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Früheres Hoechst-Gelände : Offenbach treibt Innovationscampus voran

Wo einst die Betriebsanlagen einer Chemieanlage standen, sollen in Offenbach nun innovative Firmen ihren Platz finden. (Archivbild) Bild: Helmut Fricke

Die Stadt Offenbach gründet eine Gesellschaft, die das Clariant-Gelände kaufen und vermarkten soll. Firmen verschiedenster Branchen sollen dort Platz finden. Doch ein Risiko bleibt.

          3 Min.

          Der Traum vom Offenbacher Innovationscampus auf dem ehemaligen Clariant-Gelände nimmt Gestalt an. Die Stadtwerke-Unternehmensgruppe soll nach dem Willen des Magistrats das rund 35 Hektar große Gelände am Mainufer erwerben, entwickeln und vermarkten. Zu diesem Zweck ist eine Projektgesellschaft gegründet worden. Bislang gehört das Areal dem Schweizer Chemieunternehmen Clariant. Die Stadt Offenbach hat immer wieder Kaufinteresse bekundet, Clariant hätte das wertvolle, ehedem zur Hoechst AG zählende Areal aber eigentlich lieber frei verkauft. Nun ist eine Einigung erzielt, und der Verkauf steht bevor. Auf dem Weg dorthin sah sich die Stadt allerdings auch gezwungen, den Schweizern mit Enteignung zu drohen.

          Jochen Remmert

          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Der Innovationscampus soll ein Ort für neue zukunftsträchtige Unternehmen werden, wie Oberbürgermeister Felix Schwenke (SPD) sagt. Dem obersten Wirtschaftsförderer der Stadt liegt die Entwicklung des Areals als Standort für Betriebe am Herzen.

          So hat er immer wieder hervorgehoben, dass Offenbach zwar auch großen Bedarf am Bau bezahlbarer Wohnungen habe, dieses Gelände aber der Ansiedlung neuer Firmen vorbehalten sein solle, weil nur dadurch die wirtschaftliche Gesundung der Kommune möglich sei. Denn nach wie vor leidet die kleine Großstadt unter dem weitgehenden Niedergang der klassischen Industrie.

          Es wird noch viele Jahre dauern

          Die Entwicklung eines Innovationscampus in kommunaler Regie auf dem alten Chemiestandort sei deswegen ein zentrales Element der wirtschaftspolitischen Strategie der Stadt, sagt Schwenke. Ihm sei es lange vor der Corona-Krise schon wichtig gewesen, bei der Ansiedlung von Unternehmen auf unterschiedliche Branchen zu setzen. Darüber herrsche auch unter den Magistratskollegen Einigkeit.

          Dass es noch viele Jahre dauern wird, bis aus der Industriebrache ein Campus mit Firmen aus Zukunftsbranchen wird, weiß Schwenke wohl. Dennoch sei man mit der Einigung zwischen der Stadt und Clariant einen gewaltigen Schritt weitergekommen.

          Schwenke lobt inzwischen Clariant-Geschäftsführer Oliver Kinkel. Man habe nach „harten aber fairen Verhandlungen“ unter Vermeidung einer juristischen Auseinandersetzung eine gute Lösung für alle Beteiligten gefunden. Ende vergangenen Jahres hatte man sich auf den Verkauf für 6,95 Millionen Euro geeinigt. Der Preis lässt sich dadurch erklären, dass das ungewisse Altlastenrisiko auf die Stadt übergeht.

          Offenbach „zu blöd“

          Schwenke hebt hervor, dass der Verkauf des Areals, auf dem seit Generationen Betriebe der Chemie und der Farbenproduktion angesiedelt waren, nicht mit wenigen Zahlen korrekt zu beziffern sei. Es handele sich weder für die Stadt noch für Clariant um ein Schnäppchen oder eine Verrücktheit, weil Offenbach „zu blöd“ sei, das Altlastenrisiko korrekt einzuschätzen. Der Preis sei vielmehr für alle Beteiligten eine Mischkalkulation. Er bilde Risiken und Chancen von juristischen Prozessen, Zeitverlusten und Altlastenrisiken ab.

          Die Stadt will das Areal nicht von Dritten entwickeln und vermarkten lassen. Sie traut sich zu, die größte zusammenhängende innerstädtische Entwicklungsfläche der Region für eine gewerbliche Nutzung selbst zu managen. Um die komplexe Aufgabe der Erschließung, Parzellierung und des Verkaufs bewältigen zu können, hat die Stadt jetzt die Inno Innovationscampus GmbH & Co. KG gegründet. Die Geschäftsführung teilen sich Daniela Matha, Chefin der Offenbacher Projektentwicklungsgesellschaft (OPG), und der Chef der Stadtwerke Offenbach Holding Peter Walther.

          Die neue Projektentwicklungsgesellschaft wird kein weiteres Personal erhalten. Wie schon bei der Entwicklung und Vermarktung des Hafens durch die Mainviertel Offenbach, wird im Fall des Clariant-Areal die Immo die OPG mit den operativen Dienstleitungen beauftragen.

          Kaufpreis von 6,95 Millionen Euro

          Die Innovationscampus GmbH wird laut Stadt mit dem mit Clariant vereinbarten Kaufpreis von 6,95 Millionen Euro ausgestattet sowie mit weiteren drei Millionen als Stammkapital. Mit einer Patronatserklärung der Stadt als Bestandteil des Kaufvertrages soll das wirtschaftliche Risiko der Stadtwerke-Holding reduziert und die Freistellung der Clariant AG vom Altlastenrisiko garantiert werden. Nach Angaben des Kämmerers und Bürgermeisters Peter Freier (CDU) ist ausdrücklich die Möglichkeit vorgesehen, zu einem späteren Zeitpunkt gegebenenfalls auch Dritte an der Inno zu beteiligen. Das könne hilfreich sein, um zusätzliche Marktkompetenz zu erlangen und um das wirtschaftliche Risiko für die Stadt zu verringern.

          Zugleich gibt Freier zu, dass die Altlastensituation ein wirtschaftliches Risiko darstelle. Es werde ständige Aufgabe der Projektverantwortlichen sein, dieses Risiko für alle Beteiligten so gering wie möglich zu halten, sagte Freier. Ungeachtet dessen sieht er zuversichtlich auf die Entwicklung des Clariant-Geländes.

          Das begründet er mit der aus der Hafenentwicklung erlangten Kompetenz, was Boden- und Grundwassersanierung betreffe, und mit mehreren Fachgutachten. Diese bestärkten ihn in der Zuversicht, dass die Entwicklung des Clariant-Areals gelingen könne, sagt Freier.

          Auch Stadtplanungsdezernent Paul-Gerhard Weiß (FDP) hält es für einen großen Vorteil, dass die Stadt die Entwicklung eigenständig steuern kann. Offenbach könne sich dadurch als Gewerbestandort breit aufstellen und unterschiedliche Nutzungen anbieten.

          Weiß ist allerdings nicht ganz so Zuversichtlich, was die Dauer der Entwicklung betrifft. Er rechnet mit rund einem Jahrzehnt, bis aus der Brache ein voll entwickelter Innovationscampus geworden sein wird.

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