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600 Kilometer unterwegs : Mit sieben Kilogramm über die Alpen

  • -Aktualisiert am

Grenzgängerin: Meike Moshammer auf dem Mädelejoch Bild: Foto: Privat

Die Sulzbacherin Meike Moshammer war 600 Kilometer von Konstanz über Bozen nach Verona unterwegs und bewältigte 22000 Höhemeter. Und das alles ganz allein.

          „Nö – ich mache gar nichts an Sport.“ Meike Moshammer hatte zur Vorbereitung auf ihre kraftzehrende Bergtour keinen ausgeklügelten Fitnessplan. Nicht einmal Joggen oder einige Kilometer Radfahren in der Woche absolvierte die Sulzbacherin vor ihrem Abmarsch. Die Bankkauffrau mit derzeitigem Job in der Wohnungsbauwirtschaft war, wie der Spruch des berühmten Wanderkollegen Happe Kerkeling lautet, „einfach mal weg“.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          In vier Etappen innerhalb von drei Jahren führte der Wanderweg E 5 die Fünfundvierzigjährige immer im Sommerurlaub durch vier Länder über die Alpen. Insgesamt 600 Kilometer und 22000 Höhemeter bewältigte sie, sprach unterwegs wenig und schrieb viel. Aus den Tagebuchaufzeichnungen ist nun ein Buch geworden: „Als Frau alleine über die Alpen. Auf dem E5 von Konstanz über Bozen nach Verona“, lautet der Titel des im Verlag Haag & Herchen erschienen Buchs.

          „Ich hatte nie Angst“

          „Sie war schon immer so“, sagt Ehemann Andreas achselzuckend, der wegen seiner Gelenkbeschwerden keine so großen Touren mitmachen kann. Die gebürtige Flensburgerin lasse sich in ihrem Tatendrang nicht bremsen, habe einfach „diesen Hang zum Exzessiven“. Auch Fallschirmspringen habe seine Frau unbedingt ausprobieren müssen.

          Während den Ehemann, der zuhause Kater Max hütete, manchmal ein mulmiges Gefühl beschlich, sagt seine Frau: „Ich hatte nie Angst.“ Ans Limit sei sie freilich schon gegangen, die 3000 Meter hoch zum Rettenbachjoch, dem höchsten Punkt der Tour in den Ötztaler Alpen seien schon sehr anstrengend gewesen. Wer erwarte auch im Juli ab 1500 Metern Eis und Schnee? Da sei ihr schon der Gedanke gekommen, ganz allein zu sein. Die letzte kuschelige Hütte sei immerhin 2500 Meter entfernt gewesen.

          Was Moshammer antrieb, sich Wind und Wetter und der nackten Natur ohne menschliche Gesellschaft auszusetzen, kann sie selbst nur schwer in Worte fassen. Sie suche nicht nach einer spirituellen Erfahrung, genieße es aber, mit sich allein zu sein. Ihr Rucksack wiege nie mehr als sieben Kilogramm, da sei nur Platz für das Allernötigste, was eine tollen Erfahrung sei: „Spazieren Sie einmal mit Flip-Flops durch die Hotelhalle eines Vier-Sterne-Hotels.“

          Obwohl die Sulzbacherin für Notfälle Mobiltelefon und Navigationsgerät mit sich führte, blieben die Geräte meist unbenutzt im Rucksack: „Gebraucht habe ich sie nicht.“ Ebenso überflüssig war zum Glück der kleine medizinische Notfallbeutel. Auf der 600 Kilometer langen Strecke plagte die Wanderin nicht eine einzige Blase. Nur Magnesium gegen den Muskelkater schluckte sie regelmäßig.

          Nächstes Ziel: Dänemark

          Was sich in den Erzählungen der quirligen Norddeutschen so lässig anhört, war dennoch eine Gewalttour, ausgesetzt den fast täglichen Wetterkapriolen: Moshammer passierte das Gunzesrieder Tal bei Dauerregen mit Blitz und Donner; sie wurde von Bremsen im Passeiertal malträtiert und geriet kurz vor Deutschnofen in ein schweres Gewitter. Sie erlebte Momente der absoluten Stille an der einsamen, kleinen Malga Vallorsara und wagte sich mutterseelenallein über moosige, glitschige Steine durch die nach ihrem Empfinden nicht enden wollende Borago-Schlucht auf der allerletzten Etappe.

          Die kurzen Begegnungen mit anderen Alpinisten habe sie schätzen gelernt. Vor allem aber biete sich auf solchen Solowanderung eine Menge Zeit, über Dinge nachzudenken. Man lerne viel über sich selbst, kann „schauen, wo man steht“. Die vielen Tage des Mit-Sich-Allein-Seins empfand Moshammer jedoch nie als belastend. Unterwegs zu sein, sich auf sich selbst zu verlassen, erfordere gar nicht so viel Mut, nur eine gehörige Portion Neugier auf das Leben und die Menschen und Offenheit für neue Situationen.

          Beim letzten Gänsehautmoment in Verona, ganz stilecht in der Arena bei einer Aida-Aufführung, schwang neben der Freude auf Zuhause schon wieder ein Stück Wehmut mit: Ein bisschen mache so ein Erfahrung schon süchtig, sagt sie. Die nächsten Herausforderungen indes liegen für die Fünfundvierzigjährige nicht auf den Gipfeln, sondern im Flachland: 500 Kilometer kreuz und quer durch Dänemark. Und beruflich will sie etwas von der Freude des Wanderns an ganz und gar ungeübte Bewegungseinsteiger weitergeben. Nach einem aufwändigen Weiterbildungsprogramm bietet die nun zertifizierte Gesundheitswanderführerin auf ihrer Homepage www.wander-schön.de Kurse an. Schließlich sei sie selbst das beste Beispiel für ein Sportmuffel mit Spaß an der Bewegung.

          Lesung in Eschborn

          Am Mittwoch, 10. Mai, 19.30 Uhr liest Meike Moshammer im Buchladen 7. Himmel, Langer Weg 4/Montgeron Patz, in Eschborn aus ihrem Buch „Als Frau alleine über die Alpen“.

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