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Rapper Haftbefehl : Lass die Straße brennen

Will nur „Reporter“ sein: Aykut Anhan alias Haftbefehl. Bild: Tim Wegner/laif

Ausgerechnet der Offenbacher Rapper Haftbefehl hat den Straßen-Hiphop salonfähig gemacht. Er wird für seine Geschichten aus der Halbwelt gefeiert. Muss das sein?

          Haftbefehl, glaubst du, deine Fans verstehen die Kunst in deiner Musik? Als der Rapper aus Offenbach das einmal gefragt worden ist, hat er Kaugummi gekaut. Auf, zu, auf, zu, auf, zu, dann ein Grinsen, eine Rückfrage, und in schlechtem Deutsch: „Manche versteht, manche versteht nix. Problem meine Problem oder was?“ Eigentlich hat Haftbefehl keine Schwierigkeiten mit der Sprache, im Gegenteil. Er fängt sich auch schnell wieder („Nee, Aller“) und, na ja, erklärt: dass die Musik halt Kunst sei.

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Haftbefehl ist der Künstlername von Aykut Anhan: 29 Jahre alt, geboren in Offenbach, aufgewachsen im Mainpark, einst Drogendealer, jetzt der berühmteste deutsche Straßen-Rapper. Er ist auf Tour mit seinem aktuellen Album „Russisch Roulette“, am Sonntag kommt er nach Frankfurt in die Batschkapp, und Haftbefehl muss öfter die Frage beantworten, ob man denn verstehe, dass seine Musik Kunst sei und nicht etwa doch eine Aufforderung.

          Ist das echt, was Haftbefehl singt?

          „Lass die Straße brenn, das ist FFM / Mainhattan, Messer in dein Arsch“ rappt Anhan zum Beispiel. Im Video zu dem Song sind echte und echt brutale Prügeleien zu sehen, gefilmt von Überwachungskameras, und bestimmt muss man deswegen nicht gleich furchtbar aufgeregt sein. Aber seit Anhan vom deutschen Feuilleton gefeiert wird, zum Beispiel als „artistisches Genie“, sein neues Album als „absolut großartig“, ist da immer gleich die Frage: Hat nur einfach nichts verstanden, wer Haftbefehl nicht so toll findet?

          Tatsächlich ist das hier ein Text, der im Grunde nichts versteht. Die ganze, ganz andere Welt nicht, von der Haftbefehl erzählt, und auch nicht, wie viel davon wahr und richtig ist. „Tatort, Frankfurt, Mainhattan / Hardcore, du kennst FFM“ rappt Haftbefehl, und eigentlich bleibt dem, der die Halbwelt von Anhan nie betreten hat, nur der Widerspruch: Nein, kenn ich nicht. Nur die Orte, an denen die Geschichte spielt, und noch nicht einmal die besonders gut: den Marktplatz in Offenbach, wo er seine Drogen verkauft hat. Die Wohnblocks im Mainpark, über die er singt: „Traurige Aussicht und du gibst dein Glück auf.“ Das Frankfurter Bahnhofsviertel. Wer die Region anders kennt, die Museen und Bornheim (Haftbefehl nennt es das „Hipster-Viertel von Frankfurt“), die Clubs, in denen man auch ohne Klappmesser gut zurechtkommt, muss sich ein paar Fragen stellen: Ist das echt, was Haftbefehl singt, ist das real? Ist das Kunst? Und was hat der Tod von Tugçe Albayrak damit zu tun?

          „Töten für Kohle, Hauptsache reich“

          Haftbefehl sagt, er sei Drogendealer geworden, nachdem sich sein Vater umgebracht habe. „Ich war damals 14 Jahre alt / Die Straße nahm mich in den Arm und ließ nie wieder los“, rappt er, und darum geht es in seiner Musik: um die Straße, die Drogen, um Autos, Gewalt, Frauen.

          Das Werk von Haftbefehl ist zweigeteilt, besonders auf seinem aktuellen Album, das erste, das von Universal und nicht von Haftbefehls eigenem Label veröffentlicht wird. „Russisch Roulette“ ist eine Art Konzeptalbum. Die Hälfte der Songs handelt vom Glamour des Drogengeschäfts: vom vielen Geld und dem guten Gefühl, dass alle einen für den Babo halten - das Wort heißt so viel wie Chef. Haftbefehl hat es berühmt gemacht, die Gesellschaft für deutsche Sprache hat es 2013 zum Jugendwort des Jahres gekürt.

          Die andere Hälfte des Albums dreht sich um die Schattenseiten, darum, wie furchtbar das Kriminellenleben ist: dass die Lunge morgens brennt, dass die Polizei hinter einem her ist oder, noch schlimmer, die Konkurrenz. „Töten für Kohle, Hauptsache reich / Fick die Gefühle, Herzen sind aus Stein“, rappt er auf „1999 Pt. III“, dem letzten, traurigsten Teil der Triologie über sein Leben mit 16. Botschaft: Macht das bloß nicht nach! „Mittlerweile mache ich nur noch Musik und bin auch froh, dass das so ist“, so hat es Haftbefehl einmal in einem Interview gesagt. Diese Moral seiner Geschichte erzählt er oft. Zuletzt hat er sie brav in der Arte-Sendung „Durch die Nacht mit . . .“ aufgesagt, in der er maximal gelangweilt und uninspiriert eine Nacht lang mit dem jüdischen Komiker Oliver Polak in Frankfurt und Offenbach unterwegs war. „Man sollte die Finger komplett von Drogen lassen. Sag ich, weiß ich“, mahnte Haftbefehl da.

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