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Ärztemangel : Der Landarzt

  • -Aktualisiert am

Ein Mann und sein Dorf: Doktor Arthur Sterzing, im Hintergrund Schaafheim. Bild: Rainer Wohlfahrt

Die Praxis modern, die Patientenkartei voll - dennoch findet der Allgemeinmediziner Arthur Sterzing keinen Nachfolger. Die Geschichte einer Suche, der Liebe zu einem Dorf.

          6 Min.

          Um die Menschen ein bisschen glücklich zu machen, braucht Doktor Sterzing nichts als sein Stethoskop und diese tiefe, heilende Stimme. "Wie geht es Ihnen heute?" "Na ja." "Ihnen wurde beim Frühstück etwas schwummerig, oder?" "Ich habe alles doppelt gesehen." "Und wie viele Gläser Sekt haben Sie zum Frühstück getrunken?" "Keines, Herr Doktor." "Ich messe mal Ihren Blutdruck. Ich schiebe den Ärmel etwas hinauf, dann geht das besser." "Machen Sie nur." "Aber Sie sind ja schon gar nicht mehr so blass. Wie geht es Ihnen jetzt?" "Schon besser, Herr Doktor." Doktor Sterzing rückt noch ein paar Zentimeter an das Gesicht der Frau heran, blickt ihr für ein paar Sekunden fest in die Augen, streicht mit der Hand über ihre Wange, und sagt noch eines: "Ich möchte, dass Sie nächste Woche noch mal in meine Praxis kommen, damit ich sehen kann, wie es Ihnen dann geht." "Gerne, Herr Doktor."

          Mona Jaeger

          Stellvertretende verantwortliche Redakteurin für Nachrichten.

          Ein anderes Haus, niedrige Mauern, der gleiche saubere Hof, weite Flure und enge Zimmer. Die Frühlingssonne scheint durch die beiden kleinen Fenster. An der Wand mit der hellen Tapete hängen zwei Kruzifixe, Messingteller, Hochzeitsbilder. Auf einem Tischchen steht ein Glas Wasser, und auf einem Teller liegen zwei Stücke Banane. Es riecht süßlich-herzhaft nach Urin und Blut.

          Man gibt viel und bekommt auch viel zurück

          Maria schläft. Als der Doktor und die Pflegerin das Zimmer betreten, bewegt sich ihr Körper etwas, und als der Doktor schon an ihrem Bett steht, kommt sie langsam wie aus weiter Ferne zurück. Ihr kleiner Körper versinkt fast in den üppigen Kissen und Decken. Mal reißt sie die Augen auf wie in Angst, öffnet den Mund, ohne etwas zu sagen. Sie spürt nicht, als der Doktor ihr etwas abgestorbenes Gewebe an der Hüfte entfernt, aber vielleicht hat sie schlecht geträumt, denn Maria fängt plötzlich an zu weinen, laut und ohne Scham. Doktor Sterzing beendet seine Arbeit, legt Messer und Schere beiseite, rückt die paar Zentimeter hinauf zu ihrem Gesicht und streicht mit der Hand über ihre Wange. Er beugt sich in das Krankenbett hinunter, nah an ihr Ohr und flüstert beinahe: "Es ist gut, Maria."

          Landarzt zu sein bedeutet, viel geben zu müssen: Zeit, Geduld und Ratschläge. Aber man bekommt auch viel zurück. Landarzt zu werden war nie der Wunsch von Arthur Sterzing, doch nun ist er es schon seit 33 Jahren, und er liebt es immer noch. Die Menschen beim Altwerden begleiten zu können, sagt er, sei etwas Erfüllendes. Seine Patienten würden älter und er mit ihnen. Doktor Sterzing ist 63 Jahre alt, aber nicht ausgebrannt oder genervt von den Wehwehchen seiner Patienten. Er möchte aufhören, solange das noch so ist. Doch niemand will nach Schaafheim kommen und seine Praxis übernehmen.

          Schon jetzt fehlen 3600 Ärzte

          Arthur Sterzing hat schon viele interessierte Kollegen durch seine Praxis geführt. Mit zwei anderen Ärzteehepaaren hatte er vor knapp zwei Jahren eine Praxisgemeinschaft gegründet. Ein modernes Haus, neue Geräte, helle Farben an den Wänden, nette Helferinnen hinter der Theke. Alle Kollegen fanden das toll und klopften ihm auf die Schulter. Die Praxis übernehmen wollte freilich keiner. Dem einen war sie zu groß, dem anderen zu klein. Eine Oberärztin aus der Region wollte raus aus der Klinik und hinein ins Landleben. Weg von den Bettennummern hin zu den dankbaren Gesichtern. Als ihr Doktor Sterzing erzählte, dass er 40 Prozent des Tages mit Papier und Bürokratie zu kämpfen habe, wollte auch sie nicht mehr. Und als ein junger Arzt mit seiner Frau durch das Dutzend Räume schritt, die Frau sich dann erkundigte, wo denn das nächste Gymnasium sei, war auch er plötzlich kein Interessent mehr. Das war vor vier Jahren.

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