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Rapper Alligatoah : Kunstfigur von hohem Unterhaltungswert

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Schräger Typ: Alligatoah in aufwendiger Hotel-Kulisse auf der Bühne der Jahrhunderthalle. Bild: Vogl, Daniel

Alligatoah hat mehr Gesichter als Cartoon-Gestalten. In der ausverkauften Jahrhunderthalle zeigte der Rapper, dass er neben Wortkunst auch das Schauspiel beherrscht.

          Eine Digitaluhr mit Sekundenanzeiger läuft gnadenlos rückwärts. Exakt zwanzig Minuten bleiben dem Berliner Rapper Dazzle und seinem DJ – dann müssen sie die Bühne räumen. Dazzles schnellzüngige Betrachtungen übers irdische Dasein mit feinsinnigen Sätzen wie „Das Leben ist kurz – bald sind wir tot“ wirken in der ausverkauften Jahrhunderthalle Frankfurt allerdings etwas deplatziert. Verspüren Jung und Alt im Saal doch gerade die pure Lebenslust.

          Nur wenige Minuten später versteht Alligatoah zum Auftakt seiner „Wie Zuhause Tour 2019“ den Feiertrieb der Besucherschar um einiges besser zu kanalisieren, als er aus der Blüte einer großen, auf den Bühnenvorhang gemalten Sonnenblume den Kopf reckt und vehement rappt: „Ich hab kein Bock mein Geld zu verlieren. (Nein!)“, heißt es in seinem Stück „Raubkopierah“. Dann fällt der Vorhang, um den Blick auf eine opulente Hotel-Kulisse mit einer in der Mitte integrierten Drehbühne freizugeben. „Willkommen im Hotel Kalliforniah“, begrüßt Alligatoah launig das Publikum. Moment, wohnen im „Hotel California“ nicht die Eagles? Nein, im Hotel Kalliforniah mit „K“ am Anfang und „h“ am Schluss wohnen der in einen gelben Frack samt farblich passender Kreissäge (Strohhut) gehüllte Herr Alligatoah, die ebenfalls in Gelb gekleidete Zweitstimme Liftboy Basti und die auf zwei Stockwerke verteilten vier Musiker, die in gelbe Bademäntel gewandet sind.

          Alles andere als Allerweltsmusik

          „Aber ein Zimmer, die Honeymoon Suite, wäre noch frei“, erläutert der wortgewandte Zeremonienmeister, der als Komponist, Texter, Musiker und Produzent im Studio alles gerne in Personalunion übernimmt, jovial zwischen zwei Songs. Allein schon die Instrumente E-Gitarre, Schlagzeug, Keyboards, Klarinette und gelegentlich auch Blockflöte lassen erahnen, dass hier nicht auf die digitale Konserve gesetzt, sondern höchst authentisch musiziert wird. Vor allem aber klingen die Songs von Lukas Strobel, so der bürgerliche Name von Alligatoah, alles andere als nach Allerweltsmusik. Da gibt sich jemand richtig Mühe, stilistisch facettenreich von Pop bis Hip-Hop, von Reggae bis Punk und von Funk bis Metal Ohrwürmer mit satten Melodiebögen abzuliefern.

          Auch bei seinen Texten lässt der lockerleicht sich durch rund zwei Dutzend Lieder moderierende Alligatoah nichts anbrennen. Etwas stärkeren Tobak bietet das Swinger-Stück „Freie Liebe“, wo es von provokanten Zeilen wie „Ich mag es, wenn du aus dem Mund nach fremden Sperma riechst“ nur so wimmelt. „Meinungsfrei“ wiederum unterscheidet listig nicht zwischen Links- und Rechtsrock, sondern geht mit der unentschlossenen Zeile „Ich kann beide Seiten verstehen“ den goldenen Mittelweg. In „Wo kann man das kaufen“ analysiert der gelegentlich auch selbst zur gelben E-Gitarre greifende Bandchef trefflich den Werbewahn mit Kaufzwang.

          Ausbaufähige Kunstfigur

          Nicht wenige Songs im aktuellen Repertoire stammen aus dem im September 2018 erschienenen Nummer-eins-Album „Schlaftabletten, Rotwein V“. Kamen die Folgen I – IV der Reihe von 2006 bis 2011 als Mixtape heraus, widmet Alligatoah der fünften Ausgabe ein ganzes Album. In jedem der Tracks schlüpft der 29 jahre alte Musiker in eine andere Rolle. Ironisch reimt er über gesellschaftliche Klischees und gibt sich auch mal behutsam, mal drastisch zugespitzt politisch. Ganz versierter Schauspieler, der er ist, hat sich Strobel mit Alligatoah eine nach allen Seiten hin ausbaufähige Kunstfigur von hohem Unterhaltungswert geschaffen.

          In „I Need A Face“ erläutert er seine inszenierte Theatralik: „Für die, die jetzt erst zugeschaltet haben, ich hab mehr Gesichter als Cartoon-Gestalten. Ein Gesicht für die Oxford-Studie. Eins für die Ostblock-Hure. Eins für deine gutgemeinten Kochversuche.“ Bleibt für ihn nur zu hoffen, dass sich der etwas überhebliche Herr Alligatoah nicht in seiner Rolle unangenehm verheddert, wie dies wie einst David Bowie mit Ziggy Stardust geschah.

          Noch scheint Strobel aber alles unter Kontrolle zu haben. Souverän, aber nicht routiniert hakt er weitere Glanzlichter wie „Hass“, „Terrorangst“, „Beinebrechen“, „Trostpreis“, „Lass liegen“ und „Trauerfeier Lied“ ab. Zwischen Möchtegern-Gangstern wie Bushido und Kollegah und Betroffenheits-Lyrikern wie Tim Bendzko und Philipp Poisel liefert Alligatoah für deutsche Pop-Verhältnisse geradezu erfrischend leichtfüßiges und herrlich absurdes Entertainment.

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