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Reden über das Lebensende : Verständnisvoll und brutal

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„Breaking bad news“: Palliativmedizinerin Christiane Gog überbringt schlechte Nachrichten. Um das zu können, braucht sie das Vertrauen der Patienten. Bild: Wolfgang Eilmes

Wer Patienten schlechte Nachrichten überbringt, darf keinen Raum für falsche Hoffnungen lassen. Die Ärztin Christiane Gog ist Expertin für Empathie am Ende des Lebens.

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          Wenn Christiane Gog den Tod ankündigt, wählt sie Worte wie „unheilbar“, „nur noch wenige Tage“ und „tot“. Worte, die den Patienten nehmen, was sie am wenigsten aufgeben wollen: die Hoffnung auf ein längeres Leben - ein Jahr oder wenige Wochen. Gog ist Ärztin an der Frankfurter Uniklinik, sie muss Patienten und Angehörige aufklären. Wenn es um das Ende des Lebens geht, gilt es nicht nur den Verstand zu erreichen, sondern auch die Seele. Doch die Seele, sagt Gog, „sucht sich jedes mögliche Hintertürchen, um sich vor unerträglichen Nachrichten zu schützen“.

          Gog muss deshalb so unmissverständlich wie nötig klingen, aber so wenig brutal wie möglich. Denn sie darf Patienten und Angehörige nicht vor den Kopf stoßen. Das ist ihr erstes Dilemma. Es gibt noch ein zweites. Angehörige und Patienten, selbst Sterbenskranke, kennen Ärzte als Heiler oder zumindest als Lebensverlängerer. Wer diese Erwartungen enttäuscht, riskiert, das Vertrauen seiner Patienten zu verlieren. Und nichts wäre fataler in einer Phase, in der die Abhängigkeit von Ärzten und Pflegern so groß ist wie nie zuvor.

          Die Kunst, brutale Worte erträglich zu machen

          Seit Jahren begleitet die 53 Jahre alte Gog an der Uniklinik Menschen im letzten Lebensabschnitt. Angefangen hat sie nach dem Examen 1995 als Krebschirurgin, seit 2012 leitet sie die Palliativmedizin. Der Name stammt aus dem Lateinischen und bedeutet: mit einem Mantel bedecken. Palliativmediziner wollen ihren Patienten Schmerzen nehmen, damit sie die verbleibende Lebenszeit so selbstbestimmt wie möglich nutzen können. Rund 40 Prozent ihrer Patienten kann Gog nach Hause entlassen, weitere 40 Prozent gehen in ein Hospiz, 15 Prozent sterben in ihrer Obhut. Ein Pflegeheim wählen die wenigsten.

          Palliativmediziner sind Fachleute für unheilbar Kranke. Gog selbst nennt sich Expertin für vieles. Da ist etwas dran. Sie sucht und dosiert Schmerzmittel, hört zu, wenn Patienten Ängste offenbaren, und hilft, wenn Familienkonflikte den Abschied vom Leben belasten. Mit den meisten ihrer Patienten spricht Christiane Gog über das Sterben. Doch dafür muss sie Distanz überwinden, Vertrauen gewinnen, überzeugen - und zwar mit anderen Versprechen als solchen auf Heilung und ein längeres Leben. Und sie muss brutale Worte erträglich machen, ohne dabei den geringsten Zweifel an der Wahrheit zuzulassen.

          Reden über das Ende des Lebens

          „Ich sage den Patienten, dass es mir leidtut“, sagt Gog. Wie Notfallseelsorger und Polizisten erlebt auch sie, dass Menschen Verzweiflung und Wut gegen die Überbringer schlechter Nachrichten richten. Hört sie Vorwürfe und Beschimpfungen, erkennt sie dahinter die Trauer und spricht das aus. Manche bringt sie damit zum Weinen. „Das klingt jetzt pervers, aber Weinen entlastet“, sagt Gog. Doch die meisten Patienten reagieren gefasster.

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