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Radfahren im Rheingau-Taunus : Pannenhilfe am Probierstand

Teure Strecke: Radweg zwischen Rüdesheim und Assmannshausen Bild: Michael Kretzer

Ein Areal wie der Rheingau-Taunus, weitläufig und alles andere als flach, ist für das gemütliche Radeln nur bedingt geeignet. Weil alle an den Strom wollen, sind Konflikte programmiert.

          3 Min.

          Sie haben es hier nicht einfach. Ein bergiger Flächenkreis ist kein gutes Pflaster für Fahrradfahrer. Wer am Wochenende schon früh am Morgen im Rheingau oder Untertaunus auf dem Weg zum Bäcker ist, der begegnet zwar professionell gekleideten Radsportlern, die mit Rennrad und Mountainbike in der Topographie von Rheingau und Untertaunus eine sportliche Herausforderung suchen. Doch ihnen ist die Straße oder der Wald genug. Sie vermissen kein ausgefeiltes Radwegnetz. Andere vielleicht schon.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Wer im Kreishaus danach fragt, wird vertröstet. Eine Übersicht über die Radwege in allen 17 Städten und Gemeinde lässt sich nicht einfach aus der Schublade ziehen. Aber auch im Kreishaus gibt es die Erkenntnis: Wegen der vielen Hügel und Berge in dem 811 Quadratkilometer großen Kreis „entwickelt sich kaum ein flächenhafter Alltagsverkehr“. Auch das Aufkommen der E-Bikes scheint daran bislang wenig geändert zu haben. Auf seiner Internetseite wirbt der Kreis für gerade einmal 68 Kilometer Radwege entlang von Bundes-, Landes- und Kreisstraßen.

          Immerhin: Der Landkreis realisiert derzeit eine einheitliche Radroutenbeschilderung. Im Idsteiner Land und im westlichen Untertaunus gibt es sie schon. Der Rheingau fehlt noch. Diese Routen werden über vorhandene Radwege, aber auch über Stadt- und Gemeindestraßen und Feld,- Wald- und Wiesenwege geführt. Die Lust am Radfahren im Rheingau-Taunus beschränkt sich weithin auf die radsportliche Variante und auf Veranstaltungen an autofreien Sonntagen wie „Fahr zur Aar“ zwischen Taunusstein und Aarbergen und „Tal total“ zwischen Rüdesheim und Koblenz. Und das, obwohl es durchaus einige schöne Radrouten gibt, durch das Ems- und Wörsbachtal zum Beispiel. Und Taunusstein plant gerade, das Aartal besser für Radler zu erschließen.

          Mit professionellen Reparaturkoffern ausgerüstet

          Eine Besonderheit allerdings ist der Rheingau. Genauer: Der den Strom begleitende Leinpfad, von dem aus in der Zeit vor dem Aufkommen der Dampfschifffahrt die Segelschiffe stromaufwärts gezogen wurden. Der Leinpfad ist ein kulturhistorisches Merkmal des Rheingaus und zugleich ein Wirtschaftsweg der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung am Rhein. Zu diesem Pfad hin zieht es die Ausflügler und Erholungssuchenden seit jeher. Auch jene, die auf zwei Rädern unterwegs sind. Die Weinprobierstände entlang des Leinpfads sind sogar mit professionellen Reparaturkoffern ausgerüstet, damit niemand liegenbleibt, der mit seinem Drahtesel ein Problem hat.

          Nach jahrelangen Diskussionen und der Überwindung vieler Widerstände, auch dank der Förderung des Bundes, war der Pfad zwischen Eltville und Rüdesheim vor acht Jahren asphaltiert worden, um seine Attraktivität weiter zu erhöhen. In zwei Naturschutzgebieten wurde sogar gepflastert, um diese Abschnitte optisch hervorzuheben. Das Stück zwischen Walluf und Eltville wurde hingegen im natürlichen Zustand belassen.

          Abruptes Ende: Vor dem Fähranleger Rüdesheim müssen Radler auf die Straße
          Abruptes Ende: Vor dem Fähranleger Rüdesheim müssen Radler auf die Straße : Bild: Michael Kretzer

          Wer kann, der meidet allerdings den Leinpfad vor allem an schönen Tagen. Denn er ist schmal, und der Andrang ist so groß, dass Konflikte an der Tagesordnung sind. Mit viel Geld geschaffene Ausweichangebote für Radler neben der alten Bundesstraße und ohne Aussicht auf den Rhein sind nicht attraktiv – Ausflügler lassen sich nicht gerne belehren, wie und wo sie ihre Freizeit verbringen sollen.

          Koste es, was es wolle

          Weil das Fahrradfahren am Wasser so beliebt ist, hat der Bund eigens Regeln geschaffen für den „fahrradtauglichen Ausbau von Betriebswegen an Bundeswasserstraßen“. Und wo es diese Wege nicht gibt, werden komplett neue finanziert. Koste es, was es wolle.

          Rund 115 Millionen Euro investiert der Bund derzeit in die 11,3 Kilometer lange Verlängerung des Leinpfad-Radwegs zwischen Rüdesheim und der Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz hinter dem Lorcher Stadtteil Lorchhausen. Gut die Hälfte ist nach 13 Jahren Bauzeit vollendet, 2023 soll der ganze Weg befahrbar sein. Es wird wohl der teuerste Radweg Deutschlands ein, auch wenn dieses pauschale Urteil dem Projekt nicht ganz gerecht wird. Denn es entsteht nicht nur ein 2,50 Meter breiter Rad- und Gehweg, der teils wie ein Balkon über den Rheingau hinauskragt, sondern es wird dabei auch die Rheinuferstraße durchgehend auf eine Breite von sieben Metern ausgebaut. Das bedingt den teuren Neubau von Stützmauern zur parallel verlaufenden Bahnlinie.

          Spott und Kritik gibt es für das abrupte Ende des Radweges rund 200 Meter vor dem Fähranleger in Rüdesheim. Dort müssen die Radler vom Radweg auf die stark frequentierte Bundesstraße wechseln, um bis zum Bahnübergang zu gelangen. Fußgänger müssen sogar umkehren, wenn sie das Verbotsschild bei Assmannshausen nicht beachtet oder übersehen haben. Das sie von Rüdesheim aus tatsächlich drei Kilometer zurückmarschieren werden, erscheint weltfremd. Hessen Mobil drosselt den Autoverkehr auf Tempo 30, um wenigstens die Gefährdung der Radler zu minimieren. Das gilt als Provisorium, das baldmöglichst durch ein besseres Provisorium ersetzt werden soll, das dann solange halten muss, bis der Rüdesheimer Bahnübergang einmal beseitigt ist. Wann weiß allerdings heute niemand.

          Laut Kreisverwaltung ist der Uferweg derzeit kreisweit das einzige Radwege-Ausbauvorhaben. Und für dieses Vorhaben gilt, was die meisten großen Verkehrsinfrastrukturvorhaben in Deutschland auszeichnet: schwieriger als erwartet, später vollendet als erhofft und teurer als geplant. Denn die Kosten sollten ursprünglich nur knapp 39 Millionen Euro ausmachen, die Bauzeit sollte acht Jahre betragen. Nun könnten es 115 Millionen Euro bei 17 Jahren Bauzeit werden. Immerhin soll der Weg rechtzeitig zum Beginn der Bundesgartenschau im Mittelrheintal im Jahr 2029 fertig werden. Das könnte tatsächlich zu schaffen sein, und das entspannte Radeln am Strom zu einem durchgängigen Vergnügen machen.

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