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Aktionstag zum Fahrradfahren : Wer zu langsam fährt, fällt um

  • -Aktualisiert am

Fahrstunde mit Olympiasiegerin: Miriam Welte (Zweite von rechts) berät eine junge Radlerin. Bild: Cornelia Sick

Lieber Helm auf als Kopf kaputt: Olympiasiegerin Miriam Welte gibt beim Aktionstag „Mainz setzt aufs Rad“ Tipps zur Sicherheit. Auf den Straßen muss sich trotzdem noch etwas ändern.

          Ginge es nach Miriam Welte, träte eher heute als morgen eine Helmpflicht für Radfahrer in Kraft. „Ich bin absolute Befürworterin einer solchen Regelung“, sagt sie. „Der Kopf ist unser wichtigstes Gut, ihn sollten wir entsprechend schützen.“ Die 32 Jahre alte Sportlerin ist beim Aktionstag „Mainz setzt aufs Rad“ des Landeskriminalamtes Rheinland-Pfalz doppelt vom Fach: als eine der erfolgreichsten deutschen Bahnradfahrerinnen und als Polizeibeamtin gibt sie vor dem Staatstheater Tipps für richtiges Verhalten und Sicherheit im Straßenverkehr.

          Auch dem kleinen Mädchen, das auf dem Standfahrrad in die Pedale tritt und gebannt auf einen Bildschirm schaut. Es gilt, Verkehrszeichen zu beachten und andere Verkehrsteilnehmer aufmerksam zu beobachten; jeden Moment könnte beispielsweise die Fahrertür eines parkenden Autos aufschwingen und zu einem gefährlichen Hindernis werden. Zu sehr drosseln darf die junge Radlerin ihr Tempo freilich nicht: „Du fährst zu langsam, du fällst gleich um“, erscheint als Warnhinweis auf dem Monitor – gut, dass es sich nur um einen Simulator handelt, der fest verankert auf dem Gutenbergplatz steht.

          Das unterscheidet ihn von dem „Bierbike“, das zufällig auf der gegenüberliegenden Straßenseite haltmacht und bei dessen Anblick Lukas Reuscher die Augen verdreht. „Ich finde, so etwas hat auf der Straße nichts verloren“, sagt der Beamte der Polizeiinspektion I in der Weißliliengasse. „Nicht nur, weil es für andere Verkehrsteilnehmer eine Behinderung darstellt.“ Ein Dutzend Männer, das strampelnd, trinkend und, je nach Pegel, johlend an einer lange Theke sitzt, ohne Absicherung nach hinten. „Helmpflicht wäre hier das Mindeste.“

          Für Gefühle sieht die StVO keine Ausnahmen vor

          Der Andrang am Infostand ist trotz des kühlen und regnerischen Wetters groß. Sowohl bei den Experten des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs mit ihrem Angebot, Zweiräder zu codieren, was der Polizei die Suche nach gestohlenen Rädern vereinfacht, als auch bei den Beamten selbst, die Fragen zu Sicherheit, Fahrverhalten und einem friedlichen Miteinander aller Verkehrsteilnehmer beantworten. Zum Beispiel zur Pflicht, Radwege zu benutzen. „Die besteht, sobald ein entsprechendes Verkehrszeichen aufgestellt ist“, erläutert Ralf Thomas. Also ein weißes Fahrradpiktogramm vor blauem Hintergrund.

          „Und was ist, wenn ich mich auf der Straße sicherer fühle?“, fragt ein Radler. Für Gefühle sieht die Straßenverkehrsordnung keine Ausnahmen vor. „Nur bei Radwegen ohne Hinweisschild haben Sie die freie Wahl“, sagt Thomas. „Oder als Pedelec-Fahrer.“ E-Bikes hingegen haben auf Radwegen nichts verloren. Kathrin Eder ist erklärtermaßen keine Freundin gesonderter Fahrradwege.

          Der grünen Verkehrsdezernentin der Landeshauptstadt ist bewusst, dass ihre Haltung umstritten ist, dass Kritik sowohl von Autofahrern kommt, die die Straße für sich beanspruchen, als auch von Radfahrern, die sich auf der Straße unsicher fühlen. Eder weiß sich aber auch im Einklang mit der Straßenverkehrsordnung, die seit zehn Jahren benutzungspflichtige Radwege nur noch dort vorsieht, wo es die objektive Verkehrssicherheit oder der Verkehrsablauf erfordern. „Für Pedelecs oder Lastenräder sind unsere Radwege ohnehin nicht ausgelegt“, sagt sie. „Dafür müssten sie zweieinhalb Meter breit sein.“

          Für die Bürger leichter ansprechbar

          Die Hechtsheimer Straße werde im Zuge der Bebauung des Heiligkreuzareals jeweils eine solche Spur je Fahrtrichtung erhalten. In der Innenstadt dagegen sei dies nicht machbar. „Dort müssen wir den Verkehrsraum neu aufteilen“, sagt Eder. „Wir können nicht an den Konzepten aus den sechziger und siebziger Jahren festhalten.“

          Durchweg gute Erfahrungen auf dem Rad hat Lukas Reuscher als Mitglied der Polizei-Fahrradstaffel gemacht. Seine Kollegen und er kümmerten sich selbstverständlich nicht nur um zivile Radler, sondern nähmen alle Aufgaben einer normalen Streife wahr – würden aber anders wahrgenommen. „Für die Bürger sind wir leichter ansprechbar, weil uns keine Windschutzscheibe von ihnen trennt“, sagt er. „Und auf Augenhöhe zu begegnen, kommt bei den Leuten gut an.“

          Radfahrende Verkehrssünder wiederum haben kaum eine Chance, Polizisten wie Reuscher zu entkommen. Es sei denn, sie sind so gut trainiert wie Miriam Welte, die im Übrigen nicht nur für ihren Sport auf die Kraft ihrer Beine setzt. „Auch wenn ich in die Stadt will, nehme ich das Rad“, erzählt die Olympiasiegerin und mehrmalige Weltmeisterin aus Kaiserslautern. „Ich fühle mich sicher, auch wenn es Autofahrer gibt, die noch nicht verstehen, dass ihnen in manchen Einbahnstraßen Radfahrer entgegenkommen dürfen. Aber das ist ein Lernprozess, irgendwann werden sie sich daran gewöhnt haben.“

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