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Evangelische Kirche in Hessen : 75 Jahre streitbar, fromm und voller Konflikte

  • -Aktualisiert am

Radikaler Pazifist: Martin Niemöller war U-Boot-Kommandant im Ersten Weltkrieg, Monarchist während der Weimarer Republik, führender Mann der „Bekennenden Kirche“ und schließlich erster Kirchenpräsident der EKHN. Hier spricht er auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag 1956 in Frankfurt. Bild: epd

Nach dem „Kirchenkampf“ während der Nazi-Herrschaft war der Neuanfang für die Evangelische Kirche von Hessen und Nassau nicht einfach. Martin Niemöller wurde zur prägenden, umstrittenen Figur.

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          Zum Jubiläum könnten die Zukunftsaussichten kaum schlechter sein. Am Freitag feiert die Evangelische Kirche von Hessen und Nassau (EKHN) ihre Gründung vor 75 Jahren – in einer Zeit, in der immer mehr Mitglieder sich von ihr abwenden und aus der Kirche austreten.

          Der Rückgang scheint unaufhaltsam: Allein im Jahr 2021 verlor die EKHN drei Prozent der Gläubigen, derzeit verzeichnet sie noch etwa 1,4 Millionen Mitglieder. 1997, als das 50-Jahre-Jubiläum begangen wurde, waren es noch knapp zwei Millionen gewesen. Mit den Mitgliedern gehen auch die finanziellen Mittel zurück, die Einnahmen brechen ein. Bis 2030 dürfte das Budget der EKHN um 20 Prozent schrumpfen – und eisernes Sparen unumgänglich machen. Schätzungen zufolge muss bis dahin jede dritte Pfarrstelle gestrichen werden.

          Ein Blick zurück in die Geschichte könnte die Kirche in dieser problematischen Situation Mut schöpfen lassen. Denn als im Herbst 1947 in der Burgkirche in Friedberg 116 Delegierte aus Nassau, Hessen und Frankfurt einstimmig den Zusammenschluss der evangelischen Kirche im Gebiet der früheren Landeskirche Nassau-Hessen bestätigten, war die Lage noch weitaus schwieriger, man könnte sagen: katastrophal. Nach Nationalsozialismus und Krieg darbten die Kirchen wie das ganze Land sowohl materiell wie auch geistig.

          Kein Führerprinzip mehr

          Hinter der neuen EKHN lag die Nazi-Diktatur mit ihrem Kirchenkampf, in dem die „Deutschen Christen“ für eine Anpassung an das nationalsozialistische Regime eingetreten waren, während die Mitglieder der „Bekennenden Kirche“ für die Unabhängigkeit und gegen die Gleichschaltung der Kirche gestritten hatten. „Was nun?“, lautete die Frage im Herbst 1947. Zu großem Optimismus hatten die Delegierten in Friedberg keinen Anlass. Doch allen war klar, dass sie aus den Fehlern der Vergangenheit lernen mussten.

          Einer dieser Fehler war das von den Nationalsozialisten aufgezwungene, von manchen aber durchaus gewünschte Führerprinzip, das die Verfassung der Vorgängerkirche, der im November 1933 gegründeten Evangelischen Landeskirche Nassau-Hessen, geprägt hatte. Seit Mitte der Zwanzigerjahre war über einen Zusammenschluss der damals fünf Landeskirchen auf dem Gebiet des heutigen Hessens nachgedacht worden.

          1959: Martin Niemöller (M.) demonstriert bei einer Mahnwache gegen atomare Aufrüstung in Dortmund.
          1959: Martin Niemöller (M.) demonstriert bei einer Mahnwache gegen atomare Aufrüstung in Dortmund. : Bild: dpa

          Kurz nach Hitlers Machtübernahme taten sich dann tatsächlich die drei südlichen Kirchen (Hessen-Darmstadt, Nassau, Frankfurt) auf Druck des Regimes zusammen. Mit Ernst Ludwig Dietrich als Landesbischof gelangte allerdings ein Vertreter der „Deutschen Christen“ an die Spitze, unter dem folgerichtig 1934 ein „Arierparagraph“ eingeführt wurde: Menschen jüdischer Abstammung durften nicht mehr Pfarrer werden und kein Amt in der Kirchenverwaltung übernehmen. Am Ende regierte ein NS-Höfling namens Paul Kipper mit „alleiniger Vollmacht“ über die Landeskirche.

          Doch nicht alle Mitglieder wollten diese Gleichschaltung hinnehmen. Die Gegner einer völligen Anpassung an das NS-Regime sammelten sich in der „Bekennenden Kirche“, die aus dem „Pfarrernotbund“ des in Berlin-Dahlem wirkenden Martin Niemöller hervorgegangen war. Jene Gemeinden und Pfarrer, die diesen „Kirchenkampf“ gegen ihre nazifreundlichen Glaubensbrüder ausfochten, retteten gewissermaßen die Ehre der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

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