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Deutscher Umweltpreis : „Es bleibt wenig Zeit“ – Forscher drängen auf mehr Tempo beim Klimaschutz

  • -Aktualisiert am

Ausgezeichnet: Katrin Böhning-Gaese und Hans Joosten erhalten den Deutschen Umweltpreis. Bild: obs

Katrin Böhning-Gaese kämpft für mehr Artenvielfalt, Hans Joosten um die Moore. Nun wurden die beiden Klimaforscher in Darmstadt von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit dem Deutschen Umweltpreis ausgezeichnet. Die Preisverleihung nutzten sie für einen dringlichen Appell.

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          Katrin Böhning-Gaese und Hans Joosten haben eine Mission, die sie eint. Beide kämpfen seit Jahren gegen den Klimawandel. Am Sonntag wurden die international renommierte Forscherin und der ebenfalls international tätige Forscher in Darmstadt von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit dem mit 500.000 Euro dotierten Deutschen Umweltpreis 2021 der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) ausgezeichnet. Beide forschen in Gebieten, in denen es eigentlich recht unkompliziert ist, etwas gegen den Klimawandel zu tun.

          Die Ökologin Katrin Böhning-Gaese, die am Frankfurter Senckenberg-Institut forscht, hat dafür ein ganz einfaches Rezept: mehr Grün in den Städten, weniger Beton in den Industriegebieten. Steingärten sind für sie eine Umweltsünde, große Betonflächen in Städten und Gemeinden könnten mit transportablen Pflanzkübeln einfach begrünt werden.

          Die 1964 in Oberkochen geborene Forscherin nimmt aber vor allem die Landwirtschaft in die Pflicht. Monokulturen hätten in der Vergangenheit die Artenvielfalt immer mehr verdrängt. Sowohl Tiere als auch Pflanzen seien betroffen. In Südhessen ist dies vor allem an den mit Folien und Treibhäusern bedeckten, riesigen Ackerflächen zu sehen, die für den Spargel- und Erdbeeranbau genutzt werden.

          „Biologische Vielfalt ist unsere Existenzgrundlage“

          „Biologische Vielfalt ist unsere Existenzgrundlage“, sagt sie. Böhning-Gaese warnt vor einem Netz, das mit dem Artensterben immer löchriger werde, „bevor es irgendwann die Menschheit nicht mehr trägt“. Von acht Millionen Tier- und Pflanzenarten auf der Welt seien rund eine Million vom Aussterben bedroht.

          Jeder könne etwas für die Artenvielfalt tun, im eigenen Garten, auf dem Balkon. Vor allem aber sei die Landwirtschaft gefordert. „Mehr Hecken, weniger Düngung, die Reduzierung von Fleisch und weniger Lebensmittelverschwendung“: Das sind ihre Stichworte. Die Europäische Union (EU) müsse mit ihren Agrarsubventionen umsteuern. Statt Produktivität zu fördern, müsse von den rund sechs Milliarden Euro, die jedes Jahr aus der EU-Kasse an die Landwirte ausgezahlt werden, ein größerer Teil in den Ökolandbau fließen. „Für ein Kilogramm Rindfleisch benötigen wie vierzigmal mehr Fläche als für ein Kilogramm Kartoffeln“, sagt Böhning-Gaese.

          Für ihren Kollegen Hans Joosten sind Kartoffeln aber auch ein Problem. In Deutschland werden sie nämlich gerne auf ausgetrockneten Moorlandschaften angebaut. Moorkartoffeln gelten etwa in Norddeutschland als Delikatesse.

          Doch feuchte Moore sind im Kampf gegen den Klimawandel besonders wichtig, sagt Joosten. Weltweit verteilen sie sich auf etwa 400 Millionen Hektar Land, was etwa drei Prozent der Fläche entspreche, auf der sie aber bis zu 30 Prozent der Schadstoffe binden könnten – wenn sie nicht ausgetrocknet würden.

          In Deutschland steht es um die Moore besonders schlimm

          In Deutschland steht es nach Joostens Erkenntnissen besonders schlimm um den Zustand der Moore. Mehr als 90 Prozent seien trockengelegt worden, 83 Prozent der trockenen Moorflächen würden für die Landwirtschaft genutzt. Das ist fatal für die Umwelt, denn sämtliche Schadstoffe, die die Moore gespeichert haben, geben sie im ausgetrockneten Zustand an die Umwelt wieder ab. Bis zu sieben Prozent der Treibhausgase in Deutschland würden durch die trockengelegten Moorlandschaften verursacht. Dabei seien Moore im nassen Zustand gigantische Kohlenstoffspeicher und könnten, würden sie rekultiviert, einen deutlichen Beitrag zur Erreichung des Pariser Klimaabkommens leisten.

          Deshalb fordert der Forscher, in Deutschland jährlich 50.000 Hektar Moore wieder zu vernässen. „Es bleibt uns nur noch wenig Zeit“, mahnt Joosten. Immerhin wurde in einigen Regionen Deutschlands inzwischen damit begonnen, Moore wieder zu reaktivieren. Im Rhein-Main-Gebiet geschieht das gerade beim Pfungstädter Moor.

          Die Landwirte müssten bereit sein, sich der Vernässung der Moore auf ihren Ackerflächen zu stellen. Für sie müsse eine Landwirtschaft entwickelt werden, die auch unter nassen Bedingungen funktioniere. Paludikultur ist der neue Fachbegriff dafür. So könnten auf nassen Moorflächen Rohrkolben und Moose angebaut werden, die sich als Blumenerde, ökologische Baustoffe oder zur Produktion von Bioenergie nutzen ließen. Die Landwirte hätten neue Einnahmequellen.

          „Wer anpackt, kann auch etwas verändern“

          „Wer anpackt, kann auch etwas verändern“, sagte der Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt während des Festaktes. Die Forscher zeigten mit ihrer Arbeit die Dramatik der Klimakrise und den Raubbau an Natur und Biodiversität, eröffneten gleichzeitig aber auch Wege zum Schutz von Mensch, Tier und Umwelt. Rita Schwarzelühr-Sutter, die DBU-Kuratoriumsvorsitzende und Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, forderte: „Wir müssen Klima- und Artenschutz noch ernster nehmen“.

          Das sagte auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und verwies auf die jüngsten Umweltkatastrophen im Ahrtal und an der Erft. „Die Folgen des Klimawandels sind auch bei uns in Europa angekommen. Und sie werden zukünftige Generationen umso brutaler treffen, je weniger wir jetzt tun“. Doch die Arbeit der beiden Geehrten zeige: „Wir stehen nicht hilflos am Rand des Abgrunds“. Klimawandel und Artensterben seien nicht unumkehrbar. „Was wir vor uns haben, ist ein gesamtgesellschaftlicher Wandel“, sagte der Bundespräsident.

          Auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze stützte die Argumentation des Bundespräsidenten und forderte während des Festaktes vor rund 350 Gästen, Politik und Forschung müssten sich noch intensiver als bisher den drängenden Umweltproblemen widmen. „Wir haben die Zeit nicht mehr, wir müssen jetzt schneller werden.“

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