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Amorbach : Das schwere Leben mit katholischen Nachbarn

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Evangelische Enklave: Die Abteikirche ist das Zentrum der evangelischen Gemeinde in Amorbach. Bild: Michael Kretzer

Seit 150 Jahren gibt es in Amorbach eine evangelische Gemeinde – inmitten eines ansonsten katholischen Landstrichs.

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          „Die Verhältnisse in unserer kleinen Gemeinde (etwa 400 Seelen) sind so eigenartige, dass an einen Pfarrer ganz besondere Aufgaben herantreten“, heißt es 1902 in einer „Stellenbeschreibung“ für den künftigen Pfarrer der evangelischen Pfarrei zu Amorbach. Er müsse ein guter Prediger sein, der auch den Ansprüchen der „sehr kirchlichen“ erbprinzlichen Herrschaften sowie der zahlreichen gebildeten Beamtenschaft genüge. Bei den „hiesigen Verhältnissen“, die in dem Dokument allerdings nicht genauer erläutert werden, müsse der Bewerber darüber hinaus „jedes intolerante Gebahren gegen die katholische Kirche vermeiden“. „Damals war es wirklich nicht leicht, Pfarrer in Amorbach zu sein“, sagt Bernd Fischer, der seit drei Jahren das Archiv des Fürsten zu Leiningen betreut und gemeinsam mit Hannelore Herkert von der Fürstlich-Leiningenschen Verwaltung die Ausstellung „Evangelisch in Amorbach“ zum 150. Stiftungsfest an diesem Wochenende vorbereitet hat.

          „eigenartige Verhältnisse“

          Eineinhalb Jahrhunderte nach der Gründung der evangelischen Pfarrei haben sich die „hiesigen Verhältnisse“ deutlich verändert. Heute gebe es in Amorbach zwischen Katholiken und Protestanten keine Animositäten mehr, sagen Fischer und Herkert. Pfarrerin Ute Neubauer ist die 14. Seelsorgerin, die seit der Gründung der Pfarrei im Dezember 1861 ihren Dienst versieht. Sie muss die „eigenartigen Verhältnisse“ und „besonderen Aufgaben“, die von zahlreichen ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger viel Zurückhaltung und Fingerspitzengefühl abverlangten, nicht mehr fürchten.

          Dennoch hat sie eine besondere Pfarrstelle, da „ihre“ Pfarrkirche mit der berühmten Stumm-Orgel eine Sehenswürdigkeit ist, die nicht nur die 1100 Gemeindemitglieder, sondern auch auswärtige Besucher zu schätzen wissen. Hochzeiten in dem verschlafenen Odenwaldstädtchen, das den Liebesgott Amor im Namen trägt, sind bei Brautpaaren sehr begehrt. Viele Paare aus dem Frankfurter Raum ließen sich in der barocken Abteikirche trauen, sagt Sabine Steinöl, die dem Kirchenvorstand angehört. Sie berichtet auch von einer anderen Amorbacher Besonderheit, dem Patronatsrecht des Fürsten. Pfarrerin Neubauer, die seit 2008 in Amorbach tätig ist, wurde wie alle Stelleninhaber vor ihr, vom Fürsten als Eigentümer der Kirche und Patron der Gemeinde ausgewählt.

          Trauungen nur mit der Genehmigung des katholischen Pfarramtes

          Die Fürsten zu Leiningen kommen aus der Rheinpfalz. Die Familie flüchtete vor Napoleons Truppen aus ihrer Heimat und wurde für ihren verlorenen Besitz mit dem Land zwischen Neckar und Main, zu dem auch das ehemalige Benediktinerkloster gehört, entschädigt. Damit war das evangelische Fürstenhaus in ein Gebiet versetzt worden, in dem überwiegend Katholiken lebten. Amorbach wurde Residenzstadt der Fürsten zu Leiningen, die die ehemalige Abteikirche für evangelische Gottesdienste des Hofes nutzten. An Pfingsten 1803 feierte die Gemeinde, der neben der fürstlichen Familie ihr Hofstaat vom Oberforstrat bis zum Kammerdiener angehörte, ihren ersten Gottesdienst in der Barockkirche.

          Knapp 200 Protestanten, die Mehrzahl davon Pfälzer, zählte die neue Gemeinde, die mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Die katholischen Pfarreien in Miltenberg und den umliegenden Orten erkannten das Pastorat in Amorbach nicht an. So mussten etwa für kirchliche Amtshandlungen des evangelischen Pfarrers Gebühren an die katholische Kirchenkasse entrichtet werden. Protestantische Taufen und Trauungen waren nur mit der Genehmigung des katholischen Pfarramtes in Miltenberg möglich.

          Zwei Anläufe für Gründung

          Um sich aus der Abhängigkeit von den katholischen Pfarreien zu befreien, beschloss Fürst Carl Emich 1844, in Amorbach eine evangelische Pfarrei zu errichten. Doch bis die Pfarrei gegründet wurde, vergingen noch einmal fast zwei Jahrzehnte. „Es waren dafür zwei Anläufe nötig, da die Revolution von 1848 dazwischengekommen war“, sagt Archivar Fischer. Der Fürst machte einen Rückzieher, da „es sehr wenig wahrscheinlich ist, dass ich oder meine Nachkommen in Amorbach einen bleibenden Aufenthalt nehmen werden . . .“, heißt es in einer Stellungnahme, die in der Ausstellung im Refektorium der Abtei zu sehen ist. Den zweiten und dann erfolgreichen Anlauf unternahm Fürst Ernst Leopold, der 1859 die Urkunde über die Pfarreigründung unterschrieb, der König Max II. zwei Jahre später seine Zustimmung erteilte. Fischer hat Kopien der entsprechenden Urkunden für die Ausstellung ausgewählt.

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