https://www.faz.net/-gzg-9y9hx

Abwechslung in Corona-Zeiten : Schlager vorm Balkon

  • -Aktualisiert am

Alleinunterhalter Robert Hößbacher erfreut sich großer Beliebtheit. Bild: Marcus Kaufhold

Ein Musiker hat in der Postsiedlung die Lieblingslieder betagter Bewohner gespielt und für eine Weile die Corona-Sorgen vertrieben. Doch ein Verein hat noch mehr vor.

          2 Min.

          Freudentränen in schweren Zeiten: Ergriffen und begeistert haben Bewohner der Darmstädter Postsiedlung am Sonntag auf eine besondere Aktion in ihrer Straße reagiert. Ein Alleinunterhalter hatte am Nachmittag Lieblingsschlager für die meist hochbetagten Anwohner der Siedlung rund um Oppenheimer- und Moltkestraße gespielt – und bei den alten Menschen Erinnerungen an vergangene Zeiten geweckt.

          Ausgerüstet mit Keyboard und Verstärker, hatte sich der Musiker Robert Hößbacher aus Seligenstadt auf den Weg durch das Wohngebiet gemacht. Vor fünf Balkonen machte Hößbacher halt und spielte, was sich die Bewohner wünschten. Ob Schlager oder Evergreens – das Repertoire war umfangreich. „Wir wollten den Menschen zeigen, dass sie nicht vergessen sind und ihnen einen Moment Freude schenken“, sagt Bastian Ripper, Vorsitzender des Vereins Postsiedlung und Initiator der Aktion.

          Besonders ältere Menschen litten unter der aktuellen Situation. „Sie gehen nicht mehr hinaus zum Einkaufen, haben keinen Besuch mehr und sind seit Wochen nur noch allein zu Hause.“

          Die Besuche blieben unangekündigt

          Gesprächspartner und Kontakte fehlten, vielen Anwohnern gehe es nicht gut. Weil der Verein, der auch Telefongespräche mit ehrenamtlichen Mitarbeitern anbietet, noch mehr gegen den Corona-Blues unternehmen wollte, sei die Idee mit dem Alleinunterhalter entstanden. Nach knapp zweistündiger Internetrecherche war Ripper auf Hößbacher gestoßen, wie er sagt. „Er war gleich bereit, mitzumachen.“ Die Besuche vor den Balkonen blieben unangekündigt. „Das sollte eine Überraschung sein“, so Ripper.

          Das erste Ständchen erhielt die vergleichsweise junge Alexandra Glagowski, die an dem Tag den 55. Geburtstag feierte und wegen der Corona-Krise auf Besuch verzichten musste. Neben „Happy Birthday“ bekam sie „Ein Stern“ von DJ Ötzi und Nik P. sowie den Klassiker „Rote Lippen soll man küssen“ dargeboten. Schokolade und eine blühende Ranunkel für den Balkonkasten gab es außerdem.

          Die anderen Bewohner, die musikalischen Besuch erhielten, sind zwischen 83 und fast 90 Jahre alt, wie ein älterer Herr Ripper verriet. Sie wünschten sich unter anderem „Immer wieder geht die Sonne auf“ von Udo Jürgens sowie das Volkslied „Kornblumenblau“. Der Schlager „Einmal um die ganze Welt“ von Karel Gott stand auf der Wunschliste eines betagten Ehepaars, dass einst die halbe Welt mit dem Wohnmobil bereist hatte und wegen Corona nicht einmal mehr selbst zum Einkaufen geht. Das übrigens nimmt ihnen – wie auch vielen anderen älteren Bewohnern aus dem Bezirk – der Verein Postsiedlung ebenfalls ab.

          „Wir fahren sogar die Katze zum Tierarzt“

          Denn nicht nur mit Musik will er den Menschen helfen. Wer zur Risikogruppe gehört, muss nicht selbst vor die Tür. „Wir fahren sogar die Katze zum Tierarzt, wenn das nötig ist“, sagt Ripper. Und wer so wenig Geld habe, dass der Einkauf auch ohne Corona-Krise kaum zu leisten sei, bekomme die Waren für den täglichen Gebrauch vom Verein bezahlt.

          Bald soll zudem zwei Mal pro Woche zum Nulltarif warmes Mittagessen an Bedürftige verteilt werden. Gekocht und verpackt werde im Vereinsheim an der Binger Straße, ehrenamtliche Mitarbeiter lieferten das Essen aus. „Wer noch gut zu Fuß ist, kann aber auch rüberkommen und sich sein Essen holen“, sagt Ripper.

          Es werde darauf geachtet, dass die Abstandregeln eingehalten würden. Das Projekt sei – unabhängig von Corona – zunächst auf ein Jahr bis März 2021 angelegt. Ob der Alleinunterhalter nochmals das Viertel besuchen werde, stehe noch nicht fest, sagt Ripper. Das hänge davon ab, wie lange Kontaktsperren und Beschränkungen andauerten. Ein Wunsch des Initiators dürfte sich am Sonntag jedoch erfüllt haben: „Wir wollten, dass die Leute heute Abend mit positiven Gedanken ins Bett gehen.“

          Weitere Themen

          Vom Reifrock verschluckt

          Aufführung im Staatstheater : Vom Reifrock verschluckt

          An Absurdität nicht zu überbieten: Uwe Eric Laufenberg hat in kürzester Zeit Samuel Becketts „Glückliche Tage“ auf die Bühne des Staatstheaters Wiesbaden gebracht.

          Topmeldungen

          Tourismus : Schweiz buhlt um Deutsche

          Den Eidgenossen fehlen die ausländischen Gäste, vielen Hotels droht der Konkurs. Nun wollen sie bei deutschen Touristen punkten – mit praktischen und geldwerten Angeboten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.