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250. Geburtstag Hölderlins : Körperformen im Untergrund

  • -Aktualisiert am

Blaue Stunde: Nadine Wagners Kostüme aus Plexiglas Bild: Maximilian von Lachner

Das Hölderlinjahr geht wegen der Pandemie in die Verlängerung. Zu Ehren des Dichters zeigen junge Künstler aus Offenbach nun in Bad Homburg ihre Installationen und Aufführungen.

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          Es ist ein typisches Dachzimmer, leer und nicht besonders aufregend. Blauer Teppichboden, Rauhfaser an den Wänden. Das Fenster in der holzverkleideten Dachschräge spendet Licht, aber öffnet keine Perspektiven. Isabell Ratzinger hat einen „Isolationsraum“ konstruiert, so wie das Tübinger Turmzimmer, in dem Friedrich Hölderlin mehr als 30 Jahre verbrachte. Auch der Keller ist ein solcher Ort. Der Blick durch das hoch angesetzte Fensterglas reicht nur zu einem Lichtschacht, an dessen oberem Rand die Grashalme von der Natur draußen künden. Der Clou von Kellerraum und Dachzimmer zeigt sich erst, wenn der Besucher sie in der Kapelle im Gustavsgarten von der Rückseite betrachtet. Denn sie sind hölzerne Einbauten, Kulissen und optische Täuschungen. Die Wiese oberhalb des Kellerfensters ist in Wirklichkeit ein Streifen Kunstgras am künstlichen Lichtschacht.

          Bernhard Biener
          (bie.), Rhein-Main-Zeitung

          Wie so viele Jubiläen hat auch die Feier zum 250. Geburtstag Hölderlins unter den Corona-Einschränkungen im vorigen Jahr gelitten. Also wurden einige Veranstaltungen auf 2021 verschoben. „Wir dachten, da sei Corona längst vorbei“, sagte Oberbürgermeister Alexander Hetjes (CDU) jetzt bei der Vorstellung des Projekts „O! Johann Christian Friedrich Hölderlin“ der Hochschule für Gestaltung Offenbach (HfG). Zwei Jahre haben die beteiligten Studenten an den Installationen und Aufführungen gearbeitet. Jetzt sind sie tatsächlich in Bad Homburg zu Gast, wo der Dichter vier Jahre verbrachte.

          Doch die Pandemie gibt es noch immer. Daher darf zum Beispiel die Kapelle im Gustavsgarten mit Ratzingers Arbeit derzeit nicht betreten werden, digital soll sie aber noch zu sehen sein. Was Michelle Harder am Gotischen Haus aus dem Boden gegraben hat, ist unter freiem Himmel zumindest am Wochenende von Freitag an zwischen 12 und 20 Uhr zugänglich. Des Dichters Wunsch, „eins mit der Natur zu sein“, hat sie durch Abformungen ihres Körpers aus Erde und Bad Homburger Heilton aufgegriffen. Die dreidimensionalen Körperteile erinnern an die Gipsausgüsse der in Pompeji eingeschlossenen Opfer des antiken Vulkanausbruchs oder eine archäologische Ausgrabungsstätte. Passenderweise trägt ihre Arbeit den Titel „Ausbruch“.

          Wie in Pompeji: „Der Ausbruch“ am Gotischen Haus
          Wie in Pompeji: „Der Ausbruch“ am Gotischen Haus : Bild: Maximilian von Lachner

          Zurück im Gustavsgarten an der Villa Wertheimber stellt sich die Installation von Valeria Castaño den Spaziergängern auf einem Trampelpfad wie ein grasbewachsenes Geländer in den Weg. Kerstin Cmelka, die die Ausstellung mit betreut hat, sprach von einer „Spurensuche im Park“, die den Besuchern abverlangt werde. Diese ist auch nötig, um den Performance-Elementen des Projekts zu begegnen. Denn feste Uhrzeiten, zu denen womöglich viele Menschen zusammenkommen, lassen die Hygieneregeln nicht zu. Also muss man es auf Zufallsbegegnungen ankommen lassen.

          Das gilt zum Beispiel für den „Spaziergang“, für den Nadine Wagner die Kostüme entworfen hat. Dass Hölderlin viel zu Fuß unterwegs war, ist bekannt. Teils im Ofen hat Wagner aus Plexiglas Konstruktionen geformt, die an Körperteile und Unterbauten von Kleidung des 18. und 19. Jahrhunderts wie Reifröcke und Korsetts erinnern. Sie stehen für die gesellschaftliche Norm, von der Hölderlin nicht erst im Wahn abwich.

          Tiefer Eindruck: Michelle Harders Arbeit steht mit beiden Füßen fest auf dem Boden.
          Tiefer Eindruck: Michelle Harders Arbeit steht mit beiden Füßen fest auf dem Boden. : Bild: Maximilian von Lachner

          Aufgebaut sind die Kostümteile in der Remise der Villa Wertheimber am Mariannenweg, doch handelt es sich nicht um eine feste Installation. Stattdessen werden sie bei einer Performance zwischen Gustavsgarten und dem benachbarten Kleinen Tannenwald getragen, unter anderem an diesem Wochenende. Mangels Uhrzeit kann der Hinweis nur als Erklärung bei der Zufallsbegegnung mit merkwürdig erscheinenden Gestalten denn als Besuchstipp gelten. Gleiches gilt für die Mitglieder der „Zweckgemeinschaft Hölderlin“, die in einer Art Mönchskutte mit Applikationen in Entsorgungsbetriebsorange am Freitag sowie am Pfingstmontag auf dem Hölderlinpfad nach Bad Homburg ziehen. Auch ihr Ziel ist die Remise im Gustavsgarten am Mariannenweg, wo eine „Tag-der-offenen-Tür-Performance“ auf dem Programm steht. Nur eben ohne Uhrzeit.

          Zumindest die Veranstaltungstage, vor allem aber Näheres über die einzelnen Beteiligten enthält ein von der Hochschule gestaltetes Faltposter. Es findet sich unter der Adresse www.bad-homburg.de/hoelderlin und dem Menüpunkt „Ausstellung O!“ auch auf der städtischen Internetseite. Die Performances sollen später auf digitalem Weg ihr Publikum finden. HfG-Präsident Bernd Kracke fand Trost in dem Umstand, dass wenigstens einige der Arbeiten im Park und diejenige am Gotischen Haus tatsächlich zu besichtigen sind. Anders als die Ausstellung zum Jubiläum 50 Jahre HfG, die derzeit im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt läuft. Die Situation hätte sicher auch Hölderlin bewegt, vermutete Kracke. „Vielleicht hätte er heute ausgerufen: ,O Corona!‘“

          Eingehaust: Isabell Ratzinger vor „Dachzimmer und Kellerzimmer“
          Eingehaust: Isabell Ratzinger vor „Dachzimmer und Kellerzimmer“ : Bild: Maximilian von Lachner

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