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: Als der Feuersturm die frohen Kindertage verblassen ließ

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"Über die Autobahn Frankfurt kommend, sehe ich die rotsandsteinern leuchtenden Türme des Schlosses, die Kirchen in ihrer stets gleichbleibenden Ruhe und Mahnung, die Dachlandschaften und den glitzernden ...

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          "Über die Autobahn Frankfurt kommend, sehe ich die rotsandsteinern leuchtenden Türme des Schlosses, die Kirchen in ihrer stets gleichbleibenden Ruhe und Mahnung, die Dachlandschaften und den glitzernden Main, den Jahrhunderte unerschütterlich fließenden und stolz den Jahreszeiten trotzenden, und dann umfassen meine Augen zärtlich das tausendfach gewohnte Bild mit dem sanften, grünen Hügelchor des Spessarts im Osten der Stadt." Niemand findet solch anrührende Worte für Aschaffenburg wie die Heimatdichterin und Poetin Irmes Eberth.

          Es ist eine doppelte, fast gespaltene Liebe, die sie im Herzen trägt. Die eine gilt dem Aschaffenburg von heute, auf das sie manchmal böse ist, "wie ein Kind auf Vater und Mutter, und die ich doch liebe wie Vater und Mutter". Die andere reicht zurück in die Jahre ihrer Kindheit Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre, bevor der Bombenhagel des 21. November 1944 den grausamen Auftakt für den weitgehenden Untergang der Stadt markierte. Wenn die Stadt in einigen Wochen das traurige Jubiläum feierlich begeht, wird Irmes Eberth zu den wenigen gehören, die das allmählich verblassende Bild des Aschaffenburgs von einst noch lebhaft heraufbeschwören können. Wer das Vergnügen hat, mit ihr durch die Altstadt zu schlendern, gewinnt eine neue Ansicht der Straßen, Gassen, Plätze und Häuser. Gemeinsam mit der Dichterin gelingt es, hinter die Fassaden zu schauen - zurück in die Vergangenheit. Ihre Beschreibungen lassen die Häuser wiedererstehen, die einst den heute freien Theaterplatz umstanden. Auch die Markthalle an der Landingstraße, das Anwesen der Englischen Fräulein mit seinem Klostergarten auf dem heutigen Marktplatz, der "Karlshof" an der Karlstraße, der "Hopfengarten" oder das "Inselchen" am Agathaplatz mit seinen "kleinen, putzigen Häuschen, den geraniengeschmückten Fenstern und den alten, krumm getretenen Treppen, die aus den Vorderfassaden herausfielen": all diese verlorenen Zeugnisse früherer Zeiten tauchen vor dem inneren Auge auf. Doch wie damals vor 60 Jahren wird die Idylle gestört, denn die Erinnerungen sparen das Unbegreifliche nicht aus, können es auch nicht, denn zu tief sitzt noch heute der Schrecken des Erlebten.

          Wann begannen die unbeschwerten Kindheitstage zu schwinden? Vielleicht an dem Tag, als die jüdische Familie aus der Nachbarschaft, mit deren Kindern Irmes und ihre Geschwister jahrelang herumgetollt hatten, Hab und Gut aufgeben und in eine dunkle Hinterhauswohnung ziehen mußten. Vielleicht aber auch erst an dem Abend im Jahr 1938, an dem der Vater die kleine Irmes mitnahm zum Platz der Synagoge. Dort standen SA-Männer und bewachten die noch rauchenden Trümmer. Spätestens aber, als das junge Mädchen einen Trupp von Gefangenen sah, die aneinandergekettet durch die Straßen der Innenstadt geführt wurden. "Ganz jämmerlich", habe sie sich damals gefühlt, doch die größten Schrecken standen dem Kind noch bevor. Eine halbe Stunde lang dauerte das erste große Bombardement auf Aschaffenburg am 21. November 1944 - 30 Minuten, in denen weite Teile der Stadt in Schutt und Asche gelegt wurden, und die alles, was bisher Gültigkeit besessen hatte, in Frage stellten. Die Familie wohnte damals gegenüber dem Dalberg-Gymnasium. Als Alarm gegeben wurde, schickten die Eltern ihre drei jüngeren Kinder - der älteste Bruder war schon im Krieg - hinüber in den Schulkeller. Sie selbst blieben im Haus. "Dann gingen alle Lichter aus, und die Erde fing an zu beben", erzählt Irmes Eberth. "Ein wahnsinniges Toben umfing uns. Ich nahm meine kleinen Geschwister unter meinen Mantel. Niemand im Keller schrie, keiner glaubte, daß wir das überstehen könnten." Doch sie überlebten, und sie fanden die Eltern wieder im teilweise zerstörten Haus. "Ich fühlte mich auf einmal wie eine steinalte Frau, weil ich glaubte, etwas Schlimmeres könnte ich nicht mehr erleben." Doch Irmes irrte sich. Die Bombardements wiederholten sich immer wieder.

          Es folgten Jahre der Angst und der Entbehrung, doch dann begann der allmähliche Wiederaufbau. Mit Freude und Ärger zugleich verfolgte die junge Frau das Geschehen. Sie freute sich beispielsweise, daß sich engagierte Bürger dem geplanten Abriß der Ruine des Schlosses entgegenstemmten und schließlich die Rekonstruktion durchsetzten. Groß war die Freude auch über die Instandsetzung der Kirchen, allen voran der Stiftskirche, und über jeden kleinen Schritt des allmählichen Fortschritts. Doch noch heute blitzt in ihren Augen der Zorn auf, wenn sie an die historischen Bauwerke denkt, die man hätte retten können, aber lieber dem Erdboden gleichmachte, um sich den Aufwand der Sanierung zu sparen. Es gibt viele Stellen in der Stadt, die sie nach wie vor mit kritischen Augen sieht. Doch ihre Überzeugung, in einer wunderbaren Stadt zu leben, ficht dies keineswegs an. Das liegt nicht zuletzt an den Menschen in Aschaffenburg, die sich in ihren Augen - anders als die "muhhakligen" Franken - durch Kunstsinn und eine Lockerheit auszeichnen, die sie sich aus der kurmainzischen Zeit Aschaffenburgs hinübergerettet haben. LUISE GLASER-LOTZ

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