https://www.faz.net/-gzg-9ajcp

Radler gegen Autofahrer : Der Krieg auf den Straßen ist vorbei

Mittendrin: Zwischen Autos, Baustellen und zugeparkten Radwegen müssen sich Radfahrer mitunter ihren Weg durch die Stadt suchen. Bild: Helmut Fricke

Jagdszenen auf dem Asphalt? Das war einmal. Die meisten Radler und Autofahrer nehmen heute mehr Rücksicht aufeinander als früher. Die Mehrheit der motorisierten Verkehrsteilnehmer hat ihre Lektion gelernt.

          Wenn ich mit anderen Radlern über Autofahrer spreche, höre ich viele schlimme Geschichten. Sie handeln vom rücksichtslosen Mann am Steuer, der dem Zweiradfahrer die Vorfahrt nimmt, ihn von der Straße drängt oder um ein Haar zu Fall bringt. Und von Taxifahrern und Paketdiensten, die Radwege blockieren und zum riskanten Ausweichen auf stark befahrene Straßen zwingen. Mancher spricht sogar vom „Krieg auf den Straßen“.

          Dieter Schwöbel

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Diese drastische Wortwahl halte ich für völlig verfehlt. Die genannten Probleme gibt es zwar tatsächlich, jeder Radfahrer kann das bestätigen – auch ich radele seit vielen Jahren durch diese Stadt und erlebe sie immer wieder. Für manchen Autofahrer sind wir immer noch ein Störfaktor, und das wird womöglich auch so bleiben. Und doch: Das ist nur die halbe Wahrheit. Radfahrern geht es heute deutlich besser als vor 20 oder 30 Jahren. Und das liegt nicht nur daran, dass die Politik den Radverkehr kontinuierlich fördert, sondern auch an den Autofahrern, die viel dazugelernt haben.

          Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten

          Ich erinnere mich noch gut an ein Erlebnis in den neunziger Jahren. Ich radelte durch die Keplerstraße im Nordend, als mir ein Auto entgegenkam. Am Steuer saß ein Mann etwa Mitte fünfzig. Er fuhr erst ganz normal, dann plötzlich hielt er auf mich zu. Ich musste voll bremsen, abspringen und mich zwischen parkenden Autos in Sicherheit bringen. Solche Situationen erlebte ich mehrmals, Bekannten erging es ähnlich, Beschimpfungen, Hup-Attacken und manchmal auch Handgreiflichkeiten waren an der Tagesordnung.

          Die Stadt hatte begonnen, Tempo-30-Zonen einzurichten, um die Wohnviertel zu beruhigen. Für Radfahrer hatte das den erfreulichen Effekt, dass sie besser durch die Quartiere kamen und stark befahrene Straßen meiden konnten. Als die Stadt später nach langem Zögern auch erlaubte, in diesen Zonen gegen die Einbahnstraßen zu rollen, verbesserte sie die Lage zusätzlich. Die Autofahrer mussten akzeptieren, dass ihnen Velos entgegenkamen.

          Wenn ich heute auf einer für Radler freigegebenen Einbahnstraße fahre, erlebe ich Autofahrer anders als damals. Natürlich nicht alle, mancher macht noch immer kaum Platz oder fährt stur geradeaus, aber das mag auch an mangelndem fahrerischen Geschick liegen. Nicht jeder hat ein gutes Gespür dafür, wie weit er nach rechts ausweichen kann. Doch viele Fahrer bremsen in einer engen Straße auf Schritttempo ab.

          Mancher bleibt sogar stehen, wenn sich eine Parklücke auftut, und wartet, bis ich vorbeigeradelt bin, oder bedankt sich, wenn ich ihm das Vorbeifahren ermögliche. Das gibt mir als Radler ein ganz anderes Gefühl, ich fühle mich sicher und respektiert, und außerdem macht es gute Laune, wenn beide Seiten so partnerschaftlich miteinander umgehen. Eine Jagdszene wie in der Keplerstraße habe ich nie wieder erlebt.

