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Radsport in der Image-Krise : Rolle rückwärts

  • -Aktualisiert am

Zugnummer im Kurpark: John Degenkolb bringt etwas Glanz in das kleine Rennen, das ohne öffentliche Gelder kaum leben könnte. Bild: dpa

Der Radsport in der Region leidet unter dem schlechten Image der Sportart. Schwer hat es auch das Kurparkrennen in Bad Homburg, wo John Degenkolb am Start ist.

          Doping, Doping, Doping! Jede Enthüllung, das wissen sie, schmälert ihre Chancen. Jede negative Schlagzeile, das spüren sie, erschwert ihr Engagement. Hört man sich bei den Menschen um, die im Rhein-Main-Gebiet an der Basis für den Radsport strampeln, ist viel von Frust die Rede. Man freut sich über die Erfolge der deutschen Rennfahrer bei der Tour de France und anderswo, über das Aufkommen einer jungen, vermeintlich sauberen Generation Berufsradler. Vom Glanz der Leistungen des Eschborners Tony Martin und des Wahl-Frankfurters John Degenkolb fällt ja auch ein bisschen etwas auf die Region ab. Doch ist dieser weit davon entfernt, die Szene zu durchdringen oder gar für Aufbruchstimmung zu sorgen. Zu tief ist der Radsport in den vergangenen Jahren gefallen.

          Peter Rohracker ist gar der Ansicht, dass der Radsport „kaputtgehen wird, wenn es so weitergeht“. Der Sportliche Leiter des Bad Homburger Kurparkrennens, das an diesem Sonntag zum 34. Mal stattfindet, sagt weiter: „Solange die scheibchenweisen Doping-Enthüllungen medial einen solchen Hype hervorrufen wie derzeit, bleibt es sehr schwer für uns.“ Der gebürtige Frankfurter und einstige Rennfahrer Rohracker könne sogar „die Sponsoren verstehen“, wie er sagt. Geldgeber, die in einer kostspieligen Disziplin wie dem Straßenrennsport so wichtig, aber kaum zu überzeugen sind. Das traditionsreiche Bad Homburger Kriterium, stets kurz nach der Tour de France terminiert, ist eines der wenigen verbliebenen hierzulande. Auch vor Rhein-Main hat das Sterben der Rennen mit Profibeteiligung nicht haltgemacht - zum Beispiel in Lorsch und Michelstadt. Das Budget des Kurparkrennens, das auf dem Rundkurs nicht nur die Elite, sondern auch die Jugend und Jedermänner kreiseln lässt, stellt zum überwiegenden Teil die Stadt Bad Homburg. Auch das einstige Henninger-Rennen „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“ am 1. Mai hat ohne die großzügigen Zuschüsse der namensgebenden Städte keine Überlebenschance.

          Schlechtes Image verschreckt Sponsoren

          Und das setzt sich fort und zieht sich durch bis zur Basis und der Jugendarbeit. Veranstalter und Vereine kennen das: Sprechen sie bei möglichen Geldgebern vor, gibt es entweder sofort eine Absage. Oder sie können ihren Gesprächspartner zwar von ihrem Tun überzeugen, dieser kann aber in seinem Unternehmen ein Engagement nicht durchsetzen. Radsport? Ja, ein schöner Sport. Aber direkt unterstützen? Nein, danke - lieber nicht die Finger daran verbrennen. „Es ist Jahr für Jahr eine Gratwanderung“, sagt Charly Brech, Vorsitzender des RV Sossenheim „Wir leben von der Hand in den Mund.“ Gemeint ist das U-23-Bundesligateam, das der Traditionsverein am Leben hält und damit die einzige Adresse in Hessen bleibt, die in dieser Klasse Rennsport mit Anspruch anbietet.

