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20 Jahre nach Herrhausen-Attentat : Eine Explosion, die das Idyll zerstörte

Gedenken: Zwei von drei Stelen, die in Bad Homburg an das attentat auf Alfred Herrhausen erinnern Bild: Dieter Rüchel

Vielleicht ist es der Kontrast des schönen Wetters zur Explosionswolke, der sich den Zeitzeugen eingeprägt hat. Ebenso wie der Gegensatz zwischen der idyllischen Kurstadt und dem Terror, der um 8.34 Uhr mit einem lauten Knall die Menschen im Taunus heimsucht.

          An den Sonnenschein erinnern sich fast alle, die an dem kühlen Herbstmorgen in Bad Homburg waren. Vielleicht ist es der Kontrast des schönen Wetters zur Explosionswolke, der sich den Zeitzeugen eingeprägt hat. Ebenso wie der Gegensatz zwischen der idyllischen Kurstadt und dem Terror, der um 8.34 Uhr mit einem lauten Knall die Menschen im Taunus heimsucht. Auch das ein immer wiederkehrendes Detail im kollektiven Gedächtnis: die Detonation, die in der ganzen Stadt zu hören ist.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Ihre Ursache bleibt anfangs unklar. Ein technischer Defekt in der Taunus-Therme oder im gegenüberliegenden städtischen Schwimmbad gehört zu den ersten Vermutungen. Zwischen beiden führt der Seedammweg entlang, auf dem ein zerfetzter Mercedes steht. In dem gepanzerten Dienstwagen stirbt am Morgen des 30. November 1989 der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, 59 Jahre alt. Sein Fahrer wird schwer verletzt.

          Kranzniederlegung in aller Stille

          Drei Basaltstelen erinnern seit 1996 an den Ort des Attentats. Zwei stehen auf der zum Kurpark gelegenen Seite. „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ steht auf der einen. Ein Satz von Ingeborg Bachmann, den Herrhausen häufig zitierte und den viele ihm schon selbst zuschrieben. Die zweite Säule trägt ein Zitat des Philosophen Karl Popper, in dem dieser vor dem Versuch warnt, den Himmel auf Erden zu verwirklichen - denn dieser verwandelt sie nur allzu leicht in eine Hölle. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sind Datum und Uhrzeit in eine dritte Säule mit abgebrochener Spitze eingemeißelt. Das Denkmal stammt von dem Bildhauer Friedrich Meyer, der auch die Grabplatte für Herrhausen auf dem Bad Homburger Waldfriedhof geschaffen hat.

          Die durch die Explosion zerstörte Limousine von Alfred Herrhausen

          Heute werden Oberbürgermeister Michael Korwisi, hauptamtlicher Stadtrat Peter Vollrath-Kühne und Stadtverordnetenvorsteher Franz Josef Ament in aller Stille einen Kranz am Seedammweg niederlegen. Der Verzicht auf eine größere Gedenkfeier in Absprache mit der Familie heißt nicht, dass die Ereignisse vergessen wären. Der Mord in ihrer Stadt bewegte die Bad Homburger. Als Kantor Hayko Siemens eine Woche nach der Tat das Deutsche Requiem von Johannes Brahms zum Gedenken an Alfred Herrhausen noch einmal aufführte, versammelten sich mehr als 1000 Menschen in und vor der Erlöserkirche. „Der wahnwitzige Terroranschlag zerstörte den Frieden dieser Stadt, vernichtete das Gefühl der Geborgenheit“, sagte bei der Gedenkfeier Wolfgang Assmann, zu jener Zeit Oberbürgermeister.

          „Ein nachdenklicher Mann mit großem Verantwortungsbewusstsein“

          Assmann hatte eine besondere Beziehung zu Herrhausen, den er als Mitarbeiter des Bundesfinanzministeriums in der Bankenstrukturkommission kennengelernt hatte. Der intelligente, hochgebildete Mann beeindruckte ihn. Dass gerade derjenige als Symbolfigur des Kapitalismus ermordet wurde, der die Rolle der Banken offensiv annahm und die Frage nach der Ethik stellte, schmerzt Assmann besonders. „Wenn man ihn näher kannte, erlebte man einen nachdenklichen Mann mit großem Verantwortungsbewusstsein, der sich mit Fragen der Philosophie beschäftigte.“

          In das erste Entsetzen über das Attentat mischte sich bei Assmann damals nach eigenen Worten die absurde Frage, womöglich selbst dazu beigetragen zu haben. Schließlich hatte er dem Deutsche-Bank-Chef die Kurstadt als Domizil empfohlen. 1984 zog Herrhausen mit seiner Familie in das von Villen geprägte Wohngebiet oberhalb des Kurparks. Seine Tochter saß am Morgen des 30. November im Kaiserin-Friedrich-Gymnasium, kaum hundert Meter vom Ort des Anschlags entfernt.

          Obwohl mit mehr als 50.000 Einwohnern die größte Stadt im Vordertaunus, ist Bad Homburg im Kern übersichtlich geblieben. Als Wohnort ist es noch immer bei denjenigen beliebt, die im 20 Kilometer entfernten Frankfurt die Geschäfte führen. Der Kurpark macht es auch für Erholungsuchende zum Ziel. Dass inmitten der Idylle über Wochen ein Anschlag vorbereitet worden war, machte die Menschen fassungslos. Am Jahrestag denken viele daran, wie diese Idylle zerbrach.

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