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„Rain Man“ : Brüder sind besser als ein Karibikurlaub

Familie: Raymond (James Holmes, links) und Charlie (Andrew Grose). Bild: Bobby Anders

Zwei Männer auf der Reise zu sich selbst: In Frankfurt zeigt das English Theatre Dan Gordons „Rain Main“.

          2 Min.

          Der Mann ist verhaltensgestört. Ein emotionaler Krüppel. Er flunkert und lügt, um seines Vorteils willen oder um „seinen verdammten Arsch“ zu retten, wie Charlie Babbitt sich auszudrücken pflegt. Denn fluchen kann er unentwegt, dieser sonnenbebrillte Autohändler aus Los Angeles, ob er mit Kunden, seiner Freundin oder einem Testamentsvollstrecker spricht. Mit dem Juristen bekommt Babbitt es zu tun, als er vom Tod seines Vaters erfährt, den er vor vielen Jahren im Streit verlassen hat. Die traurige Nachricht selbst lässt Charlie kalt. Ihn ärgert nur, dass er anstatt zu einem Wochenendausflug in die Karibik nun nach Cincinnati zur Beerdigung fliegen muss.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sein Ärger schlägt in blanken Zorn um, als er bei der Testamentseröffnung erfahren muss, dass sein reicher Vater ihm nur einen Oldtimer und einige Rosenstöcke zugedacht, das auf zwölf Millionen Dollar geschätzte Vermögen aber einer Stiftung vermacht hat, deren einziger Zweck die Versorgung einer unbekannten Person ist. Charlie gibt keine Ruhe, bis er herausfindet, dass diese Person sein älterer Bruder Raymond ist, von dessen Existenz er bis dahin nichts wusste. Raymond ist ein Autist, der in ein Pflegeheim kam, als Charlie noch ein Kleinkind war.

          Der Film wurde mit vier Oscars ausgezeichnet

          Andrew Grose als Charlie Babbitt in diesen zwei Szenen wüten und schimpfen zu sehen, lohnt allein schon den Besuch des Stücks „Rain Man“ von Dan Gordon, das in einer Inszenierung von Hannah Chissick nun am English Theatre Frankfurt zu sehen ist. Groses starkes Spiel, in diesen Anfangsszenen unterstützt von den wirkungsvollen Nebenrollen Susans (Shonagh Price), der Sekretärin Lucy (Charlotte Moore) und des Anwalts Mr. Money (James Sobol Kelly), wischt auch gleich etwaige Bedenken beiseite, ob ein als Road Movie berühmt gewordener Stoff auf einer starren Theaterbühne überhaupt darstellbar ist.

          Barry Levinsons mit vier Oscars ausgezeichneter Film „Rain Man“ ist gewiss nicht gänzlich von der Bühnenadaption zu trennen, zumal Autor Dan Gordon das Originaldrehbuch von Ronald Bass und Barry Morrow nicht neu erfunden hat und die Regisseurin außerdem einige direkte Anspielungen auf Filmszenen eingearbeitet hat. Doch braucht es diese Erinnerungsstützen gar nicht, um von der Geschichte gepackt zu werden. Dabei ist es nicht von Nachteil, dass Grose dem Film-Charlie Tom Cruise vom Typus her entspricht. Ein großer Vorteil ist es allerdings, dass Raymond - der britische Schauspieler James Holmes - keinerlei Ähnlichkeit mit Dustin Hoffman hat und so nicht gegen dessen unvergessliche Darstellung eines Autisten mit der Inselbegabung eines phänomenalen Gedächtnisses anspielen muss.

          Karges, aber stimmiges Interieur

          Wie Cruise und Hoffman begeben sich Grose und Holmes auf eine mit einer Entführung begonnene Reise, die letztlich nicht zum großen Geld, sondern zueinander führt. Im English Theatre geschieht dies nicht auf einer Fahrt in einem Cabrio quer durch Amerika, hier reicht das minimalistische Bühnenbild von Bob Bailey, das mit weißen Boxen auskommt, die als Möbelstücke in jeder Szene neu angeordnet werden, einige Piktogramme zeigen an, wo sich die Protagonisten gerade befinden.

          In diesem kargen, aber stimmigen Interieur sind die Blicke erst recht auf die formidablen Hauptdarsteller gerichtet, deren Figuren beide auf ihre Weise emotional gestört sind und lange keine Nähe zulassen können. Raymond nicht, weil in seiner von Ritualen und festen Zeitabläufen geprägten Welt Zwischenmenschliches nicht vorkommt, Charlie nicht, weil er seinen Schmerz hinter Stolz, Großmannssucht und Flüchen zu verbergen versucht. Die ungleichen Brüder trotzdem allmählich ein dünnes Band knüpfen zu lassen, das sie miteinander verbindet, und dabei nicht ins Melodramatische abzudriften, ist das Verdienst dieser sehenswerten und berührenden Inszenierung.

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