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Abiturienten mit Traumnote : Unsere Einskommanuller

Ansichtssache: Die Abiturienten werden ihren Prüfungsraum kaum als das angesehen haben, was das Schild besagt - auch nicht die Einskommanuller Bild: dpa

Vergangen die Zeiten, als ein Mann ein Mann, eine Einskommanull eine Einskommanull und ein mittelhessischer Wurstsalat ein mittelhessischer Wurstsalat war. Doch wer wollte darüber lamentieren?

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          Keine Sorge, wir wissen zwar zu schätzen, dass das hessische Kultusministerium stets im Sommerloch die Abiturnoten veröffentlicht, aber das soll jetzt nicht schon wieder ein Kommentar werden über die Inflation der Einsernoten, das Abitur für alle und den Niedergang des Gymnasiums. Ist ohnehin klar, dass früher alles besser war, inklusive der Zukunft natürlich. Doch vergangen und verloren die Zeiten, als ein Mann ein Mann, eine Einskommanull eine Einskommanull und ein mittelhessischer Wurstsalat ein mittelhessischer Wurstsalat war.

          Statt darüber zu lamentieren, freuen wir uns mit dem Herrn Kultusminister Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz und natürlich mit jenen 497 Prüflingen, die im diesjährigen Abitur die Traumnote 1,0 erzielt haben. Und wir wollen auch ein wenig Mitleid mit ihnen haben. Denn so eine glatte Eins ist ja auch eine gewisse Bürde für den weiteren, eventuell nicht so glatt verlaufenden Lebensweg. Zu was Erwartungsdruck führen kann, hat man zuletzt an unseren Weltmeistern gesehen, die in drei Tagen Ex-Weltmeister sind.

          Zwei in Harvard und zwei in Mogadischu

          So betrachtet, ist es doch völlig in Ordnung, wenn ein Einser-Abiturient sich nicht gleich anschließend für Weltraum-Ägyptologie einschreibt, sein Studium in sechseinhalb Semestern absolviert, davon zwei in Harvard und zwei in Mogadischu verbringt, mit summa cum laude promoviert wird, ein Internet-start-up gründet, die Milliarden aus dem Börsengang für die Begrünung der Sahara ausgibt, um dann mit 29 Jahren auf sein Leben zurückzublicken und eine Autobiographie zu schreiben, für die er mit neunundzwanzigeinhalb den Literaturnobelpreis bekommt.

          Wir sind der Meinung, dass auch Spitzen-Abiturienten ein Recht auf Mittelmäßigkeit haben. Ist ja auch gar nicht anders möglich: Man stelle sich einmal vor, was los wäre, wenn aus den um die 500 Einskommanullern, die unser kleines Bundesland alljährlich hervorbringt, lauter Dax-Vorstandschefs, Ministerpräsidenten und Oscar-Preisträger würden.

          In Hessen ist nur ein einziger Ministerpräsidentenposten zu vergeben, und den hat bis 2030 Volker Bouffier inne, Dax-Unternehmen gibt es, die wackelnde Commerzbank eingerechnet, gerade einmal sechs, und wenn eines Tages jemand der Unsrigen einen Oscar gewinnt, dann ist das natürlich die Frankfurter Charakterdarstellerin Sonya Kraus. Und dann kräht kein Hahn danach, dass die im Abi bloß eine 1,6 hatte.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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