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Radrennen Eschborn-Frankfurt : Ein ruhiger Sechziger

  • -Aktualisiert am

Am Start: Dora Sari feuert die Fahrer an. Bild: Wonge Bergmann

Zur Jubiläumsausgabe des Radklassikers Eschborn–Frankfurt sind zwar viele Radstars, aber weniger Zuschauer als sonst gekommen. Die Sehnsucht nach Atmosphäre ist groß.

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          Ein Meer von Fahrradhelmen glitzert in der Morgensonne. Mehrere Tausend Hobbyfahrer machen sich bereit, um mit dem Jedermann-Rennen – oder offiziell mit der „Škoda-Velotour“ – die Jubiläumsausgabe des Radklassikers Eschborn–Frankfurt zu eröffnen. Später am Tag werden noch die Profiteams auf dem Parkplatz vor dem Eschborner Möbelgeschäft XXXLutz losrollen. Um 9.55 Uhr aber fällt der erste Startschuss, die Fahrer treten in die Pedale, und der Moderator ruft: „It’s party time!“ Der Applaus, der folgt, ist spärlich. Wegen der Pandemie waren nur wenige Fans zum Start gekommen.

          Eine davon ist Verena Bohn. Zusammen mit ihren beiden Kindern steht sie hinter der Absperrung, um ihren Mann anzufeuern. Sie tragen Schilder, auf einem steht: „Quäl dich, du schaffst das“. Eigentlich wohnen sie nahe der Mosel, sie sind extra für das Rennen nach Frankfurt gekommen. „Die meisten anderen Rennen wurden ja abgesagt“, sagt Bohn. „Man muss zurzeit eben gucken, was möglich ist.“ Sie findet es schade, dass fast keine Zuschauer neben der Strecke sind.

          Zuschauer sollen zuhause bleiben

          Das Radrennen Eschborn–Frankfurt galt schon als Klassiker, bevor es offiziell so hieß. Gegründet wurde es 1961, im folgenden Jahr fand es erstmals statt, damals noch als Werbeaktion für die Henninger-Brauerei. Lange trug es den Namen „Rund um den Henninger-Turm“, nach inzwischen 60 Jahren ist es oft auch nur der „Radklassiker“. Außer den Profiteams nehmen jedes Jahr auch Hobbyfahrer in separaten Jedermann-Rennen teil. In den vergangenen Jahren zog es zahlreiche Schaulustige an. Nachdem das Rennen 2020 aber ausgefallen war, findet es dieses Mal unter Auflagen statt: Die Zuschauer wurden vom Veranstalter angehalten, das Rennen nicht live, sondern nur im Fernsehen zu verfolgen.

          Die meisten haben sich daran gehalten. Vor allem Angehörige der Fahrer sind zum Start gekommen. Die Stimmung ist deswegen aber nicht unbedingt schlecht – ein Grund dafür ist Dora Sari. Das zwölf Jahre alte Mädchen zählt den Countdown zum nächsten Start durch das Mikrofon und jubelt den Fahrern zu. „Ich war ein bisschen aufgeregt, aber ich habe mich überwunden.“ Sie hofft, dass ihr Vater beim nächsten Mal auch mitfährt – und sie dann für ihn wieder das Rennen einzählen darf.

          „Die Atmosphäre fehlt schon“

          Einer der Hobbyfahrer ist Volker Koch. Er denkt, dass das Fehlen der Fans auch die Fahrer beeinflusst. „Es ist nicht die Atmosphäre von sonst. Das fehlt schon.“ Trotzdem sei er froh, dass das Rennen überhaupt stattfinde.

          Etwas weiter entfernt vom Startplatz, auf einer Brücke über der Strecke, steht Christl Fischer. Die 74 Jahre alte Frau möchte ihren Sohn sehen, der auch mitfährt. Schon seit 40 Jahren verfolgt sie das Rennen. Ihr Mann, der erst vor Kurzem gestorben ist, war selbst ein begeisteter Radfahrer. „Die letzten Runden waren immer spannend“, sagt sie. Vor allem am Mammolshainer Berg, der steilsten Stelle des Rennens. „Sonst sind die Fahrer immer sofort vorbei, aber dort sieht man sie einzeln, wie sie sich anstrengen.“

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          Als es auf 13.20 Uhr zugeht und sich der Start der Profiteams ankündigt, sind auch die ersten Autogrammjäger in Eschborn unterwegs. Zum Beispiel Heiko Schwalb, der mit seinem acht Jahre alten Sohn gekommen ist und schon Bilder dabeihat, auf denen die Fahrer unterschreiben können. Sie möchten die Stars sehen, wie Lokalmatador John Degenkolb oder Vorjahressieger Pascal Ackermann. „Vielleicht stauben wir ja auch eine Trinkflasche ab“, sagt Schwalb. Am Ende drücken sie aber dem Team von Bora-hansgrohe die Daumen. „Mit solchen Events hält man den Kleinen auch mal an der Stange“, sagt er. Sein Sohn hat sich schon ein Radtrikot angezogen. Als die Profis auf der Strecke sind, versammeln sich teilweise doch zahlreiche Fans am Streckenrand. Sie bejubeln die Fahrer, die mal schnell vorbeizischen und sich mal langsam die Höhen hinaufkämpfen. Auch am Mammolshainer Berg haben sich wieder einige versammelt, um die Fahrer zu motivieren, die letzten Energiereserven anzuzapfen.

          Rennen hat vermutlich nicht an Fans verloren

          An der Alten Oper in Frankfurt ist der Zieleinlauf, normalerweise wäre das die Hauptattraktion. Zwar gibt es einige Stände, an denen Radfirmen ihre Produkte anpreisen, aber eine große Menschenmenge ist nicht gekommen. Am Brunnen sitzt Axel Rebenich, er ist selbst vor zwölf Jahren einmal mitgefahren. Ihm fehle die Lebendigkeit, die er sonst an der Alten Oper genossen habe: „Es hat schon an Stimmung verloren. Früher ist man hier gar nicht durchgekommen, dieser Volksfestcharakter fehlt.“

          An Fans verloren hat das Rennen vermutlich nicht. Wie viele sich das Ereignis – wie empfohlen – im Fernsehen angesehen haben, wird die Marktforschung noch zeigen. Bei denen, die zum Start, an die Strecke und zum Ziel gekommen sind, ist die Sehnsucht nach der Atmosphäre drumherum groß. Alle sind froh über das Rennen in seinem 60. Jahr, aber die Vorfreude auf den Radklassiker im 61. Jahr ist noch größer.

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