          Jedes Jahr im Herbst beginnt für die Sossenheimer das Bangen, ob die Sponsoren für den im Vergleich zu früheren Jahren kleinen Etat ihre Zusagen einhalten wollen und können. In den 90er Jahren erhielt der Klub allein von der Henninger-Brauerei 50.000 Mark, und ein Radhersteller stellte kostenlos hochwertiges Material zur Verfügung. Die Zeiten haben sich geändert: Heute verdienen sie beim RV mit eigenen organisierten Rad-Veranstaltungen zusätzlich etwas Geld, das dem Bundesligateam zugutekommt. Ohne Eigeninitiative und die finanzielle Unterstützung der Eltern der Fahrer geht es aber nicht. „Aber zum Glück geht überhaupt etwas“, sagt Brech, der die traditionell gute Nachwuchsarbeit des Klubs fortführen will, in dessen Trikot Holger Loew 1996 Junioren-Weltmeister wurde und auch Fahrer wie Fabian Wegmann, Matthias Kessler oder Tony Martin auf die Profikarriere vorbereitet wurden. In der U-23-Bundesliga belegen die Frankfurter derzeit Platz 9 unter 17 Teams.

          Radfahren ist ein kostspieliger Sport

          Die beiden besten hessischen Nachwuchsfahrer Jan Dieteren (Bensheim) und Christian Mager (Zwingenberg) fahren für das Gelsenkirchner Continental-Team Stölting. Darüber hinaus treten die Besten dieser Altersklasse aus der Region für den RV Sossenheim in die Pedale. Sie sind berufstätig oder studieren, und „keiner hat die Tendenz, Profi zu werden“, sagt Brech. „Das ist in meinen Augen auch nicht erstrebenswert.“ Dafür sind auch im Winter die Trainingsbedingungen für die RV-Fahrer, die zu sechst beim Kurparkrennen antreten werden, zu schlecht. Das haben sie in diesem Frühjahr wieder zu spüren bekommen, als beim Ausflug zum Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich kein Frankfurter das Ziel erreichte.

          Beim VC Frankfurt ist das von einem rührigen Sponsor finanzierte Projekt U-19-Bundesliga ins Stocken geraten. In der laufenden Saison sind nur noch drei Nachwuchsfahrer am Start. Radsport, so Brech, sei eben ein harter, trainingsintensiver und kostspieliger Sport. Keiner, zu dem die Kinder mit Trinkflasche und einem Paar Schuhen unterm Arm zum Sportplatz um die Ecke gehen könnten. Und wer nicht spätestens mit 14, 15 Jahren beginnt, mit umfangreichem Training Grundlagen zu legen, stößt im Leistungsbereich schnell an Grenzen. Doch die Schwierigkeiten beginnen schon damit, dass es einerseits einen Mangel an guten Trainern gibt und diese anderseits kaum die Verantwortung übernehmen können, sich mit beispielsweise sechs Zwölfjährigen auf Rennrädern in den Straßenverkehr zu stürzen. Das gilt gerade für einen autoverkehrsreichen Ballungsraum wie Rhein-Main.

          Rohracker glaubt, dass „wir die Rechnung erst in einigen Jahren zahlen werden“. Derzeit kämen noch ausreichend vielversprechende Talente hoch, die mit den (damaligen) Vorbildern Ullrich, Zabel und Co aufgewachsen sind und eine gute Förderung genossen hätten. „Doch es wird uns unten viel wegbrechen“, sagt Rohracker in Bezug auf das anhaltend schlechte Image des Radsports. Für den ausrichtenden Verein RSC Bad Homburg ist das Kurparkrennen längst der einzige Berührungspunkt mit Rennsport im Jahr. Doch ohne Profis, haben die Bad Homburger feststellen müssen, geht es nicht. Als die Stadt die Organisatoren auf dem Höhepunkt der Doping-Enthüllungen 2006 anwies, auf Profis im Kurpark zu verzichten, fand als Folge das Rennen praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Es folgte die Rolle rückwärts, und seitdem sind wieder Berufsradler und die zweite Garde der deutschen Teams vertreten. Favoriten sind in diesem Jahr freilich Tour-Teilnehmer Degenkolb und Danilo Hondo.

          Gemeinhin herrscht an der Basis die Meinung, dass der Radsport in Medien und Öffentlichkeit ungerecht behandelt wird. Nach dem Motto: Irgendwann muss es genug sein mit der Kritik. Sie stecken viel Zeit und Herzblut in ihr Metier und wollen nicht länger gemeinsam mit gedopten Profis in Sippenhaft genommen werden. Ein verständlicher Wunsch, doch sollten sie sich wohl nicht zu viele Hoffnungen machen.

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