          Mindestens einen Meter Seitenabstand

          Auch auf den meisten großen, stark befahrenen Straßen hat sich die Lage nach meiner Wahrnehmung deutlich verbessert. Ein Beispiel ist die Mainzer Landstraße. Zwischen Platz der Republik und Galluswarte war sie für Radler all die Jahre eine Horrorstrecke. Autos waren dort mal ein-, mal zweispurig unterwegs, weil die Piste für eine Fahrspur sehr breit, für zwei aber zu eng war.

          Ohne Radweg musste man immer damit rechnen, übersehen und an den Rand gedrängt zu werden. Weil sich auf der Strecke manchmal außerdem das Regenwasser hoch staut, gab es nasse Füße gratis dazu. Seit die Stadt vor etwa zwei Jahren auch für diesen Straßenabschnitt einen Radweg markierte, hat sich die Situation deutlich entschärft. Nun gibt es eine Fahrspur für Autos und damit genügend Raum, zu Radlern mindestens einen Meter Seitenabstand zu halten.

          Wer allerdings bis zur Galluswarte weiterfährt, wird kurz darauf mit der anderen Seite des Frankfurter Radlerlebens konfrontiert: Die Spur hört schlagartig auf, und der Pedaleur findet sich eingeklemmt zwischen einem hohen Bordstein und vorbeipreschenden Autos wieder. Leider ist auch das kein Einzelfall, nach wie vor kommen Radwege aus dem Nichts – und verschwinden auch wieder darin. Auch wenn ich anerkenne, dass die Stadt sich ernsthaft müht, das Wegenetz auszubauen und Lücken zu schließen.

          Dass ich mich heute trotz aller Mängel sicherer fühle, ist aber vor allem der großen Mehrheit der Autofahrer zu verdanken. Sie hat ihre Lektion gelernt. Für sie sind Velos zum selbstverständlichen Teil des Verkehrs geworden, dem sie rücksichtsvoll begegnen. Es ist kein Ausdruck von Lokalpatriotismus, wenn ich die einheimischen Autofahrer hervorhebe. Denn wer regelmäßig in der Großstadt unterwegs ist, hat schlicht mehr Erfahrung mit dem Betrieb auf engen, mitunter überfüllten Straßen – und Zweirädern mittendrin. Obendrein steigen mehr Autofahrer denn je selbst auf den Sattel. Sie wissen also genau, wie man sich ohne schützendes Blech und integrierte Knautschzone fühlt und verhalten sich entsprechend.

          Mancher Radfahrer beherrscht Verkehrsregeln nicht

          Allerdings muss ich an dieser Stelle auch Kritik üben – an Radfahrern. Mancher scheint die Verkehrsregeln nicht zu beherrschen, andere ignorieren sie offenbar aus Prinzip. Auch erlebe ich es immer wieder, dass sie kaum Rücksicht auf Fußgänger nehmen und an Straßenbahnhaltestellen durchfahren, obwohl die Fahrgäste über die Straße gehen. Das führt nicht gerade dazu, dass einen andere Verkehrsteilnehmer respektieren, sondern erzürnt sie zu Recht.

          Ich schreibe so freundlich über Autofahrer, obwohl ich in den vergangenen Tagen zweimal fast umgefahren worden wäre. Einer bog ab, ohne meine Vorfahrt zu beachten. Der andere schaute vor dem Rechtsabbiegen nicht, ob sich jemand im toten Winkel befindet – der Klassiker aller Radunfälle mit oft verhängnisvollen Folgen. In beiden Fällen konnte ich zeitig bremsen. Als Radler muss man mit solchen Fehlern immer rechnen. Aber nicht, weil man sich in einem Krieg befände.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Donald Trump am 12. Juli in Milwaukee

          Provokation auf Twitter : Trumps Spiel mit dem Feuer

          Auf Twitter beleidigt Amerikas Präsident vier Parlamentarierinnen rassistisch. Mit der Provokation will er Konflikte unter den Demokraten schüren – und scheitert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.