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Amerikanische Streitkräfte : Abschied unter blauem Himmel

  • -Aktualisiert am

Walter Hoffmann, Oberbürgermeister von Darmstadt, verabschiedete die amerikanischen Streitkräfte Bild:

Nach 63 Jahren wird der amerikanische Militärstandort Darmstadt „inaktiviert“. Oberbürgermeister Walter Hoffmann (SPD) überreichte zum Abschied Standortkommandeur David Astin als Würdigung für dessen persönliches Engagement die Freundschaftsplakette der Stadt.

          63 Jahre nach Kriegsende haben die amerikanischen Streitkräfte den Standort Darmstadt offiziell aufgelöst. An der Verabschiedungszeremonie in der Cambrai-Fritsch-Kaserne nahmen zahlreiche Vertreter der Stadt sowie der Bundeswehr teil, die unter strahlend blauem Himmel dem Einholen der Fahnen beiwohnten. Bis Ende September wird die Garnison endgültig außer Dienst gestellt. Darmstadts Oberbürgermeister Walter Hoffmann (SPD) überreichte zum Abschied Standortkommandeur David Astin als Würdigung für dessen persönliches Engagement die Freundschaftsplakette der Stadt.

          Astin, der seit zwei Jahren in Darmstadt stationiert ist, sprach von einer „bleibenden Bande der Freundschaft“, die über die Jahre gewachsen sei. Zeichen der „immerwährenden Allianz“ habe es viele gegeben, zum Beispiel im September 2001, „als die Bürger der Stadt vor unseren Toren Blumen niederlegten und uns in unserer Trauer umarmten“. Diese Zuneigung und Freundschaft werde auch künftig Bestand haben. Astin überreichte Hoffmann zum Abschied eine Fahne, „die als Zeichen der Freiheit und Freundschaft über der Kaserne schwebte“.

          Nicht nur die Wirtschaft der Stadt hat profitiert

          Mit der Auflösung der Garnison, die die amerikanische Heeresführung in Heidelberg schon 2007 angekündigt hatte, verliert Darmstadt rund 2.200 Soldaten und deren Familienangehörige. Ende des Zweiten Weltkrieges war die Stadt eine von 112 Kommunen, in denen amerikanische Streitkräfte stationiert wurden. Die Darmstadt Military Community, die zeitweise 10.000 Soldaten umfasste, war 1991 in das 233. Base Support Battalion umgewandelt worden, aus dem 2005 die „US-Garnison Darmstadt“ hervorging, die zunächst der Garnison Heidelberg und später der Garnison Baden-Württemberg unterstellt war. 2003 wurden ungefähr 90 Prozent der Soldaten aus Darmstadt in den Irak verlagert, wo sie am Kriegszug gegen Saddam Hussein teilnahmen. Während und nach diesen Einsätzen organisierte die Garnison Wiedereingliederungsprogramme und Hilfen für die Militärgemeinschaft.

          Hoffmann würdigte die Verdienste der amerikanischen Streitkräfte für den Aufbau eines demokratischen Deutschland. „Darmstadt hatte das Glück, in der US-amerikanischen Zone aus dem nationalsozialistischen Albtraum zu erwachen“, sagte der Oberbürgermeister. In den vergangenen 60 Jahren habe Amerika die deutsche Gesellschaft und Kultur durch Liberalität, Fairness und Liebe zum Individuum entscheidend und tiefgehend geprägt. Erst seien die Deutschen mit Care-Paketen versorgt worden, anschließend mit Swing und Jazz, Coca-Cola, Petticoat und Comics. Während in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg die meisten Menschen in Deutschland noch nie einen Menschen mit anderer Hauptfarbe gesehen hätten, sei es heute selbstverständlich, Männer und Frauen aus aller Welt zu begegnen. Dass es heute so viele Deutsche gebe, deren Familien Wurzeln in anderen Ländern und anderen Kulturen hätten, sei „unser gemeinsam größter Sieg über Hitler“. Von den in Darmstadt stationierten Soldaten habe nicht nur die Wirtschaft der Stadt profitiert, sie hätten sich stets auch als die „besten Botschafter der amerikanischen Kultur und Freiheit“ gezeigt: „Sie haben amerikanische Lebensart hier nach Darmstadt gebracht. Mit ihnen verlieren wir Freunde.“

          Leerstehenden Wohnungen in Lincoln-Siedlung

          Durch den Abzug der amerikanischen Soldaten wird nicht nur die Cambrai-Fritsch-Kaserne frei, die 1938 ursprünglich als Doppelkaserne errichtet und nach der Weltkriegsschlacht von Cambrai und dem später abgesetzten Oberbefehlshaber des Heeres, General Werner Freiherr von Fritsch, benannt worden war. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) verfügt künftig über insgesamt rund 120 Hektar bislang für militärische Zwecke genutzte Flächen. Dazu zählen neben Cambrai-Fritsch die Lincoln- und die Jefferson-Siedlung, St. Barbara, die Kelly-Barracks und das Nathan-Hale-Depot.

          Die Stadt will diese Areale für den Wohnungsbau oder aber für Gewerbeansiedlungen ausweisen. Bebauungspläne sind bereits in der Bearbeitung, 2007 wurde von der Stadtverordnetenversammlung eine Vorkaufsrechtssatzung beschlossen. Baudezernent Dieter Wenzel (SPD) rechnet damit, dass noch in diesem Jahr Gespräche mit der Bundesanstalt geführt und erste Ergebnisse erzielt werden können. So sei es wichtig, die bald leerstehenden Wohnungen in der Lincoln-Siedlung neu zu nutzen. Gutachten hätten gezeigt, dass sie sich in gutem baulichen Zustand befänden. Er halte eine schnelle Regelung für möglich, sagte Wenzel.

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