennen wird, dürften die Hamburger gute Chancen haben, die Immobilie zu übernehmen.

          Touristiksparte ist Kerngeschäft

          Zur Frage, ob eventuell weitere Karstadt-Filialen im Rhein-Main-Gebiet betroffen sein könnten, falls die Sanierungsbemühungen nicht hinreichen, wollte sich eine Sprecherin bei Arcandor gestern nicht äußern. Für die Dependance an der Frankfurter Zeil wirkt sich nun möglicherweise als glücklicher Umstand aus, dass sie doch nicht, wie ursprünglich beabsichtigt, zu einer Art KaDeWe aufgewertet worden ist. Denn die Luxuskaufhäuser betrachtet Arcandor seit gestern ausdrücklich nicht mehr als Kerngeschäft. Von diesen wie von den ertragsschwachen Häusern wollen die Essener sich offensichtlich über kurz oder lang trennen. Eine „profilierte Mitte der Gesellschaft“ soll nun im Mittelpunkt aller Umsatzbemühungen stehen. Und die will Arcandor in den übrigen 81 Karstadthäusern und in den 27 Karstadt Sport-Filialen bedienen.

          In den Karstadt-Filialen des Rhein-Main-Gebietes arbeiten zurzeit rund 1.500 Männer und Frauen, hinzuzurechnen sind noch einmal rund 300 Beschäftigte der eigenständigen Shops in den Karstadt-Dependancen sowie die Mitarbeiter der Haustechnik. Während die Handelssparte des Konzerns mit ziemlicher Gewissheit mit ganz erheblichen Einschnitten rechnen muss, können die rund 1.400 Mitarbeiter der ebenfalls zum Konzern zählenden Thomas Cook AG in Oberursel und die gut 2.300 Beschäftigten des Condor Flugdienstes in Kelsterbach weniger besorgt in die Zukunft schauen. Denn Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick hat gestern die Touristiksparte ausdrücklich als Kerngeschäft und den stärksten Werttreiber des Konzerns bezeichnet.

          Kein klares Profil

          Auch das in der Konzerngesellschaft Primondo angesiedelte Versand- und Spezialversandgeschäft, zu dem außer Quelle beispielsweise der hessische Versender Hess Natur aus Butzbach gehört, zählt der Arcandor-Chef weiter zu den Hoffnungsträgern seines Hauses. Die braucht er allerdings auch, denn der Konzern muss Eick zufolge eine Finanzierungslücke von 900 Millionen Euro schließen und über die Verlängerung von Darlehen in etwa der gleichen Höhe neu verhandeln.

          Ob sich allerdings tatsächlich mit den anderen Warenhäusern auf Dauer Gewinn erwirtschaften lässt, bezweifeln Branchenexperten. Zumindest dann, wenn die Betreiber weiter an dem alten Konzept „alles unter einem Dach“ festhalten. „Diese Strategie funktioniert nicht mehr“, ist sich Wolfgang Twardawa, Branchenexperte von der Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg, sicher. Ein gewöhnliches Kaufhaus in der Innenstadt ist für den Preiskampf mit den preisaggressiven Spezialmärkten, sei es bei Elektronik oder bei Kleidung, nicht ausreichend gerüstet und hat in der Regel auch nicht annähernd die Fläche, um dem heute verwöhnten Kunden die Auswahl eines großen Fachmarktes zu bieten, wie Twardawa weiter sagt. Das ist auch der Grund, weshalb er beispielsweise der insolventen Kaufhauskette Woolworth keine allzu guten Überlebenschancen gibt. Es fehle das klare Profil.

          Künftige Zielgruppe

          Das allerdings scheint auch Arcandor für die Karstadt-Häuser noch nicht recht gefunden zu haben, denn was in der Erklärung des Konzerns zu den Sanierungsbemühungen über die künftige Zielgruppe zu finden ist, erschöpft sich in der Formel von „Kunden aus der profilierten Mitte der Gesellschaft“.

          Die Nachteile, nicht so exklusiv zu sein wie eine Boutique, nicht so viel Auswahl zu bieten wie die Fachmärkte und nicht so billig zu sein wie etwa die Textildiscounter, kann Twardawa zufolge ein Kaufhaus nur dann ausgleichen, wenn es dem Kunden das Gefühl vermitteln kann, dass es ein Erlebnis ist, dort einzukaufen. Danach aber klingt das Karstadt-Konzept nun nicht gerade.

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