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Urteil über Anrede : Fräulein wider Willen

Weil ihre Vermieter im Putzplan die Bezeichnung „Fräulein“ wählten, sah sich eine Frau über die Anrede, mit der ihr Familienstand öffentlich wurde, diffamiert und in ihrem Persönlichkeitsrecht verletzt (Symbolbild). Bild: dpa

Das Frankfurter Amtsgericht musste sich mit dem Putzplan eines Mehrfamilienhauses beschäftigen. Geklagt hatte eine Mieterin, weil die Hauseigentümer für sie die Anrede „Fräulein“ wählten.

          Vergesst das Klima, den Brexit, die nachlassende Konjunktur. Die wahren Krisen spielen sich in deutschen Treppenhäusern ab. Vermutlich ist das der Ort, an dem der meiste Streit entsteht – was übrigens auch einmal eine Studie wert wäre. Zumeist geht es dabei um Kinderwagen und Fahrräder, die angeblich im Weg stehen, um beim Einzug entstandene Kratzer, aber vor allem geht es um die Sauberkeit. Um die sich die Nachbarn nicht ausreichend kümmerten.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nun ist ein Putzplan eines Mehrfamilienhauses vor dem Amtsgericht gelandet. Nicht aber etwa, weil er nicht fair und gerecht geregelt hätte, wer wann dran sei. Geklagt hatte eine Mieterin gegen die Hauseigentümer, weil die partout nicht davon lassen wollten, sie in der Liste mit der Anrede „Fräulein“ aufzuführen. Genauso handhabten sie es, wenn sie ihrer Mieterin einen Zettel mit einer Botschaft an die Tür hefteten. Die Frau sah sich über die Anrede, mit der ihr Familienstand öffentlich wurde, diffamiert und in ihrem Persönlichkeitsrecht verletzt. Sie verlangte vor Gericht Unterlassung, verbunden mit der Androhung, dass die Vermieter jedes Mal 1500 Euro zahlen müssten, sollten sie weiter die inkriminierte Anrede vor den Namen setzen.

          Alter der Beklagten entscheidend

          Das Gericht hat die Klage abgewiesen. Aber nicht mit leichter Hand, sondern aufgrund tiefschürfender Überlegungen. Da ist zum einen das Alter der Beklagten. Die Hauseigentümer sind 92 und 89 Jahre alt. Bis 1972, als im emanzipierten Deutschland die Anrede für eine unverheiratete Frau gleich welchen Alters aus den öffentlichen Registern verbannt wurde, hätten sie den Begriff „Fräulein“ als korrekten, nicht despektierlichen Namenszusatz gekannt. Außerdem habe sich die Klägerin, als sie 1984 einzog, nicht daran gestört, dass sie in dem Mietvertrag so bezeichnet wurde.

          Dann richtet das Gericht in dem Urteil den Blick über Deutschland hinaus und schaut zum Beispiel nach Frankreich. Dort sei der Begriff der „Mademoiselle“ noch gebräuchlich, auch wenn derzeit dagegen protestiert werde. Oder nach Großbritannien: Im Königreich rege sich niemand auf, wenn eine Frau „Miss“ genannt werde. Kurzum: Aus der für die Juristen so entscheidenden Sicht eines „verständigen, unbeteiligten Dritten“ hält das Gericht das Beharren auf den die Klägerin nervenden Zusatz nicht für ehrverletzend, sondern allenfalls für unfreundlich und unhöflich.

          Auch bei dem Einwand, das „Fräulein“ auf dem im Treppenhaus aushängenden Putzplan sei jedenfalls ein Verstoß gegen die Datenschutzgrundverordnung, hat das Amtsgericht abgewunken. Es gebe keine Hinweise darauf, dass die Vermieter „personenbezogene Daten automatisiert verarbeiteten oder speicherten“, was aber die Grundverordnung erst zur Anwendung brächte. Den Putzplan, das permanente Ärgernis der Klägerin, schreibt die betagte Vermieterin wie immer schon weiterhin mit der Hand.

          Das Urteil ist nicht rechtskräftig (Aktenzeichen 29 C 1220/19).

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