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Abitur 2009 : Sogar der Hund wünscht viel Erfolg

„Das ist etwas absolut Hessisches”... Bild: Frank Röth

Wie Sportler bei einem Marathon, bekommen junge Frauen und Männer vor der Reifeprüfung mit aufmunternden Sprüchen auf Bettlaken den Rücken gestärkt. Diese plakative Anfeuerung von Abiturienten etabliert sich im Rhein-Main-Gebiet. „Das ist etwas absolut Hessisches“, heißt es in Aschaffenburg.

          Geht es nach dem Ausmaß der familiären Unterstützung, dann hat Ingmar Schroeter die besten Chancen, das Abitur an der Oranienschule glänzend zu bestehen. Seine Geschwister, der Vater, die Mutter und ihr Lebensgefährte bilden gemeinsam einen Fanclub mit neun Leuten und haben ein großes Transparent beschriftet, das dem Abiturienten mit „18 gedrückten Daumen“ den Rücken stärken soll.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Die zwei jüngeren Brüder, die auf dieselbe Schule gehen, hatten den Auftrag, das Tuch strategisch geschickt zu plazieren: Ingmar muss zwangsläufig daran vorbeikommen, wenn er den Eingang wählt, durch den er das Schulgebäude normalerweise betritt.

          „Das haben wir schon 2007 beim Abitur unserer ältesten Tochter gemacht“, berichtet Volkmar Schroeter. Der einundfünfzigjährige Internist ist ehrenamtlicher Vorsitzender des Elternbeirates - und begeistert von dem Phänomen, das sich seit ein paar Jahren nicht nur an den Wiesbadener Gymnasien beobachten lässt.

          Transparente mit guten Wünschen für die Abiturprüfung...

          „Jetzt ist die Aufregung am größten“

          Der Anlass sind die schriftlichen Prüfungen, die in diesem Jahr seit dem vergangenen Freitag laufen und noch bis zum Ende der nächsten Woche dauern. „Jetzt ist die Aufregung am größten, weil es zum ersten Mal richtig ernst wird“, erläutert Schulleiter Kurt Bussweiler. Von seinen knapp 1000 Schülern treten gegenwärtig 85 zur Reifeprüfung an.

          Die ersten Bettlaken hingen allerdings schon eine Woche vor der ersten Klausur. Denn wer zuerst kommt, hat die besten Chancen, mit seinem Stück Stoff einen prominenten Platz in der Nähe des Hauptportals zu belegen. Beliebt sind aber auch die hochgewachsenen Bäume vor dem 140 Jahre alten Gebäude.

          Dass die Abiturienten von ihren Familien und Freunden so demonstrativ unterstützt werden, findet der Pädagoge prinzipiell in Ordnung. Es sei ein Zeichen der Solidarität und bilde familiäre Strukturen in der Schule ab. Allerdings beklagt der Oberstudiendirektor die Auswüchse. So sei beispielsweise versucht worden, auch an dem Kran, der wegen der Erweiterung der Schule auf dem Gelände steht, ein Transparent anzubringen. Außerdem versäumten viele Jugendliche es, die Tücher später auch selbst wieder abzunehmen. „Das bleibt dann am Hausmeister hängen.“ Die Schüler der Klasse 8c sind überzeugt, dass die Transparente zu besseren Klausurergebnissen führten. „Das dient natürlich der Motivation“, sagt beispielsweise Vanessa Orthmann. „Das wünschen wir uns später auch.“ Manuel Becker spricht von einer Tradition, zu der sich die Angehörigen der Kandidaten inzwischen schon beinahe verpflichtet fühlten.

          An der Gießener Herderschule ist der Brauch unbekannt

          Den Fall, dass einzelnen Schülern im Unterschied zu allen anderen kein Transparent gewidmet ist, schließt er aus, zumal viele der aufmunternden Sprüche sich offensichtlich an mehrere Abiturienten richten. Dabei verraten die Urheber auch einiges über sich selbst. Manche geben sich mit einem sehr schlichten „Du schaffst es!“ zufrieden.

          Anderen sind einfache Bettlaken als Untergrund längst nicht mehr gut genug. Sie präsentieren stattdessen Transparente, die professionell bedruckt sind. Sie bilden beispielsweise einen Hund mit Knochen ab, der „alle Pfoten drückt“. Was manche Eltern von Prüfungen halten, ergibt sich aus einem anderen Slogan: „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen.“

          Während die plakative Anfeuerung der Abiturienten in Städten wie Wiesbaden, Frankfurt und Darmstadt inzwischen beinahe zum guten Ton gehört, ist sie beispielsweise in Mainz unbekannt. Der Sprecher des rheinland-pfälzischen Kultusministeriums jedenfalls hat solche Transparente nach eigenem Bekunden noch nie gesehen. Auch an der Gießener Herderschule ist der Brauch unbekannt. Dasselbe scheint für den Freistaat Bayern zu gelten, der mit seinem nordwestlichen Zipfel am Untermain ein gutes Stück weit ins Rhein-Main-Gebiet hineinreicht.

          „Das ist etwas absolut Hessisches“

          So hält man es im Sekretariat des Aschaffenburger Kronberg-Gymnasiums beispielsweise für vordringlich, den Kandidaten die Ruhe zu garantieren, die sie benötigen, um ihre Klausuren konzentriert zu schreiben. Transparente in der Größe von Bettlaken sind hier noch nicht gesichtet worden und wohl noch weit davon entfernt, in Mode zu kommen. „Das ist etwas absolut Hessisches.“ Die Verantwortlichen in der Landeshauptstadt stehen dazu.

          Selbst Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) bekennt ausdrücklich, selbst schon Plakate geschrieben zu haben, als ihre Kinder das Abitur gemacht hätten. „Das ist eine wunderbare Art und Weise, die Prüflinge zu unterstützen und ihnen seine Anteilnahme zu zeigen“, sagt die liberale Ministerin. Obwohl sie aus Bayern stammt.

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