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Räume für Künstler : „Die Mietpreise knabbern an der Substanz“

Chaos mit Ordnungsoasen: Im Frankfurter Atelier von Thomas Erdelmeier findet sich nur der Künstler selbst zurecht. Um seine großen Gemälde schaffen zu können, braucht Erdelmeier reichlich Platz. Sein Atelier im ehemaligen Polizeipräsidium misst etwa 100 Quadratmeter. Einen Raum dieser Größe zu finden, ist in Frankfurt nicht einfach. Trotzdem zieht es den Künstler nicht nach Berlin, wo die Mieten günstiger sind. Bild: Wonge Bergmann

Künstler brauchen Raum: Viele zieht es nach Berlin, doch auch in Frankfurt verbessert sich das Atelierangebot.

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          Viele Künstler zieht es nach Berlin. Der Stadt und der Leute wegen, die schon da sind. Vor allem aber, weil die Ateliers in der deutschen Hauptstadt immer noch erschwinglich sind, ganz im Unterschied zu anderen europäischen Metropolen wie London oder Paris. Oder auch im Vergleich zu Frankfurt, das einst eine Kunststadt werden wollte, sich seit der Jahrtausendwende immerhin zu einem international beachteten Standort für Ausstellungen gemausert hat, aber stets vergeblich von einer die internationale Kunstwelt prägenden Szene träumte.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Ansätze dazu waren vorhanden. Aber viele Künstler, auch solche, die zu Renommee gelangten, haben sich in den zurückliegenden Jahren verabschiedet, um an der Spree zu leben und Teil eines Milieus zu werden, das von New York bis Schanghai als besonders aufregend und schöpferisch gilt. Eine kleine Avantgarde ist aber schon zurückgekehrt. Andere haben sich bewusst dafür entschieden, im Rhein-Main-Gebiet zu bleiben.

          Sieben Euro pro Quadratmeter

          Frankfurt müht sich redlich, die Künstler in der Stadt zu unterstützen. Bei der Realisierung von Projekten, bei der Suche nach geeigneten Arbeitsräumen. „Bedarf gibt es immer“, sagt Susanne Kujer vom Kulturamt. Sie schätzt die Zahl der Künstlerateliers in Frankfurt auf etwa 1000. Die meisten davon werden privat vermietet. 50 Ateliers vergibt die Stadt, etwa 120 der Verein „Basis“, und 45 beherbergt derzeit noch das einstige Polizeipräsidium in der Hohenstaufenstraße. Dessen Abriss ist vorgesehen, denn es steht der Planung des neuen Europaviertels im Weg.

          Doch das dort untergebrachte „Atelierfrankfurt“ wird noch in diesem Jahr in die Schwedlerstraße im Ostend umziehen, in ein Gebäude, das der Unternehmer und Kunstsammler Michael Loulakis dem Trägerverein zu günstigen Bedingungen überlässt. Statt wie bisher 3000 stehen dem Künstlerhaus dort 9000 Quadratmeter zur Verfügung. Die Zahl der Ateliers wird sich mehr als verdoppeln. Etwa mit sieben Euro pro Quadratmeter müssen die Künstler rechnen, die als Untermieter von Atelierfrankfurt dort einziehen. „Schon jetzt haben sich über 100 Bewerber gemeldet“, sagt Corinna Bimboese, Projektleiterin des gemeinnützigen Vereins. Das neue Domizil, das Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut wurde und zuletzt als Lagerhaus diente, habe viel Charme, anders als die Achtziger-Jahre-Bauten, die sie sich als Ausweichquartiere sonst angeschaut hatte.

          Nur der Künstler selbst findet sich hier zurecht

          Im ehemaligen Polizeipräsidium weht zwar schon Abbruchstimmung durch die Flure, aber es ist noch bis unters Dach vermietet. Es gebe für den alten Standort immer noch Bewerbungen, sagt Bimboese. Offensichtlich sei der Bedarf so groß, dass Künstler sich auch auf solche Provisorien einließen. Die Aufzüge sind schon lange nicht mehr zu benutzen. Dennoch lugt die alte Behördenherrlichkeit da und dort noch hervor. Schon die Treppenaufgänge haben etwas Prächtiges. Labyrinthische Korridore führen zu Ausstellungsräumen und Ateliers.

