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Rechenzentrum Innovit : Manufaktur der besonderen Art

Doppelspitze: Jörg und Anke Tennigkeit führen Innovit in Seeheim. Bild: Michael Kretzer

Das Unternehmen Innovit aus Seeheim baut Mini-Data-Center für Pharmafirmen, Kraftwerke und Autozulieferer. „Ganzheitliche Rechenzentrumslösung“ nennt der Gründer sein Konzept. Dafür gab es sogar einen Preis.

          Wer diesen kleinen Global Player besuchen will, muss gleich doppelt aufpassen. Erstens weist nur ein Schildchen am Rande einer Gasse den Weg zu seinem Büro. Zweitens könnte sich der Gast fast in einem Tagtraum verlieren – so malerisch schlängelt sich die Zufahrt unter einem Blätterdach zur Firmenzentrale hinauf, begleitet von Vogelgezwitscher. Oben wähnt sich der Besucher eher vor einem Tagungshotel als bei einem Vertreter der Wachstumsbranche in Rhein-Main schlechthin.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Hat der kleine Global Player namens Innovit, der allein für einen Kunden an mehr als 100 Projekten arbeitet, sich doch Schloss Heiligenberg in Seeheim-Jugenheim als Sitz ausgesucht und nicht Frankfurt. Dabei wäre der inhabergeführte Betrieb am Main genau richtig. Schließlich befindet sich in Frankfurt ein Viertel der Rechenzentren in Deutschland. Innovit wiederum nennt sich Rechenzentrumsmanufaktur. Das klingt kurios.

          Deutscher Rechenzentrumspreis

          Rechenzentrumsmanufaktur – was soll das denn sein? Gemeinhin lässt ein Betreiber solcher Immobilien einen Neubau hochziehen, die Elektrik und Klimaanlage einbauen, die Sicherheitstechnik nicht zu vergessen. Für jeden Teilauftrag nimmt ein Data-Center-Betreiber eine andere Firma aus Industrie und Handwerk. Dabei gleicht ein Rechenzentrum dem anderen. Genau das sei bei Innovit aber nicht der Fall, sagt Jörg Tennigkeit, der Gründer und Vorstandsvorsitzende dieser Aktiengesellschaft. Zudem sind seine Data Center ein paar Nummern kleiner: Er baut Rechenzentren für bis zu 100 Gestelle (Racks), in die Hochleistungscomputer geschoben werden – dagegen ist in größeren Rechenzentren für mehr als 1000 solcher Geräte Platz.

          Dafür nimmt Tennigkeit für sich in Anspruch, dass seine Lösungen weniger Strom für die Kühlung der Rechner brauchen als große Einheiten. Statt 25 bis 40 Prozent seien es nur elf bis 17 Prozent. Das ist ein starkes Argument. Schließlich macht Strom im internationalen Standortvergleich den wichtigsten Kostenblock aus. Zudem plane Innovit rascher.

          Anders als Anbieter von Colocation, die Stellplätze für Rechner anderer Unternehmen vermieten, schneidet seine Firma ein Data Center auf Wünsche ihrer Kunden zu, wie Tennigkeit sagt. Dass das nicht ganz zur Definition von Manufaktur als Ort früher Massenproduktion passt – geschenkt. Für sein Konzept hat Tennigkeit den Deutschen Rechenzentrumspreis bekommen. Landläufig gilt eine Manufaktur ohnehin als kleine Version einer Fabrik, die Besonderes herstellt und auf handwerkliches Geschick setzt. Die handwerkliche Komponente kommt bei Innovit in Bad Marienberg ins Spiel. In der Westerwald-Stadt nahe Herborn sitzt der Produktionsbetrieb. 26 Mitarbeiter zählt dieser Standort, während in der Zentrale 24 Beschäftigte tätig sind.

          „Rechner nur noch hineinstellen“

          Bad Marienberg hat Tennigkeit aus mehreren Gründen gewählt. Er hat früher in der Nähe gearbeitet und weiß um das dortige Angebot an handwerklich guten Leuten. Zweitens lebt es sich im Westerwald günstiger als in Rhein-Main. Zudem findet Tennigkeit dort eher Fachkräfte, mit Ausnahme von Kühltechnikern. An diesen Handwerkern mangelt es allgemein, wie auch andere Branchenvertreter klagen. Deshalb lässt der Chef eben Elektriker zu Kühltechnikern fortbilden.

          Diese Mannschaft baut nach seinen Worten ein Rechenzentrum komplett selbst, jedenfalls bis auf eine Ausnahme: Innovit kaufe die Hülle zu. Darin bringe die Firma ein Data Center in Modul-Bauweise unter einschließlich Racks für die Rechner, Löschanlage, unterbrechungsfreie Stromzufuhr, Verkabelung, Klimaanlage und Überwachungssystem. „Unsere Kunden müssen, so sie bei uns keine Rechner bestellen, nur noch ihre Rechner hineinstellen“, sagt Tennigkeit, ein bäriger Mittdreißiger, der in Wiesbaden Betriebs- und Medienwirtschaft studiert hat. Den Rechenzentrumsbau lernte er bei einer Firma im Westerwald kennen.

          Kein Mangel an Arbeit befürchtet

          Vor sieben Jahren machte er sich zunächst mit einer Beratungsfirma selbständig. Mittlerweile führt er nach eigenen Worten den einzigen Betrieb, der ganzheitliche Rechenzentrumslösungen mit eigenen Leuten anbietet. Den Anstoß dazu hätten Kunden gegeben. Zu denen zählen die Stada Arzneimittel AG aus Bad Vilbel, die sich an Mittelständler wendet, aber auch die eine oder andere namhafte Adresse aus der Automobilwirtschaft, ein Schreibgerätehersteller, ein Atomkraftwerksbetreiber oder auch eine Molkerei. Mit ihren Namen darf Tennigkeit nicht hausieren gehen. Für einen Autozulieferer soll Innovit an 102 Standorten jeweils ein Data Center bauen.

          Die Firma schreibt seit dem ersten Tag schwarze Zahlen und finanziert sich selbst, wie Tennigkeits Frau Anke sagt, die auch im Vorstand sitzt. Der Überschuss lag 2015 über einer halben Million Euro. Neuere Zahlen liegen öffentlich noch nicht vor. Mangel an Arbeit befürchten die Tennigkeits nicht: „Das autonome Fahren erfordert große Datenmengen und ist für uns das nächste Konjunkturprogramm.“

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