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Abschied von Kardinal Lehmann : Schlange stehen für einen letzten Gruß

Abschied: Der Leichnam des verstorbenen Mainzer Kardinals Karl Lehmann liegt aufgebahrt in der Augustinerkirche Bild: dpa

In der Mainzer Augustinerkirche nehmen Tausende Abschied vom Bischof Karl Kardinal Lehmann. Manch einer reist von weither an.

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          „Erst noch zum Kaufhof und dann zum Kardinal“ ruft die mit Tüten schwer beladene Frau einmal quer über die Ludwigsstraße. Die Nachricht ist angekommen. Ihre Bekannte auf der anderen Seite des Gutenbergplatzes nickt. Und womöglich hat sie ganz ähnliche Pläne. So wie Hunderte, wenn nicht Tausende andere Mainzer und Besucher der Stadt, die ihr übliches Programm um einen, wenn auch nur kurzen Abstecher in die Augustinerkirche erweitert haben.

          Markus Schug

          Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Und dort, am von zwei Polizisten bewachten Eingang, geht es zu wie in einem Taubenschlag: Tür auf, Tür zu – unablässig strömen Menschen in das Gotteshaus, in dem schon seit Dienstag und noch bis Dienstagabend der Leichnam des ehemaligen Bischofs, Karl Kardinal Lehmann, offen aufgebahrt ist. „Diskrete Fotos sind erlaubt. Bitte verzichten Sie auf Selfies und Ähnliches“, steht vorsorglich auf einem Schild. Denn es sind zwar viele, aber längst nicht nur Gläubige, die in der zum Priesterseminar gehörenden Rokokokirche mit ihren prächtigen Deckengemälden vorbeischauen, um sich von dem über die Grenzen des Bistums hinaus beliebten und geschätzten Theologen zu verabschieden. Der einbalsamierte Leichnam ist mit den Pontifikalien geschmückt: violettes Messgewand, Mitra sowie Stab, Kreuz und Ring des Bischofs.

          Im Alter von 81 Jahren verstorben

          Staatsoberhaupt Frank-Walter Steinmeier will – so wie viele weitere Politiker und Repräsentanten der Kirchen – zur Beisetzungsfeier am Mittwoch um 15 Uhr kommen, so viel ist offiziell angekündigt. Schon heute ließ er sich im Rahmen eines zweitägigen Besuchs in Rheinland-Pfalz zur Augustinerkirche fahren, um Abschied von Lehmann nehmen zu können, in aller Ruhe. Zu der Feier werden rund 1500 Gäste im Dom erwartet, außerdem viele weitere Gläubige, die die Beisetzungsfeier auf Großleinwänden auf dem Liebfrauenplatz sehen werden.

          Im Vergleich dazu geht es in der für die Aufbahrung ausgewählten Augustinerkirche beinahe schon familiär, auf alle Fälle aber sehr gesittet zu, wie auch der Bischöfliche Zeremoniar Johannes Brantzen meint. Lehmanns Vorgänger, etwa die Bischöfe Albert Stohr und Hermann Kardinal Volk, seien ebenfalls nach ihrem Tode über mehrere Tage hinweg offen aufgebahrt worden. So sehe es das Ritenbuch der katholischen Kirche vor, die Aufbahrung sei aber nicht zwingend vorgeschrieben. Andernorts stehen die Menschen, so sie denn Abschied von einem hohen Würdenträger nehmen wollen, deshalb oft vor einem verschlossenen Sarg und blicken auf ein Foto des Verstorbenen.

          Aus Luxemburg angereist

          Welche der beiden Varianten „angemessen“ oder „besser“ ist, wird draußen, vor dem gläsernen Eingang, immer wieder von den Besuchern diskutiert. Wer das ganze Prozedere für unangebracht und unangemessen hält, lässt die Kirche dagegen links liegen.

          In Mainz sei man sich schnell einig gewesen, dass Karl Kardinal Lehmann aufgebahrt werden soll, so, wie es in der Diözese Tradition habe, erklärt Domdekan Prälat Heinz Heckwolf. Er berichtet, dass er tags zuvor einen Geistlichen getroffen habe, der eigens von Luxemburg nach Mainz gekommen sei, um Abschied zu nehmen von Karl Kardinal Lehmann.

          Man wäre ohnehin einmal wieder nach Mainz gefahren, erzählt hingegen ein Rentnerehepaar aus dem vergleichsweise nahen Donnersbergkreis. Nun haben beide die Gelegenheit genutzt, einem „sympathischen Seelsorger, wie es ihn so schnell kein zweites Mal mehr geben wird“, die letzte Ehre zu erweisen. Sie verehre Lehmann, der in Mainz über den Tod hinaus immer noch liebevoll „unser Karl“ genannt wird, meint eine weitere Besucherin. Der Grund sei, dass er sich vor Jahren in Rom vehement, wenngleich am Ende vergeblich, für den Erhalt der Schwangerenkonfliktberatung eingesetzt habe, sagt die Frau, die sich in die lange Schlange der Wartenden einreiht. Ganz vorne steht gerade eine junge Frau mit kleinem Kind auf dem Arm. Was ein wenig befremdlich wirkt. Irgendwie will die Begegnung mit dem Tod doch nicht so recht zum Alltag passen.

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