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Rapper schreibt an Zentralrat : Kollegah soll nicht rappen - Schadenersatz droht

Umstritten: Rapper Kollegah Bild: dpa

Rüsselsheims Oberbürgermeister empfiehlt, die umstrittene Rap-Night mit Kollegah auf dem Hessentag im Juni abzusagen. Dies könnte aber Schadenersatzforderungen nach sich ziehen. Derweil meldet Kollegah sich online.

          Über Monate hinweg hatte der Rüsselsheimer Oberbürgermeister Patrick Burghardt (CDU) die geplante, aber umstrittene „Rap-Night“ auf dem Hessentag verteidigt, jetzt spricht er sich für ihre Absage aus. Anlass ist ein offener Brief des Zentralrats der Juden und weiterer Organisationen des jüdischen Lebens in Deutschland, die den Auftritt des Musikers Kollegah ablehnen. Der aus Friedberg stammende Rapper propagiere „Antisemitismus, Homophobie und Gewalt gegen Frauen“. Er rufe zu Gewalt gegen Minderheiten und Schwächere auf.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dieter Schwöbel

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nachdem er am Dienstag noch nicht auf die Worte des Zentralrats reagiert hatte, veröffentlichte Burghardt eine „persönliche Erklärung“, in der er ankündigt, den Stadtverordneten auf ihrer heutigen Sitzung die Absage des Konzerts zu empfehlen. Er habe die Situation falsch eingeschätzt und vor allem die tiefe „persönliche Betroffenheit“ vieler Bürger, von Verbänden und Kirchen unterschätzt und revidiere seine positive Haltung zu dem Konzert. Auch seien in jüngster Zeit Beschwerden über einen weiteren Rapper laut geworden, dem eine Nähe zur salafistischen Szene vorgeworfen werde, schrieb Burghardt in seiner Erklärung. Er meint damit den Düsseldorfer Musiker Farid Bang, der ebenfalls bei der Rap-Night auftreten soll.

          Dessen ungeachtet bleibe er der Meinung, dass man über Kultur, und sei sie noch so strittig, nicht mit Verboten entscheiden könne, so Burghardt. Die Stadtverordneten hätten das vor drei Monaten über Parteigrenzen hinweg ähnlich gesehen und das für den 14. Juni vorgesehene Konzert mit großer Mehrheit beschlossen. Im Falle einer Absage könnten Schadenersatzforderungen drohen (siehe Kasten).

          Frauenverachtende Textstellen

          Tatsächlich gab es damals eine klare Mehrheit für das Konzert, das aufgrund einer Befragung von Jugendlichen nach ihren Wunsch-Künstlern im Programm des Hessentags eingeplant war. Aber es gab auch, von der geschlossen zustimmenden CDU abgesehen, quer durch die Fraktionen ablehnende Stimmen. So war die Mehrheit der SPD-Fraktion dagegen, und auch die Linken votierten bis auf einen Vertreter geschlossen mit Nein.

          „Ich bin extrem erleichtert, dass Burghardt endlich reagiert hat“, sagte gestern die Rüsselsheimer SPD-Fraktionschefin Sanaa Boukayeo, die davon ausgeht, dass das Konzert abgesagt wird. Die Stadt dürfe, im Unterschied zu privaten Veranstaltern, solchen Texten keine Bühne geben. Sie warf dem Oberbürgermeister vor, selbst jetzt nicht den Eindruck eines Umdenkens zu erwecken, sondern nur auf den wachsenden Druck, der inzwischen auch von der Landesregierung komme, zu reagieren. Dabei seien etwa die frauenverachtenden, beleidigenden Textstellen in den Stücken des Rappers, der mit bürgerlichem Namen Felix Blume heißt, schon lange bekannt.

          Sozialdemokratin Boukayeo bezieht sich, ebenso wie die jüdischen Organisationen in ihrem offenen Brief, auf Textzeilen wie „Hure Eins und Schlampe Zwei, ich vergewaltige euch brutal“ oder „Gib meiner Morgenlatte ’nen Kuss und bringt das Frühstück an mein Bettchen und dann bügelt meine Wäsche, sonst gibt’s Prügel auf die Fresse“. Mit ihnen bedient Kollegah das von ihm gepflegte Image als goldkettenbehängter „Boss“ und „Pimp“ in dicker Hose, der gemeinsam mit devotem Personal und seinen „Bitches“ durch die Stadt rast und sich dabei gewiss nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzung hält.

          Ob er allerdings in seinem Rollengestammel antisemitische Sentenzen von sich gibt, wie es ihm in dem offenen Brief vorgeworfen wird, ist nicht erwiesen. Den inkriminierenden Satz „Ich leih dir Geld, doch nie ohne ’nen jüdischen Zinssatz mit Zündsatz“ im 2014 veröffentlichten Stück „Sanduhr“ hatte nicht Kollegah, sondern sein auf dem Track mitwirkender Gast Favorite gerappt. Dass solche Liedzeilen aber das einigende Anliegen des Hessentags konterkarieren, hätte die Stadt Rüsselsheim mit einer kleinen Hörprobe schon am Anfang ihrer Programmplanung bemerken können.

          Kollegah kontert Vorwürfe

          Im Verlauf des Donnerstag hat sich Kollegah auf seiner Facebook-Seite zu Wort gemeldet, mit einer Art offenen Brief an den Zentralrat. Darin verwahrt er sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus. Auch heißt es darin, Genrefremde verstünden immer noch nicht die Rolle des Battleraps.

          Rüsselsheim drohen Schadenersatzforderungen

          Angesichts der möglichen Absage der umstrittenen Rap-Night auf dem Hessentag drohen der Stadt Rüsselsheim Schadensersatzforderungen der Künstler. Am heutigen Donnerstagabend wollen die Stadtverordneten entscheiden, ob die Veranstaltung abgesagt wird, weil Kritiker die Texte der gebuchten Rapper als sexistisch und antisemitisch empfinden.

          Nach Auskunft von Stadtsprecher Asswin Zabel vom Donnerstag steht die Stadt derzeit mit der Künstleragentur in Kontakt. Bei Gesprächen gehe es auch um mögliche Schadenersatzforderungen. Die Höhe der ausgehandelten Gagen für die Musiker wollte Zabel nicht nennen, auch über die Höhe möglicher Schadenersatzforderungen gab er keine Auskunft. Seiner Aussage nach werden auch die Rüsselsheimer Stadtverordneten im öffentlichen Teil der Sitzung keine Informationen darüber erhalten, welche Gagen mit dem Rapper Kollegah und den anderen Künstlern vereinbart wurden. (dpa)

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