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230 Arbeitsplätze bleiben erhalten : Durchatmen am Chemiestandort

Enka in Obernburg bleibt erhalten Bild: F.A.Z. - Rainer Wohlfahrt

Der Viskosehersteller Enka führt sein Werk in Obernburg fort, schließt aber die Produktionsstätte Elsterberg in Sachsen. Noch ist unklar, wie es beim Geschäftspartner Diolen weitergehen wird.

          Die Entscheidung stand bis zuletzt auf des Messers Schneide. Als sie am Donnerstag um 10 Uhr verkündet wurde, löste sie weit über den Bayerischen Untermain hinaus Erleichterung aus: Der Viskosehersteller Enka schließt nicht sein Werk im Industriecenter Obernburg (ICO) im Kreis Miltenberg, sondern die Produktionsstätte Elsterberg in Sachsen.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Damit bleiben nicht nur 230 Arbeitsplätze des Unternehmens erhalten. Alle 3000 im ICO beschäftigten Arbeitnehmer können durchatmen. Denn die Abhängigkeiten zwischen den 30 auf engstem Raum angesiedelten Unternehmen sind so ausgeprägt, dass eine Werksschließung einen verheerenden Dominoeffekt ausgelöst hätte, wie Wolfgang Menrath, der Geschäftsführer der Enka, es formulierte.

          Krise in der Faserindustrie

          Allerdings verlieren 380 Arbeitnehmer in Sachsen ihre Stelle. „Dies ist kein Tag des Triumphes für Enka“, betonte Menrath denn auch. „Es ist aber ein beruhigender Tag für die Mitarbeiter des Standortes Obernburg.“ Die Enka-Gruppe sieht sich als weltweit führender Hersteller von hochwertiger Viskose für Futter- und Oberbekleidungsstoffe und erwirtschaftet nach Menraths Angaben einen Umsatz von 145 Millionen Euro.

          Zwei Werke befinden sich in Polen und China. Die Produktion für Westeuropa soll künftig ausschließlich in Obernburg stattfinden. Dafür werden etwa 30 Mitarbeiter, die vor einigen Monaten entlassen wurden, wieder eingestellt.

          Wie die gesamte Faserindustrie befinde sich auch Enka seit zirka zehn Jahren in einer Krise, sagte Menrath. Die Importe von Textilien nach Europa nähmen weiter zu. Nun komme auch noch der Einbruch der Weltwirtschaft hinzu. Zuletzt seien die Aufträge um mehr als 20 Prozent zurückgegangen.

          Rüth bittet Bundesfinanzminister Steinbrück um Hilfe

          Ausschlaggebend für den Beschluss zugunsten von Obernburg war nach Menraths Angaben allein ein Vergleich der „Cash-Situation“ in Obernburg und Elsterberg. Der Bezirksleiter der Industriegewerkschaft BCE, Holger Kempf, deutete an, dass die Betreibergesellschaft des ICO der Enka Entgegenkommen zugesagt habe. Auch im Einkauf will Menrath künftig Geld sparen. Euphorie ließ er nicht aufkommen. „Es ist nicht mit absoluter Sicherheit garantiert, dass Enka die Krise überstehen wird.“ Trotzdem sprach er von einem Signal für den „sehr potenten Standort Obernburg“. Das ist auch nötig. Denn das ebenfalls im ICO angesiedelte Unternehmen Diolen ist als Geschäftspartner auf Enka angewiesen.

          Der Hersteller von Industriegarnen musste im Oktober Insolvenz anmelden, weil der niederländische Mutterkonzern total überschuldet war (Kunden helfen Diolen aus der Krise .) Jetzt hat die ebenfalls in Obernburg ansässige Firma Polyamide ein Kaufangebot vorgelegt. Die Finanzierung soll ein Bankenkonsortium übernehmen.

          Wie zu hören ist, verweigert aber die West LB bislang noch die dringend benötigte Kreditzusage. Alle Fraktionen im Bayerischen Landtag haben die Regierung aufgefordert, sich für den Standort einzusetzen. Der Miltenberger Abgeordnete Berthold Rüth (CSU) bat Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) schriftlich um Hilfe: „Es kann nicht angehen, dass über Banken Rettungsschirme gespannt werden und diese dann den Mittelstand nicht entsprechend bedienen.“

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