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Raubtierdressur : In der Manege immer in Gefahr

Auge in Auge: Tom Dieck im Zirkus Knie, während dessen Halts in Frankfurt. Bild: Grapatin, Niklas

Löwe, Tiger, Liger. Der Tierlehrer Tom Dieck blickt den Raubkatzen jeden Abend ins Auge. Er ist für sie der Rudelführer. Doch wehe, er stolpert einmal und fällt hin.

          Strohdumm ist der König der Tiere keinesfalls. Aber den Hellsten unter den Raubtieren kann man den Löwen auch nicht gerade nennen. Tiger, so weiß Tierlehrer Tom Dieck, sind intelligenter. Er vergleicht die Löwen mit Hunden: Sie ordnen sich gelassen dem Leittier unter. Die Tiger dagegen haben einen Katzencharakter, sie sind nervöser und unberechenbarer als ihre Cousins aus Afrika.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für einen Tierlehrer wie Dieck, der in dieser Saison beim Zirkus Charles Knie im Programm ist und bis zum 29. Juni im Zelt auf dem Festplatz am Frankfurter Ratsweg seine gemischte Raubtiergruppe vorführt, ist aber der Liger das ideale Tier für die Dressur. Liger? Das sind Hybridkatzen, die aus der Kreuzung eines männlichen Löwen und eines weiblichen Tigers hervorgegangen sind. Ein Liger besitze die Gelassenheit eines Löwen und die nervöse Aufmerksamkeit eines Tigers, beschreibt Dieck ihren Charakter und spricht von einer „Supermischung“.

          Diecks Löwen keine „Wildtiere“ mehr

          Seine Liger sind keine geplanten Züchtungen, sondern Zufallsprodukte. Acht Jahre seien ihre Eltern in einer gemischten Raubtiergruppe zusammen gewesen, ohne dass etwas passiert sei, erzählt er. Dann auf einmal sei eine Tigerin von einem Löwen schwanger gewesen. Liger sind nicht mit den Safariparks und Zoos in die Welt gekommen, es gibt sie Dieck zufolge in Indien auch in einer wilden Form. In Gefangenschaft können sie bis zu 25 Jahre leben. Wie überhaupt Raubtiere in Zoos oder in Zirkussen in der Regel älter werden als ihre freilebenden Brüder und Schwestern.

          Als „Wildtiere“ möchte Dieck seine zwei Löwen, die fünf Tiger und zwei Liger, die er in den Rundkäfig um die Manege schickt, nicht bezeichnen. Ihre Vorfahren lebten schließlich schon seit zwanzig Generationen in der Obhut von Menschen. Ob sie nach einer Auswilderung überleben könnten, muss man deshalb bezweifeln.

          Das schwierigste Kunststück

          Wie bringt man eine Raubkatze dazu, Kunststücke vorzuführen? Indem man das Prinzip Belohnung anwendet. Ein Tiger oder ein Löwe erhält ein Stück Fleisch, wenn er etwas richtig macht. Zum Beispiel, wenn er sich an seinen Platz in der Manege begeben hat. Das ist, so erklärt Dieck, überhaupt der erste Schritt, wenn man eine Gruppe Raubtiere dressiert. Sie müssen genau wissen, wo ihr Podest ist, auf das sie sich nach dem Einmarsch in den Käfig begeben und an den sie wieder zurückkehren, wenn sie einen Trick vollendet haben.

          Eine der anspruchsvollsten Darbietungen von Raubkatzen ist das Laufen auf den Hinterbeinen. Dieses Kunststück lernen nur Tiger. Es einem Löwen beizubringen ist Dieck zufolge fast ein Ding der Unmöglichkeit. Seiner Meinung nach hat das etwas mit der unterschiedlichen Intelligenz der beiden Arten zu tun.

          Ein aufgebocktes T-Stück ist das wichtigste Instrument beim Einüben dieser Nummer. Die Tiger werden mit Fleischstückchen dazu verlockt, einen Fuß auf dieses T-Stück zu setzen. Irgendwann legt er nach vielen Belohnungen beide Beine drauf. Im nächsten Schritt wird ein Stück Fleisch an einem Stock über den Kopf des Raubtiers gehalten. Um es zu erreichen, muss es sich ganz auf seine Hinterbeine stellen. Diese Übung wird wieder und wieder repetiert und mit dem Kommando „Hoch“ versehen, bis irgendwann der Tiger sich ohne T-Stück und nur auf den Befehl oder ein Zeichen mit dem Stock aufstellt. Eine solche Dressur dauert Dieck zufolge gute anderthalb Jahre.

          Lebensgefährlicher Stolperer

          Diecks Lehrer ist sein Vater gewesen, der auch schon mit Raubtieren gearbeitet hat. Bevor er sich für die Raubtierdressur entschieden hat, arbeitete der junge Dieck zehn Jahre lang als Tierpfleger bei seinem Vater. Irgendwann hat er sich dann endgültig für die Raubtierdressur entschieden. Doch wählte Tom Dieck jr. einen anderen Stil als sein Vater. Während dieser eine eher komödiantische Nummer bot, gibt sein Sohn ein wenig den wilden Mann in der Manege, der seine Raubtiere gern einmal knurren und mit den Pfoten nach ihm schlagen lässt.

          Mehr als ein paar Kratzer hat der Zweiunddreißigjährige bisher aber nicht abbekommen. Freilich ist sich Dieck sehr wohl bewusst, dass er sich bei seinen Auftritten immer in Gefahr begibt. Löwen und Tiger sind, auch wenn das oft so aussieht, keine Schmusekatzen, sondern Raubtiere. In der Geschichte ihrer Dressur hat schon mancher sein Leben oder zumindest seine Gesundheit verloren.

          Man denke nur an Siegfried und Roy, jahrelang Stars im „Mirage“ in Las Vegas. 2003 fügte ein Tiger Roy Horn schwere Verletzungen bei, als er wahrscheinlich wegen eines Schlaganfalls stürzte und das Tier ihn daraufhin am Nacken packte, um ihn von der Bühne zu schleppen. 2009 erwischte es Christian Walliser bei einer Show im Hamburger Tierpark Hagenbeck. Er war gestolpert, worauf sich drei Tiger auf ihn stürzten. Walliser überlebte knapp und musste vielfach operiert werden. Mittlerweile tritt er wieder mit Raubtieren auf.

          Auch Tiger sind eifersüchtig

          Solche Unfälle gehen in fast allen Fällen nicht auf eine Aggression eines Tigers oder Löwen, sondern auf einen Fehler des Dompteurs zurück. Am gefährlichsten wird es für den Menschen im Käfig, wenn er stolpert und fällt. Dann kann ein Raubtier instinktiv in ihm eine Beute sehen. Hohe Konzentration ist denn auch für Dieck das Allerwichtigste bei einem Auftritt. Auf alles achten und das Verhalten der Tiere vorausahnen: Das gehört zum Handwerkszeug eines Dompteurs.

          Wobei Dieck diese Berufsbezeichnung ablehnt. Ein Dompteur, so sagt er, bändige seine Tiere. Er dagegen lehre seine Löwen, Tiger und Liger etwas. Ein Tierlehrer wie er muss sich ganz seinem Beruf hingeben. Für ihn gibt es keinen Urlaub und keine Reisen, er muss sich jeden Tag um seine Raubkatzen kümmern. Sie sind eine Art Familie für Tom Dieck jr. Eine seiner Tigerinnen, die er mit der Flasche großgezogen hat, kann es überhaupt nicht ausstehen, wenn er mit seiner Ehefrau auftaucht. Sie ist schlicht eifersüchtig.

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