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Säugling als Simulationspuppe : Winzling im Dienst der Notfallmedizin

Lebensecht: An der Simulationspuppe Paul können Ärzte den Ernstfall trainieren. Bild: Wolfgang Eilmes

Mit Paul erhalten Kliniken in Frankfurt und Gelnhausen die erste Simulationspuppe eines Frühgeborenen in Hessen. Immer mehr Kinder werden in diesem Stadium geboren. Die Eingriffe sind lebensbedrohlich.

          Paul ist nur 35 Zentimeter groß und wiegt gerade einmal 1000 Gramm. Doch der Winzling ist ein technisches Wunderwerk und deshalb der neue Star der Kinderkliniken der Main-Kinzig-Kliniken in Gelnhausen und des Universitätsklinikums in Frankfurt. Er entspricht einem Säugling, der in der siebenundzwanzigsten Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt auf die Welt geholt wurde und dem damit 13 Wochen Entwicklung in der geschützten Umgebung des Mutterbauchs fehlen.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Immer mehr Kinder in Deutschland werden in diesem frühen Stadium geboren. Als Frühgeburt gilt etwa jeder zehnte Säugling, das sind etwa 60.000 junge Menschen jährlich. Dank des medizinischen Fortschritts sowie gut ausgebildeter Ärzte und Pflegekräfte wachsen ihre Überlebenschancen kontinuierlich. Doch eine enorme Herausforderung bleiben die Frühchen. Damit in den Kinderkliniken in Gelnhausen und Frankfurt im Notfall jeder Handgriff sitzt, wird künftig mit Paul als weltweit kleinstem „High-End-Simulator“ der Welt trainiert.

          Langjährige Kooperation

          Zehn Exemplare, entwickelt von Jens Christian Schwindt, Kinderarzt der Frühgeborenen-Intensivstation der Medizinischen Universität Wien, sind in Deutschland im Einsatz. Dank einer Spende der Vereine „Barbarossakinder – Pro Kinderklinik Gelnhausen“ und der Kinderhilfestiftung Frankfurt konnte Paul als erste Frühgeborenen-Simulatorpuppe in Hessen angeschafft werden. Er kostet inklusive Steuerungslaptop, Patientenmonitor, Simulationsstethoskop und Router rund 50.000 Euro.

          Mit Paul wird die langjährige Kooperation der beiden Kliniken fortgesetzt und intensiviert. Bisher gibt es unter anderem einen regelmäßigen Austausch von Assistenzärzten. Für die in Gelnhausen arbeitenden Ärzte besteht die Möglichkeit, die Zusatzausbildung als Neonatologe in Frankfurt abzuschließen. Nun sollen Gruppen aus Ärzten und Pflegern beider Häuser mal in Frankfurt, mal in Gelnhausen mit Paul regelmäßig den Notfalleinsatz an einem Frühgeborenen üben. Damit wird auch sichergestellt, dass im Ernstfall das Zusammenspiel des Teams reibungslos abläuft.

          Lebensbedrohliche Eingriffe

          Pauls Anblick und Vielseitigkeit verblüffen Laien wie Mediziner gleichermaßen. Seine Haut schimmert rosig und fühlt sich vollkommen echt an. Sein Brustkorb hebt und senkt sich, und auch der Ansatz seiner Nabelschnur ist noch vorhanden. Selbst Geräusche und Baby-Schreien kann er von sich geben. Fast noch beeindruckender ist allerdings sein Innenleben. In seinem Rachen sind Speiseröhre und Luftröhre deutlich und lebensecht zu erkennen. Ärzte können das Einführen einer Sonde oder eines Beatmungsschlauchs realistisch üben, eine Aufgabe, die wegen der minimalen Dimensionen im Hals eines Neugeborenen schwierig und nicht ungefährlich für den kleinen Patienten ist.

          Nach den Worten von Manuel Wilhelm, Ärztlicher Leiter der Neonatologie der Main-Kinzig-Kliniken, stehen sich bei den Übungen immer zwei Teams gegenüber, die einen bestimmen am Computer die Aufgaben, welche die anderen am Operationstisch erfüllen müssen. Das fängt mit dem Legen eines Zugangs zum Einführen von Infusionsflüssigkeiten an und endet mit einer dramatischen Wiederbelebung des Neugeborenen.

          Steuerungslaptop, Patientenmonitor, Simulationsstethoskop: An Paul werden lebensrettende Handeingriffe eingeübt.

          Über den Computer werden die Symptome von Paul gesteuert. Bei einer nicht ausreichenden Sauerstoffzufuhr beispielsweise verfärbt sich Pauls Haut blau, bis er schließlich aufhört zu atmen. Beim Abhören des kleinen Körpers können Herztöne sowie Atem- und Darmgeräusche wahrgenommen werden, die ebenfalls der Computer je nach Akutsymptomen erzeugt.

          Mit gemeinsamen Übungen haben die beiden Kinderkliniken schon bisher gute Erfahrungen gemacht. Seit einigen Jahren gibt es eine Puppe, die ein reifes Neugeborenes simuliert. Junge Kollegen könnten damit wertvolle Erkenntnisse sammeln, während erfahrene Mediziner ihr Wissen festigten, so Wilhelm. Studien belegen laut Rolf Schlößer, Leiter der Neonatologie am Universitätsklinikum Frankfurt, dass Notfallteams präziser und effektiver zusammenarbeiteten, wenn sie die Notfallsituation zuvor im Team simuliert hätten.

          Träten bei den kleinen Frühgeborenen Atemnotfälle oder Herz-Kreislauf-Probleme auf, müssten alle Handgriffe im Team aufeinander abgestimmt sein, sagt Hans-Ulrich Rhodius, Chefarzt der Gelnhäuser Kinderklinik, der vor seinem Wechsel nach Gelnhausen 14 Jahre lang am Universitätsklinikum in Frankfurt tätig war. Deshalb ist die Zusammenarbeit der Neonatologie und der pädiatrischen Intensivstation zwischen Frankfurt und Gelnhausen besonders eng.

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