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Puppenklinik : Patienten mit Kuschelfaktor

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Puppenklinik: Mit Hausmittelchen und vielen guten Ideen päppelt Hannelore Reidel ihre Patienten auf. Bild: Marcus Kaufhold

Hannelore Reidel betreibt in Wiesbaden eine Puppenklinik. Erfindungsreich päppelt sie in die Jahre gekommene Lieblinge auf. Dabei bleibt sie erstaunlich unsentimental.

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          Auf dem Operationstisch liegen Haken, drei Gummirollen unterschiedlicher Größe, Farbe und Pinsel. Tischlampen mit Lupen leuchten die weiße Fläche aus, während Hannelore Reidel ein Bein verarztet. Zwei Beine liegen neben ihr, außerdem zwei Arme. Weitere Gliedmaßen türmen sich in einer Schachtel auf dem Tisch. Das Bein, das Reidel in der Hand hält, hat sie schon gespachtelt, es hatte einen Riss an den Zehen. Jetzt pinselt sie es hautfarben an.

          Die Firma Schildkröt produziert Puppen in vielen Größen nicht mehr. Deshalb kann Reidel das Bein nicht einfach austauschen, sondern muss versuchen, es so zu reparieren, dass die Verletzung nicht mehr zu sehen ist. Dafür wird sie die Farbe, sobald sie trocken ist, mit Vaselinöl einreiben. „Durch das Öl verändert sich die Farbe ein wenig und das Bein glänzt wieder“, sagt die Einundsiebzigjährige und zwinkert.

          Mit Hausmittelchen, Tricks und Erfindungsreichtum betreibt Reidel seit zehn Jahren die „Puppenliebe“, die einzige Puppenklinik Wiesbadens. Sie repariert wertvolle alte Puppen und päppelt totgeknuddelte Kuscheltiere wieder auf. Kinder von fünf bis 70 Jahren sind ihr dankbar dafür. Eine Ausbildung zur Puppendoktorin gibt es nicht, früher hat Reidel in anderen Berufen gearbeitet. Aber immer mit viel Phantasie und Kundenkontakt. Und immer in der gleichen Ecke Wiesbadens.

          Alternative zur Rente

          Reidel, 1947 als Hannelore Halter geboren, fing mit 14 Jahren eine Ausbildung zur Drogistin an. Sie verkaufte Kräuter, mischte Tees und Tinkturen. In dem Beruf arbeitete sie auch nach der Hochzeit weiter, mit einer Pause, als 1977 die Tochter geboren wurde. Ihr Mann Willi arbeitete im Farbengeschäft auf der anderen Straßenseite. Als er „Farben Werner“ 1986 übernahm, hörte sie bei der Drogerie nach beinahe 30 Jahren auf und mischte statt Kräutern Farben und Lacke.

          Als ihr Mann 1991 einen schweren Sportunfall hatte, übernahm Hannelore Reidel die Hauptverantwortung für den Laden. Sie mischte Farben, nähte Gardinen, vermittelte Maler. Über den Laden kam sie letztlich auch zu den Puppen: Sie hatte einen alten Puppenwagen als Dekoration im Schaufenster stehen. Ein Mann, der das sah, brachte einen ähnlichen Wagen von zu Hause mit und fragte sie, ob sie den reparieren könne. Sie nähte die Kissen neu, strich den Puppenwagen an.

          „Der Mann hat dann begeistert seinen Freunden davon erzählt und es kamen lauter andere Leute mit ihren Puppenwagen“, sagt Reidel. Sie erinnert sich und schüttelt dabei amüsiert den Kopf. Über die Jahre kamen dann Kunden mit Puppenhäusern und Puppen zu ihr. „Die sagten, wenn du Puppenwagen reparieren kannst, kannst du das auch“, erzählt Reidel und zuckt mit den Schultern. Als ihr Mann Willi im Jahr 2000 starb, fiel es ihr schwer, den großen Laden allein weiterzuführen. 2007 machte „Farben Werner“ dann zu. Reidel wollte aber nicht einfach in Rente gehen. „Ich hatte ja mein ganzes Leben gearbeitet“, sagt sie. Deshalb eröffnete Reidel 2008 die Puppenklinik. Nicht weit vom alten Farbgeschäft und ihrer eigenen Wohnung entfernt.

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