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Wilde Raubkatze in Hessen : Ein Luchs auf Brautschau

Auf der Lauer: einer der Luchse des Wildparks Alte Fasanerie in Hanau-Klein-Auheim Bild: Rainer Wohlfahrt

Nahe dem Wildpark Alte Fasanerie in Hanau ist eine Raubkatze gesichtet worden. Vermutlich haben sie die dort lebenden Artgenossen angelockt. Doch ein Happy End wird es wohl kaum für sie geben.

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          Macht ein wildlebender Luchs derzeit Hanau und vor allem den Stadtteil Klein-Auheim unsicher? Die Antwort lautet ganz klar nein, jedenfalls was den Menschen angeht. Die Frage aber, ob ein solches Tier in den vergangenen Tagen und Wochen am Stadtrand sowie in Hanaus Waldgebieten unterwegs war, ist mit Ja zu beantworten, denn es scheint eindeutig bewiesen zu sein. Anfang Januar löste des nachts eine Wildkamera im Naturschutzgebiet Untere Fasanerie aus. Auf dem Bild zu sehen war eine große Katze, die Experten als einen Luchs identifizierten. Von drei weiteren Aufnahmen wurde danach in den Medien berichtet.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Auch die Wildbiologin Marion Ebel, Fachfrau in Sachen Wölfe und Luchse, ist sich sicher, dass die Kamera einen Luchs und keine Wildkatze oder streunende Hauskatze aufgenommen hat. Die Größe des Tieres und die typischen Pinselohren lassen Ebel zufolge keinen anderen Schluss zu. Den letzten Beweis für die Existenz eines Luchses gaben die Beobachtungen von mehreren Mitarbeitern des Wildparks Alte Fasanerie in Klein-Auheim, die kürzlich an einem Abend am See unterhalb des Parks deutlich einen Luchs erkannt haben wollen.

          Keine Luchswelpen in naher Zukunft

          Dass das Tier sich ausgerechnet hier herumtrieb, ist kein Zufall, denn in der Alten Fasanerie gibt es die einzigen Luchse weit und breit. Da gerade Paarungszeit ist, liegt es nach den Worten Ebels nahe, dass das fremde Tier auf der Suche nach einem Partner oder einer Partnerin war und deshalb in die Nähe des Wildparks oder vielleicht auch in ihn hinein geriet. Dort lebt in einem rund 1,5 Hektar großen Gehege eine Gruppe von sieben Tieren. Luchse sind eigentlich Einzelgänger und schließen sich nicht zu Rudeln zusammen. Im Wildpark, zu dessen Hauptattraktionen die Luchse seit Jahrzehnten gehören, handelt es sich aber um eine Familie, so dass das Zusammenleben klappt. Außerdem ist das Areal so groß, dass sich die Großkatzen gut aus dem Weg gehen können.

          Die Eltern der Katzenfamilie sind Momo und Clemens, ihre vier männlichen Nachkommen und ein weibliches Tier stammen aus einem Wurf aus dem Jahr 2011. Nach deren Geburt wurden die Kuder, so der Name für die männlichen Luchse, sterilisiert. Luchsnachwuchs wird es sobald aller Voraussicht nach in der Alten Fasanerie daher nicht geben. Luchse können in der geschützten Atmosphäre ihres Geheges bis zu 20 Jahre alt werden. Erst wenn der letzte Kuder im Wildpark gestorben ist, wird ein Nachfolger in einem anderen Park gesucht, der die eventuell verbliebene Luchsin oder eine Partnerin von außerhalb decken könnte, um die Tradition im Wildpark fortzusetzen. Auf munter herumtollende Luchswelpen in der Alten Fasanerie müssen die Besucher daher wohl noch ein paar Jahre warten.

          Auswilderungsprogramme für Luchse in Hessen

          Es sei denn, bei dem wilden Luchs handelt es sich um einen Kuder, dem es irgendwie gelingt, an Momo oder ihre Tochter heranzukommen. Sollte er es schaffen, in das Gehege zu gelangen, hätte er Ebel zufolge aber keine Chance, bei den Weibchen zum Zuge zu kommen. Die anderen Kuder würden das mit Zähnen und Krallen zu verhindern wissen.

          Doch da sich die Natur mitunter erfinderisch ihren Weg bahnt, würde in der Alten Fasanerie im Falle von Nachwuchs eine Lösung gefunden werden, denn die Luchse sind seltene und wertvolle Tiere. Bis vor rund 20 Jahren waren sie aus der freien Wildbahn in Hessen verschwunden. Dank eines Auswilderungsprogramms gibt es inzwischen wieder mehrere freilebende Luchse in Hessen. Damals wurden im Nationalpark Harz 24 in Gefangenschaft geborene Luchse in die Freiheit entlassen, darunter die Luchsdame Pinocchio aus der Alten Fasanerie. Sie büchste bald aus dem Auswilderungsgehege aus, das zur Eingewöhnung genutzt wurde, und machte den Harz für mehrere Jahre zu ihrer Heimat. Mehrfach wurde sie dabei beobachtet, wie sie eine Autobahn unbeschadet überquerte. Offenbar hatte Pinocchio die Gefahr der herannahenden Fahrzeuge erkannt und wusste sie zu umgehen. Allerdings wurde die Luchsin eines Tages von einer Lokalbahn getötet, die nur selten auf der Strecke fuhr.

          Unbehagen wegen der Raubkatze

          Ein ähnliches Schicksal erlitt Flummi im Frühjahr 2017. Nach einem heftigen Sturm war die Luchsin aus dem beschädigten Gehege der Alten Fasanerie geflohen. Alle Versuche, die verängstigte Katze wieder einzufangen, scheiterten. Tage später wurde sie schwer verletzt in einer Tongrube gefunden und musste eingeschläfert werden. Sie war von einem Auto angefahren worden. Viele Bürger nahmen damals Anteil an der Suche nach und an der Trauer um Flummi.

          Bei dem unbekannten Luchs heute ist das etwas anders. Obwohl Luchse sehr scheu sind, Menschen meiden und nur des Nachts in naturnahen Gegenden unterwegs sind, hat sich in Hanau bei manchen ein Unbehagen bei dem Gedanken an das Tier eingestellt. Schließlich ist ein Luchs ein Raubtier, und die fremde Katze steht im Verdacht, ein Schaf in einem Gehege und drei Rehe gerissen zu haben. Laut Ebel braucht ein ausgewachsener Luchs das Fleisch von etwa einem Reh in der Woche. Auch wenn die Luchse gezielt und mit großem Aufwand wieder in geringer Zahl in die Natur gebracht wurden, sind sie für Tierbesitzer und Förster ein Dorn im Auge. „Seit 150 Jahren haben die Förster hier kein Revier mit einem Luchs teilen müssen. Daran müssen sie sich erst einmal gewöhnen“, sagt Expertin Ebel.

          Dem Tierbestand im Wald schade ein Luchs auf keinen Fall, und Menschen hätten von ihm ohnehin nichts zu befürchten. Für den Luchs allerdings sei die Hanauer Gegend eher schädlich. Es gebe dort zwar genügend Naturschutz- und Waldgebiete, doch auch viele Straßen und Autobahnen. Ebel fürchtet, dass ihn das gleiche Schicksal wie Flummi und Pinocchio ereilen könnte. Es könne aber auch sein, dass der Luchs schon längst weitergezogen sei, denn die Streifgebiete der Katzen seien mehrere hundert Quadratkilometer groß.

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