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Nach Mord im Hauptbahnhof : „Davor kann man sich nicht schützen“

Erinnerung an den toten Jungen: Passanten legen Blumen am Frankfurter Hauptbahnhof nieder. Bild: Frank Röth

Der Psychologe Borwin Bandelow befasst sich mit dem Thema Angst. Was löst eine Tat wie der Mord im Frankfurter Hauptbahnhof bei den Menschen aus?

          Müssen wir jetzt künftig Angst haben, am Bahnsteig zu stehen?

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nein, das müssen wir nicht. Noch ist nicht genug über den Täter bekannt, als dass sich daraus Schlüsse ziehen ließen. Wie man hört, hatte er möglicherweise psychische Probleme; davor kann man sich nicht schützen. Dass jemand, der zum Beispiel unter einer Psychose leidet, unverständliche Taten begeht, kommt leider immer wieder vor. Aber wir müssen keine Angst haben, dass so etwas nun ständig passiert. Auch, wenn es uns angesichts der Dichte der Vorkommnisse momentan so erscheint. In London und Paris sind die Bahnsteige zum Teil abgesichert, so dass man gar nicht aufs Gleis fallen kann. Ich weiß aber nicht, ob man so etwas in Deutschland einführen muss. Solche Taten, dass jemand einen anderen bewusst vor eine Bahn stößt, sind doch extrem selten. Da ist es wahrscheinlicher, Opfer eines Unfalls mit dem Auto oder dem Fahrrad zu werden.

          Dennoch stellen sich viele Menschen die Frage, ob Bahnhöfe die neuen Angstträume sind.

          Am Bahnsteig war es immer schon gefährlich. Auch vor dieser Tat. Ich fahre viel Zug und erlebe es beinahe täglich, wie groß die Angst gerade um die Kinder ist, dass sie zu nahe an die Bahnsteigkante geraten. Ich glaube nicht, dass nun eine Welle von solchen Morden geschehen wird. Das, was wir am Montag erlebt haben, wird ein singuläres Ereignis bleiben.

          Dennoch: Welche Spuren hinterlässt eine solche Tat in der Gesellschaft?

          Ich glaube nicht, dass wir dauerhaft ängstlicher werden und in unserer Lebensqualität eingeschränkt sind. Da greift der berühmte Vier-Wochen-Effekt. Kurz nach einer solchen Tat sind die Menschen sehr betroffen und richten vielleicht sogar ihr Leben danach aus. Irgendwann kehren sie zur Normalität zurück, und auch das mediale Interesse lässt nach. Generell ist es so, dass sich eine Angst immer dann entwickelt, wenn der Eindruck entsteht, dass eine Gefahr neu und unbeherrschbar ist. Der Fall am Frankfurter Hauptbahnhof ist ein Beispiel dafür. Dass jemand völlig unbekannte Menschen aus Mordlust oder wegen einer psychischen Erkrankung vor den Zug stößt, scheint eine neue und unbeherrschbare Gefahr zu sein. Deshalb können wir nur schwer damit umgehen.

          Dann ist es also eine rein emotionale Debatte?

          Im Grunde genommen schon. Die Menschen werden irgendwann wieder vergessen und nicht mehr darüber nachdenken, wie sie am Bahnsteig stehen. Sie werden zur Normalität zurückfinden, weil das für sie die gewohnten Zustände sind.

          Beunruhigt sind vor allem viele Mütter, die mit ihren Kindern Zug fahren. Welche Rolle spielt die Identifikation mit den Opfern?

          Eine sehr große. Denn es ist ein extrem tragisches Ereignis, dass die Mutter sich noch retten konnte und das Kind verstarb. Das berührt die Menschen und wühlt sie auf. So, wie es sich in dieser konkreten Situation nach derzeitigen Erkenntnissen zugetragen hat, ist es eine schreckliche Vorstellung. Sicherlich wird es Mütter geben, die in nächster Zeit mehr Angst um ihre Kinder haben. Aber auf Dauer werden wir zur Normalität zurückkehren.

          Welche Rolle spielt es, dass der mutmaßliche Täter in diesem Fall aus Eritrea kommt?

          Zunächst einmal ist es Wasser auf die Mühlen derer, die sowieso der Meinung sind, diese Person gehört hier nicht her. Es wäre aber falsch, diese Tat politisch zu missbrauchen. Stattdessen müssen die Ermittlungen abgewartet werden. Wenn er psychisch krank ist, kann es sogar sein, dass der Täter straffrei davonkommt mit einer Schuldunfähigkeit. Auch das macht viele natürlich wütend, weil es im Ergebnis keinen Unterschied macht. Das Opfer wird dadurch nicht wieder lebendig, die Mutter wird ihren Sohn nicht wiederbekommen. Klar ist aber, dass spätestens dann die Herkunft keine Rolle mehr spielt.

          Borwin Bandelow ist Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen.

          Auffällig ist, dass wir innerhalb einer Woche zwei Extreme erlebt haben: In Wächtersbach war ein Eritreer das Opfer, hier der mutmaßliche Täter. Spielt das in der Wahrnehmung der Menschen eine Rolle, nach dem Motto: Guter und böser Ausländer?

          Auch hier spielt es wieder eine Rolle, aus welcher Motivation heraus die Taten verübt worden sind. Pauschal beantworten lässt sich diese Frage nicht. Vielmehr muss man differenzieren und sich sagen: Es gibt auch Deutsche, die unter psychischen Erkrankungen Straftaten begehen. Deshalb geschehen gewisse Taten ohne Bezug zur Herkunft.

          Anders gefragt: Ist es überhaupt möglich, sich davon zu lösen, woher ein Täter stammt – oder ist es ein Reflex, dass man umso empörter ist, wenn ein Ausländer eine solche Tat begeht?

          Tatsächlich denken viele so. Sie argumentieren dann: Das wäre gar nicht erst passiert, wenn die Person nicht ins Land gekommen wäre. Obwohl das nicht wirklich logisch ist. Diese Meinung, dass vor allem Mörder, Drogenhändler und Vergewaltiger nach Deutschland gekommen sind, hat sich offenbar verfestigt.

          Das heißt, die meisten Menschen sind nicht frei davon?

          Ja. Und das müssen nicht unbedingt AfD-Anhänger oder Neonazis sein. Dieses Gedankengut, dass die „falschen Leute“ ins Land gekommen sind, ist sehr verbreitet im Moment. Die Menschen erstellen sich ihre eigene Statistik, die natürlich subjektiv geprägt ist, weil diese Taten einfach so schrecklich sind und Menschenleben innerhalb einer Sekunde ausgelöscht werden, völlig ohne Sinn und Verstand. Dabei ist Angst ist ein schlechter Statistiker.

          Was bedeutet das im Hinblick auf die Spaltung der Gesellschaft? Wird die Kluft immer größer?

          Im Moment hat man zumindest das Gefühl, weil sich die Fronten weiter verhärten. Taten werden instrumentalisiert und polarisieren. Und die Politiker haben nichts anders mehr zu tun, als sich einen Wettbewerb zu liefern, wer die Ausländer am schnellsten wieder nach Hause befördert.

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