          Das Studio von Thomas Erdelmeier gehört zum chaotischen Typus: Hier findet sich nur der Künstler selbst zurecht. Bei genauerem Blick lassen sich Ordnungsoasen erkennen. Gebrauchte Farbtuben liegen da etwa in Reih und Glied. Eine „Wassergewinnungsanlage“ nennt Erdelmeier eine Konstruktion, mit der er den Regen vom Dach in den Raum leitet. Hinten steht auch ein Bett, in dem er jedoch, wie er sagt, nicht schläft. Allenfalls räkele sich darin eine Muse.

          Frankfurt sei ein hartes Pflaster

          Erdelmeier ist Maler. Seine Formate sind riesig. Er braucht viel Platz. Allein schon deshalb, um seine Arbeit ab und an aus der Distanz betrachten zu können. Etwa 100 Quadratmeter misst sein Atelier. Er hatte in dem Gebäude schon eines, als die Polizei noch darin war. Damals habe man ihn zweimal verhaften wollen, es sei die beste Zeit überhaupt gewesen. Einen Sog nach Berlin verspürt er nicht: „Jeder, den man in Berlin kennenlernt, ist Künstler. Die treten sich da gegenseitig auf den Füßen rum.“

          Er wolle Bilder malen und nicht dauernd Künstler kennenlernen, sagt Erdelmeier. Allerdings sei Frankfurt durchaus ein hartes Pflaster. „Wegen der Mietpreise, die knabbern schon an der Substanz.“ Sonst aber sei ihm das Umfeld völlig egal. „Wenn ich im Dienst bin, bin ich im Dienst. Ich will meine Bilder malen und auch nicht von einer urbanen Aura angetatscht werden.“ Wichtig sei, einen Raum von einer gewissen Größe zu haben. Das könne auch in Fechenheim sein. Oder im Ostend. Auch auf dem Dorf? „Da nicht.“ Die Kunstszene hält er trotzdem für ein „romantisches Ideal“. Es sei eine Klischeevorstellung, dass Künstler immer zusammensitzen und miteinander reden. „Man muss sich das eher als Hass- und Neidkommune vorstellen.“ Bimboese fällt ihm ins Wort: „Also da muss ich mal widersprechen, gefeiert wird hier auch.“

          Kunst und Party

          Künstler seien eben verschieden, sagt sie. Viele im Haus arbeiteten zusammen, Fotografen und Maler machten oft gemeinsame Sache: „Es geht mir schon um Vernetzung.“ Das sei auch der Sinn eines solchen Atelierhauses. So sieht das auch Anja Czioska, die sich Kunst ohne Szene nicht vorstellen kann. Schließlich war sie schon als Städelschülerin ein Teil davon. Und war an jenem künstlerischen Aufbruch in Frankfurt beteiligt, der mit dem Rektorat Kasper Königs an der kleinen Kunsthochschule verbunden ist. Sie arbeitet mit analogen Schnitt-Apparaturen, stellt Filme her. Die Retrotechnik bestimmt das Atelier der Künstlerin, die bei Peter Kubelka studiert hat. Kochen und Film, bei beidem wird durchgemischt, hat sie bei ihm gelernt.

          Czioska bedauert, dass so viele Künstler von Frankfurt nach Berlin gegangen sind. Wo doch ohnehin manches, was auf märkischem Sand prächtig gedeiht, seinen Ursprung am Main hat. Die Idee etwa, Kunst und Party zu verbinden. Die Mischung aus Clubkultur und künstlerischer Kreativität. Die Besetzung von innerstädtischem Brachland, um Projekte abseits der etablierten Galerien und großen Ausstellungshäuser zu realisieren.

          Halt für die Künstler

          Anja Czioska kuratiert demnächst in der Ölhalle am Offenbacher Hafen eine Schau, in der die Frankfurter Szene Thema wird. „Wegen der Vertreibung durch das Ordnungsamt Mitte der neunziger Jahre sind praktisch alle unsere Formate nach Berlin gegangen, weil sie dort bekamen, was wir hier nicht mehr hatten: Freiräume. Hätte die Stadt damals anders reagiert, wären die Künstler hier geblieben.“ Sie erinnert an die Galerie Fruchtig, an die Off-Galerien Muttertag und Gartner‘s.

          Hans Romanov habe die ersten Treffpunkte ermöglicht, die Bar Romantica, die Intim-Bar. Später seien die Atelierhäuser entstanden, wo sich der Rest, der nicht nach Berlin abgewandert ist, getroffen habe. Für Anja Czioska sind derlei Einrichtungen daher vor allem notwendig, um den hiesigen Künstlern einen Halt zu geben. Die Frankfurter Szene, sie ist vielleicht doch mehr als nur ein leerer Wahn.

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