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Rebstock und Traubenwickler : Mit dem größten Feind in der Zeitmaschine

Soll auch frei von Schädlingen gehalten werden: „Böddinger Berg“, der nördlichste Weinberg in Hessen Bild: dpa

Wem nützt der Klimawandel mehr: Rebstock oder Schädling? In Geisenheim steht der Forschung ein besonderes Instrument zur Verfügung, um die Frage zu beantworten.

          Der Rebstock und sein gefährlichster Schädling, der Traubenwickler, stecken gemeinsam in einer Zeitmaschine. Wie wird es ihnen im Jahr 2050 ergehen? Warum wehrt sich die Pflanze in dieser fernen Zukunft mit auf molekularer Ebene messbar größerer Vehemenz gegen den Schädling? Ist sie damit erfolgreich? Ist der Schädling aggressiver oder die Pflanze wehrhafter? Und: Wie passt sich der Traubenwickler der neuen Verteidigungsstrategie des Rebstocks an? Das sind einige der Fragen, die derzeit die Wissenschaftler an der Hochschule Geisenheim beantworten wollen.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Das Mittel dazu ist eine Konstruktion aus Metallgestellen, die über Ventile Kohlendioxid verströmen. Dadurch werden die Rebstöcke einer um 20 Prozent angereicherten Kohlendioxidbelastung ausgesetzt. Eine Konzentration, die Fachleute für die Mitte des 21. Jahrhunderts erwarten. „Face“ heißt das Freiland-Experiment auf Grünflächen neben der Hochschule. Das ist die Abkürzung für „Free Air Carbon Dioxide Enrichment“. Es geht also um die Anreicherung der Luft mit Kohlendioxid als Folge des Klimawandels.

          Fokus auf Weinbau und Feldgemüseanbau

          Möglich wurde dieses Projekt der Klimafolgenforschung 2013 dank einer zunächst auf vier Jahre angelegten Anschubfinanzierung durch die hessische Forschungs- und Exzellenz-Initiative (Loewe) in Geisenheim. In Gießen wird daran schon seit 20 Jahren geforscht. Rund 5,3 Millionen Euro wurden investiert, um im Rheingau eine vergleichbare Forschungsarchitektur zu errichten. Während in Gießen vor allem die Folgen des Klimawandels auf das Grünland untersucht werden, konzentrieren sich die Geisenheimer auf den Weinbau und den Feldgemüseanbau.

          Eine Anschubfinanzierung ist das eine, eine Verstetigung der Forschung das andere. Rund 180.000 Euro kostet der Betrieb der Geisenheimer Anlage im Jahr. Hochschulpräsident Hans Rainer Schultz ist deshalb froh, dass das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie als verlässlicher Finanzier für die Dauer von zunächst zehn Jahren eingestiegen ist. Das Landesamt wird nach Angaben seines Präsidenten Thomas Schmid jährlich 90.000 Euro zuschießen und damit für die Hälfte des Budgets aufkommen.

          Nicht nur längere trockene und warme Phasen

          Die institutionelle Förderung von Forschungs-Infrastruktur habe für die Hochschule besondere Bedeutung, sagt Schultz, weil die Klimaforschung möglichst lange Zeitreihen für aussagekräftige Analysen benötige. Der Klimawandel bedeute nicht nur längere trockene und warme Phasen, sondern beeinflusse das Ökosystem insgesamt, sagt Schultz. Das Landesamt erhofft sich daraus Erkenntnisse, welche Anpassungsstrategien möglich und nötig sind.

          Laut Schultz führt der Anstieg der Konzentration von Kohlendioxid beispielsweise dazu, dass sich die Inhaltsstoffe von Gemüsearten ändern können. Das werfe Fragen auf, etwa wenn das Gemüse für Kindernahrung verwendet werden soll. Auch die Mikrobiologie im Boden ändert sich. Für Schmid sind die Änderungen des Klimas deshalb so bedenklich, weil sie „epochal schnell“ geschähen.

          Wertvolle Erkenntnisse zu erwarten

          Nachdem in Geisenheim zunächst die Kohlendioxid-Forschung an den Rebstöcken begonnen hatte, sind nun auch die Anlagen für das Freilandgemüse betriebsbereit. Es gibt schon Interesse von Wissenschaftlern anderer Universitäten, die Infrastruktur in Geisenheim für Forschungsprojekte zu nutzen. Auch Wissenschaftler der französischen und australischen Partnerhochschulen sind darunter, denn in der Geisenheimer „Zeitmaschine“ wurde nicht nur Riesling gepflanzt, sondern auch der international viel bedeutendere Cabernet Sauvignon.

          Dass im Rheingau wertvolle Erkenntnisse zu erwarten sind, zeigen die bisherigen Resultate in Gießen. Dort wurde beispielsweise belegt, dass im Grünland die erhöhte Kohlendioxid-Konzentration den Ertrag an Biomasse um 15 Prozent steigert. Ein Rätsel ist, warum sich dabei auch die Bodentemperatur verändert. Zugleich sinkt die Stickstoffkonzentration in der Pflanze und damit die Qualität des Grases als Futtermittel. Die Folge: Eine Kuh müsste 2050 für den gleichen Nährwert mehr als bisher fressen – und sie würde mehr Methan an die Umwelt abgeben. Damit scheint belegt, dass Grünland keinen großen Beitrag zur Abschwächung des Klimawandels wird leisten können.

          Im Rheingau wurde schon nach kurzer Forschungszeit herausgefunden, dass die beiden untersuchten Rebsorten beim Triebwachstum und Traubenertrag je Rebstock spürbar zugelegt haben. Zudem nahm der Anteil größerer und schwerer Beeren zu. Nur beim Geschmack wurden keine eindeutigen Unterschiede definiert. Für die Weinfreunde ist das eine eher positive Nachricht. Um Einflüsse auf die Weinqualität besser abschätzen zu können, müssen die Experimente aber weiterlaufen. Das scheint nun zumindest bis 2029 gesichert.

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