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Mutter tot, Kind verletzt : Raser nach Unfall auf Parkplatz an A5 wegen Mordes verurteilt

Zerstört: Das Auto der Düsseldorfer Familie, in das der junge Raser gekracht war Bild: dpa

Die Autos nur noch Wracks: Auf einem Autobahnparkplatz stirbt eine Frau, als ein Wagen mit hohem Tempo in das abgestellte Fahrzeug kracht. Zehn Monate später wird der Raser verurteilt – wegen Mordes.

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          Als der junge Mann nach der Urteilsverkündung den Saal verlässt, wirkt er ruhig. Es sind keine Tränen zu sehen, kein Zittern, kein gesenkter Blick. Vielleicht hat der Neunzehnjährige geahnt, was kommen würde, und vielleicht hat er gewusst, dass seine Verteidiger in dem Fall zum Bundesgerichtshof gehen würden. Seit Mitte Juli ist am Landgericht gegen ihn verhandelt worden, viel länger als geplant, weil dieser Fall wie so viele seiner Art juristisch kompliziert ist. Doch jetzt ist das Urteil da: Mord in Tateinheit mit versuchtem Mord.

          Anna-Sophia Lang

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wäre der junge Mann im juristischen Sinn ein Erwachsener, hätte die Strafe lebenslang sein müssen, aber weil er Heranwachsender ist und die Umstände passen, bekommt er eine Jugendstrafe. Sechs Jahre und vier Monate für einen tödlichen Unfall, den er am 30. Dezember 2018 verschuldete.

          Der junge Mann war damals auf der Flucht vor der Polizei, die ihn anhalten wollte, weil er ohne gültiges Kennzeichen unterwegs war. In einem alten Ford auf der A 5, den er für 100 Euro gekauft hatte, mit 180 Stundenkilometern, ohne Führerschein und Versicherung. Zwei Jahre zuvor hatte ihn das Amtsgericht Dieburg wegen der gleichen Sache zu einer Geldstrafe verurteilt, aber er fuhr einfach weiter Auto, nahm sich heimlich den Audi des Stiefvaters und kaufte sich sogar den Ford.

          Wenige Tage vor der Tat erwischte ihn die Polizei abermals. Mit seinen Eltern hatte er sich zu diesem Zeitpunkt auch deswegen so übel verkracht, dass sie ihn aus dem Haus geworfen hatten. Im November hatte er seine Ausbildungsstelle verloren, die dritte in Folge. „Sie waren in einer Abwärtsspirale“, sagt der Vorsitzende Richter zu ihm. „Ihre Lebenssituation war desolat. Sie haben unheimlich viele Chancen gehabt, sind ein intelligenter Kerl, aber Sie haben nie etwas daraus gemacht.“

          Mit mindestens Tempo 140 raste er auf den Parkplatz

          Und dann kam jener 30. Dezember, an dem er auf dem Weg zu seiner Freundin war, um Silvester zu feiern. Als die Polizei ihn bemerkte, ist ihm laut dem Richter klargeworden: Wenn sie ihn jetzt kriegen, ist es endgültig vorbei. „Also entschlossen Sie sich, abzuhauen. Immer getrieben von dem Ziel, nicht erwischt zu werden.“

          Mit hoher Geschwindigkeit raste der Angeklagte davon, überholte halsbrecherisch und kam nahe Heppenheim auf die Idee, in einen Parkplatz einzubiegen. Das Gericht ist überzeugt: Er wollte den Parkplatz Fuchsbuckel als Überholspur nutzen, um die Polizei abzuhängen. Mit mindestens Tempo 140 raste er auf den Parkplatz, wo sein Wagen mit dem Auto einer Familie kollidierte, die auf dem Weg zu einer Silvesterfeier dort Rast machte. Die Mutter wurde so schwer verletzt, dass sie wenig später starb. Ihr zehn Jahre alter Sohn wurde verletzt, aber er überlebte. Ihr Mann war zufällig gerade nicht im Auto. Im Prozess ist er Nebenkläger. Seine Aussage am Auftakttag machte er ruhig und besonnen, aber sein Rechtsanwalt sagt, es gehe ihm viel schlechter, als er nach außen zeige.

          In seiner Urteilsbegründung spricht der Vorsitzende Richter von einer „unverständlichen Tat“ mit „unerträglichen Folgen“. So hoch wie die Staatsanwaltschaft, die neun Jahre gefordert hatte und als Mordmerkmale das Verdecken einer anderen Straftat und die Verwendung des Autos als gemeingefährliches Mittel angeklagt hatte, geht die Kammer nicht. Aber der Richter macht klar: Ein gerechter Schuldausgleich müsse her. „Es ist eine Grenze überschritten worden.“ Kern des Verfahrens ist wie immer in Raser-Prozessen die juristische Frage, ob der Angeklagte bewusst fahrlässig oder bedingt vorsätzlich gehandelt hat. Letzteres trifft laut Bundesgerichtshof dann zu, wenn jemand den Tod eines Menschen billigend in Kauf nimmt oder sich wenigstens mit der Tatbestandsverwirklichung abfindet. Dass der Täter nicht will, dass jemand zu Tode kommt, müsse dem nicht entgegenstehen.

          So argumentiert auch das Darmstädter Gericht: Es sei dunkel geworden und die Straße nass gewesen, wegen des Feiertags- und Berufsverkehrs sei viel los gewesen. Ihm sei bewusst gewesen, dass er einen Unfall riskiere, wenn er auf den Parkplatz rase. „Hoffen auf Zufall ist kein ernsthaftes Vertrauen. Man kann auch vorsätzlich handeln, wenn man niemanden töten wollte.“

          Dennoch müsse das Urteil im Sinn des Jugendstrafrechts eine erzieherische Maßnahme sein. Der junge Mann dürfe nicht für immer abgestempelt sein, sondern müsse auch die Gelegenheit haben, die Sache zu verarbeiten und sich danach eine Zukunft aufzubauen. Die Verteidigung kündigt Revision an. Der Angeklagte habe im festen Vertrauen agiert, dass bei seinem Manöver niemand zu Schaden kommen werde.

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