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: 150 Mitarbeiter vor der Kündigung: Heidelberger Cement AG beendet Klinkerproduktion in Mainz

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Am Ende bleibt dem Betriebsratsvorsitzenden Wilhelm Fürst nur die Erkenntnis, "daß wir in den vergangenen Jahren zu brav gewesen sind und zu wenig gefordert haben". Nun ist es zu spät: Die Zementklinker-Produktion ...

          Am Ende bleibt dem Betriebsratsvorsitzenden Wilhelm Fürst nur die Erkenntnis, "daß wir in den vergangenen Jahren zu brav gewesen sind und zu wenig gefordert haben". Nun ist es zu spät: Die Zementklinker-Produktion im technisch veralteten Weisenauer Werk der Heidelberg Cement AG soll zum 1.Januar 2004 definitiv eingestellt werden. Der weitere Betrieb der Drehrohröfen dürfte Investitionen in zweistelliger Millionenhöhe notwendig machen. Dies jedoch rechnet sich nach Ansicht des Unternehmensvorstandes angesichts einer anhaltend schwachen Baukonjunktur und vorhandener Rohstoff-Überkapazitäten nicht.

          Auch von der seit 1995 geplanten und gegen den Widerstand der Anwohner mühevoll vorangetriebenen Steinbrucherweiterung - die mittlerweile zwar genehmigt, aber noch immer nicht rechtskräftig ist - will der größte Baustoffhersteller der Welt Abstand nehmen. Was bleibt, ist das am Mainzer Rheinufer gelegene Mahlwerk nebst Lager für die Abfüllung und den regionalen Vertrieb unterschiedlicher Zementprodukte. Weil in diesem Teil des 1864 gegründeten Portland-Werkes fortan lediglich 40 Mitarbeiter gebraucht werden, müssen zwischen 130 und 150 Beschäftigte in den nächsten Wochen mit der Kündigung rechnen.

          Gemeinsam mit dem Betriebsrat will das derzeit noch etwa 250 Mitarbeiter zählende Unternehmen nach Angaben des stellvertretenden Mainzer Werksleiters Ulrich Schneider nun einen Sozialplan erstellen. Die 23 Auszubildenden sollen ihre Lehre beenden können. Wenngleich im Weisenauer Werk alle von der Härte der am Dienstag bekanntgegebenen Entscheidung überrascht waren, ist Schneider ein letzter Funke Hoffnung geblieben. Das in Zukunft mit Klinkermaterial aus anderen Steinbrüchen belieferte Mahlwerk könne im Idealfall eines Tages vielleicht wieder "aufblühen". Allerdings sei es in der Wirtschaft üblich, Standorte stets neu zu hinterfragen, so daß es letztlich selbst für das Mahlwerk keine Bestandsgarantie gebe.

          Die Stadt Mainz sowie die Ratsfraktionen von CDU, SPD und FDP zeigten sich "mehr als enttäuscht" von der Umstrukturierung, die die Stadtspitze als "klares Versagen der Unternehmensleitung" bewertet. Unter "erheblichem Zeit- und Personalaufwand und gegen den verständlichen Protest der Anwohner" habe man bei dem Genehmigungsverfahren zur Steinbrucherweiterung alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die industriellen Arbeitsplätze zu erhalten. Ein enormer Verwaltungsaufwand, wie ihn die Stadt zuletzt schon einmal im Zusammenhang mit dem vom Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) geplanten, dann jedoch überraschend aufgegebenen Projekt "Medienpark" betrieben hatte. "Einmal mehr zeigt sich hier, wie gering der Einfluß der Stadt auf die Unternehmenspolitik großer Konzerne ist", klagte Beutel. Angesichts solcher Erfahrungen müsse man sich fragen, "ob bei zukünftigen Projekten noch in gleicher Weise verfahren werden kann".

          Ohne von Schuldigen zu sprechen, verwies der Betriebsratsvorsitzende auf die "Mitverantwortung" einzelner Politiker und der Bürgerinitiative, die sich kompromißlos gegen die seit 1995 gewünschte Erweiterung des Steinbruchs gestellt hätten. Vor zwei oder drei Jahren wäre eine Modernisierung der Produktionsanlage finanziell noch eher möglich gewesen - und dann würde es im Weisenauer Werk seiner Meinung nach heute auch keine Entlassungen geben. Unklar ist, was mit dem für die beabsichtigte Ausdehnung bereits erworbenen Gelände von 70 Hektar geschehen soll. Auch über die notwendigen Schritte zur Rekultivierung des alten Steinbruchs sowie die weitere Nutzung müssen das Unternehmen und die Stadt jetzt erst noch verhandeln, so der stellvertretende Werksleiter.

          Trotz ihrer Freude über den Erhalt des Naherholungsgebietes bezeichneten die Mainzer Grünen den angekündigten Abbau der Arbeitsplätze als "schmerzlichen Verlust". Mit ihrer Kritik am Management, das die Stadt mit falschen Basiszahlen und Versprechungen "jahrelang an der Nase herumgeführt" habe, stehen sie nicht allein. Das Unternehmen habe "bis zum bitteren Ende geschwiegen und dementiert statt kooperiert", so der Vorwurf der FDP. Nach Ansicht der CDU hat die Geschäftsleitung, nicht nur das Vertrauen der Stadt, sondern auch das der Portland-Arbeiter enttäuscht. Die SPD macht neben der schlechten Konjunktur eine vom Management zu verantwortende "völlige Fehleinschätzung der Marktlage" sowie "fehlgeschlagene Expansionsstrategien" dafür verantwortlich, daß nun "die Kleinen die Rechnung zu zahlen haben". (MarKUS SCHUG)

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